Die Pfauenfeder

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27. November, ein Montag

„Es fällt mir schwer“ fällt es Elfriede Winter, unserer heutigen Verhörkandidatin, schwer, „über meine Kindheit zu erzählen. Sie wurde überschattet von unbeschreiblicher Not und der Sorge um den täglichen Champagner, so daß wir oft genug mit deutschem Schaumwein Vorlieb nehmen mußten, wenn uns der Sinn nach einem Vollbad stand. Wir waren so bitterarm, daß wir den Kaviar aus der Dose löffelten, weil das chinesische Geschirr in Ermangelung eines geeigneten Spülmittels schmutzig im vergoldeten Spülbecken vor sich hin rottete.

Um seine darbende Familie zu ernähren, war meinem Vater keine Arbeit zu schwer. Frühmorgens gegen 11 ließ er sich von seinem Chauffeur zur Deutschen Bank fahren, wo man ihm sein Erspartes aus dem Tresor holte, es vor ihm auf zwei langen Tischen anhäufte, damit er zusehen konnte, wie es sich fleißig vermehrte. Nach dem Lunch, so gegen 4, ließ sich Vater abermals zur Bank kutschieren und die neuesten Börsenkurse aushändigen, bevor er, so gegen halb 5, ermattet nach Hause kam und auf die Wohnzimmercouch sank, von wo aus er telefonisch gewisse Transaktionen tätigte, die aber täglich kaum mehr als eine halbe Million DM abwarfen.

Trotz unserer sehr prekären wirtschaftlichen Situation legten meine Eltern großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder. Uns standen nur die besten Kinder-und Jugendbücher zur Verfügung: „Pippi Langstrumpf und das Geheimnis der Mehrwertsteuer“, „Nesthäkchen geht an die Börse“, „Benjamin Blümchen kämpft gegen die Gewerkschaftsmafia“ - noch heute bin ich meinen Eltern dankbar, daß sie mich schon früh durch anspruchsvolle Literatur für drei wichtigsten Dinge des Lebens sensibilisierten: Geld, Geld, Geld.

Mit 18 machte ich Abitur und begann eine Banklehre sowie ein Studium der Betriebswirtschft. In meiner Freizeit jobbte ich als Spekulantin, Streikbrecherin und Mietwucherin, verlobte mich mit einem Immobilienhai, was sich im Nachhinein als ein großer Fehler herausstellte. Denn die beruflichen Aktivitäten meines Versprochenen erschöpften sich darin, einen Raum seiner Zweizimmerwohnung an Gastarbeiter unterzuvermieten. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie laut es ist, wenn zwanzig Menschen in einem 12 Quadratmeter großen Zimmer zur gleichen Zeit nießen müssen und dabei noch auf Türkisch „Gesundheit!“ rufen.

Nach diesem ersten großen Fehler meines Lebens machte ich gleich den zweiten, noch größeren. Ich lernte meinen mir noch immer Angetrauten, den auch Ihnen nicht unbekannten Herrn Winter kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick auf seine Kontoauszüge. So viele Nullen! Leider mußte ich - zu spät -feststellen, wieder einem üblen Blender in die Falle getappt zu sein. Winter hatte nämlich sein Konto bei einer italienischen Bank.

Immerhin: Er schenkte mir zwei Kinder sowie, zu unserem 1. Hochszeitstag, das Lehrbuch „Skrupellos in 14 Tagen“, das ich in einer Nacht las, um am nächsten Morgen die Schnuller meiner Erstgeborenen meistbietend zu versteigern. Da Winter als Gelegenheitsagent und Möchtegernjournalist nur sehr ungenügend zum Unterhalt beitragen konnte, arbeitete ich von abends bis in den frühen Morgen in der „DAX-Bar“ nahe der Frankfurter Börse als Animierdame. Ich konnte meinen Gästen so manchen Insidertip entlocken und ein beachtliches Vermögen steuerfrei zur Seite schaffen, von dessen Zinsen ich gut leben könnte, wenn ich so blöd wäre, mich nicht durchzuschnorren. Die Zukunft? Ich werde mein Studium beenden, meine Kinderbuchsammlung an meine beiden Mädchen zum Freundschaftspreis verkaufen und wahrscheinlich einen Großindustriellen heiraten.“

Elfriede schweigt jetzt, schwer mit sich und ihren Gefühlen ringend. Uns ergeht es nicht anders, auch wir sind erschüttert von diesem Schicksal und beschließen eine spontane Sammlung zur Linderung des gröbsten Elends.

„Tapfere Frau!“ lobt Hutschenreuther. „Wer soviel erlitten hat, der kann nicht morden. Oder gerade doch?“

Wir legen unsere Stirne in Falten und denken nach.

 

 

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