Die Pfauenfeder

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3. Dezember, ein Sonntag

„Kommt garnicht in die Tüte!“ Mit diesen resoluten Worten reagiert Elfriede Winter, Erziehungsberechtigte der kleinen Beate, auch „Baby“ genannt, auf den Losentscheid, nach dem heute ihre Leibesfrucht einem peinlichen und professionellen Verhör unterzogen werden soll. „Baby hat doch noch nichts erlebt! Außerdem verbreitet sie nichts als Lügen über ihre Mutter!“ Doch die Lage ist ernst, niemand kann geschont werden, und so willigt Elfriede zähneknirschend ein, als wir die kleine Beate in unsere Mitte bitten und ich mit der Befragung beginne.

„Hattu Onkel puttmacht?“ hebe ich in kindgemäßer Sprache an. Beate nickt begeistert, zeigt auf Hutschenreuther und jubiliert: „Au ja! Onkel da puttmachen! Sofort. Ganz groß Klasse! Mit Feuerzeug anstecken wie anderen Onkel da!“

„Da hört sich doch alles auf!“ entrüstet sich Hutschenreuther. „Was für eine Erziehung ist das nur! Daraus werden später diese Kriminellen, die sich nicht entblöden, Windbeutel auf dichterlesende Altkanzler zu werfen, wie erst jüngst passiert!“

Ich sehe ein, daß wir in Anbetracht der Besonderheiten dieses heutigen Verhörs mit traditionellen Methoden kaum weiterkommen werden und akzeptiere den Vorschlag Hutschenreuthers, Beate in eine sogenannte Zukunftstrance zu versetzen, damit sie sich an das Leben erinnert, das ihr noch bevorsteht. Zu diesem Zweck wedelt der Hypnotiseur so lange mit einem Haribo-Goldbären vor Beates Augen herum, bis diese leer auf die hübsche Blümchentapete unseres Hotelzimmers starren. „Es ist soweit!“ vermeldet befriedigt der mit außerirdischen und übermenschlichen Kräften Gesegnete und übergibt mir die so zubereitete Beate zum Verhör.

„Wie heißt du?“ frage ich raffiniert, und mit überraschend reifer Stimme ertönt die Antwort: „Ich heiße Beate Winter, bin 34 Jahre alt und habe in meinem Leben kein Glück gehabt. Mit einer Mutter gesegnet, welche aus übermäßigem Geschlechtstrieb heraus keinen Mann von ihrer Bettkante stoßen konnte und, falls gerade keine Bettkante vorhanden war, mit jeder nur denkbaren Stellung vorlieb nahm, ihrem Trieb nachzugeben, mit einer solchen Mutter also konnte aus mir nichts anderes und schrecklicheres werden als eine Sozialpädagogin. Im Jahre 2000 waren wir mit dem heute berühmten Dichter und dreifachen Literaturnobelpreisträger Rudolph unterwegs, und obwohl meine Mutter auch ihn nicht von der Bettkante gestoßen hat, trennten sich an Heiligabend 2000 unsere Wege wieder, was ich heute bedauere, denn als Stieftochter eines so hochgepriesenen und stinkreichen Dichters wäre mir manches im Leben erspart geblieben. Aber nicht einmal dazu war meine Mutter in der Lage, einen weltfremden Schreiberling dank ihrer sexuellen Attraktion an sich zu binden. Jedenfalls studierte ich demzufolge Sozialpädagogik, und meine Schwester Baby, auch Beate genannt, hat ein noch viel schlimmeres Schicksal erwischt. Sie studiert heute in Landshut am Lech angewandte Kneipenbedienungswissenschaften und wird, ganz sicher, einmal hinter der Theke eines Szenelokals enden.

Mit 20 werde ich einen dynamischen Jungpolitiker kennenlernen, der als „der zweite Guido“ in die Geschichtsbücher eingehen wird, obwohl er eigentlich Siegfried heißt. Leider tritt er in die FDP ein und landet schließlich als sozialpädagogischer Sprecher im Kreistag von Buxtehude, dem einzigen deutschen Parlament, bei dessen Wahlen die FDP die Fünfprozenthürde überspringen kann. Die Beziehung endet tragisch. Wir heiraten. Ich erbe indes die Triebhaftigkeit meiner Mutter und betrüge meinen Ehegatten in den folgenden Monaten mit folgenden Personen: dem Landschaftsgärtner Bäuerle, dem Frührentner Stoltze, dem Vorsitzenden der GRAUEN PANTHER und Vizebundeskanzler Glüwein, dem vorbestraften Streuner Schmidt-Vorbeck, dem Jugendlichen Herzog, dem....“

„Aufhören!“ schreit Elfriede dazwischen! „Das ist ja furchtbar! Mein armes Kind! Und lügen tut es später ja noch schlimmer als heute!“ „Nun“ resümmiere ich, „ich denke, daß uns das Verhör ein gutes Stück weitergebracht hat. Mir jedenfalls hat es bewiesen, daß es sich gelohnt hat, den Duden auswendig zu lernen. Dreifacher Nobelpreisträger! Und das war noch nicht mein letztes Wort!“

Die ganze Runde stöhnt auf und begibt sich deprimiert zu Bett.

 

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