Die Pfauenfeder

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4. Dezember, ein Montag

Es ist immer wieder das gleiche: Ein neuer Bahnhof, eine neue Stadt, eine neue Fußgängerzone. Seit der französische Soziologe Pierre Bourdieu in der Bild-Zeitung Hutschenreuther als „ersten postmodernen Popstar nach Britney Spears“ bezeichnet hat, lungern bisweilen ein paar „Teenies“ (O-Ton Hutschenreuther) am Bahnhof herum und heischen Autogramme sowie einen Blick auf „deinen Waschbrettbauch“, was Hutschenreuther unter Einziehung seiner beträchtlichen Wampe gerne gewährt. Natürlich finden sich auch immer etliche Oberstudienräte ein, die „endlich einmal Goethe die Pfote schütteln wollen“. Nicht zu reden von den armen Irren, den Möchtegernautoren, welche mich zum Hochleistungswettdichten herausfordern und immer hochkant verlieren (spätestens nach der Verlängerung um 2x15 Aphorismen und Metaphernschießen). Alles hat also eine gewisse Normalität entwickelt, auch das Frühstück, welches wir heute in „Frederiks Frühstücksbude“ zelebrieren. Mitten im dritten Croissant klingelt Hutschenreuthers Handy, das sich dieser eitle Mensch angeschafft hat, um eine „Hotline für unersterblich in mich verliebte Teenager“ einzurichten.

„Ja“ meldet sich der Besitzer jovial, „hier kein Geringerer als Hutschenreuther persönlich, laut Pierre Bourdieu in der Bildzeitung erster postmoderner Popstar nach Britney Spears - womit kann ich dir helfen, schönes junges Kind?“

Für einen Moment herrscht betroffenes Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann wispert eine Stimme: „Äh...hier ist eigentlich Günter Jauch. Sie kennen mich bestimmt. Ich moderiere die Erfolgssendung WER WIRD MILLIONÄR bei RTL. Bei mir sitzt soeben in der Aufzeichnung unserer neuesten Sendung Ihre sehr verehrte Frau Mutter, Herr Hutschenreuther. Es geht um die 1-Million-Frage, und Ihre Frau Mutter weiß nicht weiter. Also hat sie ihren letzten Trumpf ausgereizt, den sogenannten Telefonjoker. Ich gebe Ihnen jetzt Ihre Frau Mutter. Sie haben 30 Sekunden Zeit, die Frage, welche Ihnen Ihre Frau Mutter vorlesen wird, zu beantworten. Toi, toi, toi!“

Hutschenreuther ist während dieser Rede Jauchens ins Schwitzen gekommen und brüllt nun ins Telefon: „Mutter, bist du da? Was suchst du denn in so einer Sendung? Du weißt ja noch nicht einmal, daß die Erde neuerdings rund ist!“

„Sei still!“ schallt es zurück, und Hutschenreuther wird ganz blaß um die Nase. „War doch nicht so gemeint, Mammi. Du bist doch meine Beste, du weißt doch, ich werde nie eine Frau außer dir lieben. Das sind doch alles Schlampen, hast du selber gesagt.“ „Genau!“ bestätigt Frau Hutschenreuther. „Aber über dich muß man ja schöne Schweinereien in der Zeitung lesen. Der Herr Bourdieu aus Frankreich nennt dich sogar den ersten postmodernen Popstar seit Johannes Hesters oder so. Hast du etwa was mit Frauen?“ „Aber Mutter! Wo denkst du hin! So, und jetzt stell bitte die Frage, die ich für dich beantworten soll.“

Frau Hutschenreuther sammelt sich und formuliert langsam: „Die Frage lautet: Wer erfand den Ödipuskomplex? a) Gottlieb Daimler b) Guido Westerwelle c) Sigmund Freud oder d) Christopher Kolumbus?“

Hutschenreuther faltet sich eine Denkerstirn zusammen. „Also Kolumbus war es nicht, soviel steht fest. Der hat nämlich Amerika erfunden. Guido Westerwelle wäre eine solche Erfindung zwar zuzutrauen, aber ich glaube, er hat den Ödipuskomplex nicht erfunden, sondern lediglich eine Kopie preisgünstig erworben. Blieben also Daimler und Freud. Hm, hm, hm.“

„Mach schneller!“ mahnt Frau Hutschenreuther, „die dreißig Sekunden sind so gut wie abgelaufen! Denk nach! Du kriegst auch fünf Mark mehr Taschengeld im Monat, wenn ich erstmal die Million habe!“

„Ja, wenn das so ist!“ freut sich der Sohn, „Sigmund Freud hat bekanntlich das Unbewußte erfunden und wird ergo keine Zeit gehabt haben, sich auch noch um den Ödipuskomplex zu bemühen. Bliebe also Antwort b - Gottlieb Daimler.“

„Bist du dir da ganz sicher?“ fragt die Mutter zweifelnd. „Aber ja doch! So sicher, wie ich der erste postmoderne Popstar seit Pierre Bourdieu bin!“

„Gut. Herr Jauch, ich sage b - Gottlieb Daimler. Und du kommst schleunigst nach Hause. Ich mach dir auch leckeres Erdbeereis. Und laß die Finger von den Weibern! Tschüs!“

Schweißgebadet legt Hutschenreuther auf. „So, der Alten hab ichs gegeben! Die wird sich wundern, wenn Jauch sagt, die Antwort sei leider falsch, denn natürlich habe Christopher Kolumbus auf halbem Wege nach Amerika zufällig auch den Ödipuskomplex entdeckt und für die spanische Krone in Besitz genommen. Erfunden hat ihn aber wahrscheinlich ein anderer, den die Geschichtswissenschaft bis heute indes nicht ermitteln konnte. Geschieht ihr recht, der Alten!“

Wir nicken und wenden uns wieder den Croissants zu.

 

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