Die Pfauenfeder

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5. Dezember, ein Dienstag

Die Stadt, in der wir den heutigen Tag mit den üblichen Tändeleien verbracht haben, ist so langweilig, daß wir beschließen, den nächstbesten Abendzug zu besteigen, uns dortselbst eine gemütliche Koje zu mieten und die Nacht wie gehabt in dieser zu verbringen. „Außerdem ist heut Niklausabend!“ weiß der fromme Haberkorn, „und wenn wir jetzt hurtig die Schuhe vor die Waggontür stellen, sind sie morgen bestimmt mit allerhand Naschwerk gefüllt!“

„Prima Idee!“ befindet Dobrowski und entledigt sich seines Schuhwerks. „Aber passen Sie auf, wenn Sie die Tür öffnen!“ rät Hutschenreuther, „Wegen dem Fahrtwind. Wenn der Sie packt, sind Sie nicht nur Ihre Schuhe los, sondern auch Ihr Leben. Obwohl es natürlich um die Schuhe besonders schade wäre.“

So rasen wir durch die dunkle Nacht. „Es ist, glaube ich“ glaube ich „Zeit, ein Zwischenfazit unserer Investigationen im Mordfall Unbekannt zu ziehen. Was wissen wir bis jetzt? Nun, daß unser Unbekannter in Düsseldorf wohnte, bei der Barmer Ersatzkasse und dann der Techniker Krankenkasse war. - Äh...“ ähe ich, „woher wissen wir das eigentlich?“

„Ist doch egal!“ kommt es choral aus allen Mündern außer dem meinen, „Hauptsache, wir wissen es!“ Da haben sie allerdings recht, obwohl... „Nichts obwohl!“ errät Hutschenreuther meine Gedanken. „Symptomatisch für Ihren fragwürdigen Stil ist es ja wieder, daß Sie ein uns bekanntes Faktum mit keinem Wort erwähnt haben: Der Ermordete arbeitete nämlich als Großer Unbekannter in Ihrem schaurigen Internetkrimi, den, wie ich aus gut unterrichteten Quellen weiß, kein Schwanz liest, mit Ausnahme des Autors, des Chefredakteurs und circa einer halben Million völlig vertrottelter Surfer, die infolge exzessiven WWW-Genusses schon so intellektuell hinüber sind, daß sie bei Orgasmusschwierigkeiten einen Hals-Nasen-Oren-Arzt aufsuchen! Aber genug! SIE müssen doch den Ermordeten gekannt haben, wenn er in Ihren Diensten stand! Sie behaupteten indes vor Zeugen, ihn nicht gekannt zu haben. Das ist doch ein Widerspruch!“

Ich versuche die peinliche Situation durch das Erzählen eines Witzes zu entschärfen, komme aber nicht zur Pointe, denn Elfriede Winter, die Undankbare, zischt: „Lenken Sie nicht von der peinlichen Situation durch das Erzählen eines noch peinlicheren Witzes ab! Gestehen Sie endlich! Machen Sie reinen Tisch! Wo ist eigentlich Dobrowski?“

Dankbar für diese Ablenkung will ich aufstehen, um nach dem Gesuchten zu suchen. Da beginnt „Rotten“/Goethe ganz furchtbar zu bellen und mit dem Schwanz zu wedeln. „Er will uns etwas mitteilen!“ rufen die Punkerinnen, und bevor ich auch diese Ablenkung dankbar aufnehmen kann, hat Hutschenreuther bereits seinen Kalbsknochen gezückt und den Köter in Trance versetzt. Ich übernehme, dankbar für diese weitere Ablenkung, wieder das Kommando. „Was willst du uns sagen, großer Meister? Hast du etwa wichtige Informationen zum schrecklichen Tod des großen Unbekannten? Weißt du zufällig, wer der Mörder ist, weil dieser, als er seine Tat begangen hat, zwar penibel dafür sorgte, keine Zeugen zu haben, jedoch an der Zeugenschaft eines gewöhnlichen Pinschers nichts auszusetzen hatte, da diese vor Gericht nicht anerkannt wird, selbst wenn dieser Pinscher den unsterblichen FAUST, den etwas weniger unsterblichen PROMETHEUS und den ganz und gar verstorbenen TORQUATO TASSO verfaßt hat? Sprich endlich, dämliches Vieh!“

Das dämliche Vieh sieht mich fragend an und spricht sodann: „Die Worte hab ich wohl vernommen / und bin auch auf den Hund gekommen / doch du, der du dich Autor schreibst / es doch ein wenig übertreibst. / Indes, es ist schon richtig / ich weiß etwas und das ist wichtig. / Den Mörder hab ich wohl gesehn / Er hat, grad da die Tat geschehn / den Tatort schleunigst schnell verlassen. / Sein Name ist mir wohlbekannt / weil ich direkt daneben stand /als er sich von dem blutgen Hemd / welches er trug sofort getrennt / Ich weiß, der Reim jetzt war nicht rein / doch muß das manchmal auch so sein /Ich sagte schon dem Schiller oft / ein schlechter Reim kommt unverhofft /doch ist er da, was soll der Scheiß? / Das Publikum es eh nicht weiß...äh...merkt.“

„Mensch, komm auf den Punkt, Goethe!“ schreien wir einmündig. In diesem Moment erlöscht das Licht im Abteil, der Zug, gerade einen riesigen Tunnel durchquerend, hält abrupt, sodaß wir alle munter durcheinander geworfen werden.

„Es werde Licht!“ verlangt Goethe, um im nächsten Moment ein Geheul von sich zu geben, welches nur das Geheul des Todes sein kann.

 

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