Die Pfauenfeder

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6. Dezember, ein Mittwoch

Liebe ZuhörerInnen! Der Chefredakteur des Onlinemagazins HINTERNET hat mich beauftragt, anstelle des verhinderten Autors die heutigen Mitteilungen als ein Doku-Live-Thrilling-Feature für Sie zu verfassen. Wie Ihnen bekannt ist, befindet sich der Autor in einem Zug und dieser in einem Tunnel. Was sich vor Ort abspielt, wissen wir nicht. Kein Mensch außerhalb des Tunnels weiß das. Seit Stunden schon versuchen freiwillige Rettungskräfte zum fraglichen Zug vorzustoßen, doch ihr größter Feind ist die Dunkelheit. Wir sind hier in einer sehr konservativen und religiösen Gegend, die den Gebrauch von Feuer und Taschenlampen bei Dunkelheit als wider die göttliche Natur ablehnt und lediglich bei Sonnenschein gestattet. Unermüdlich kämpfen die tapferen Männer und Frauen gegen die Fährnisse einer ungezähmten Landschaft. Schwerer Atmen hallt von den nackten Wänden des Tunnels, von dem ich mich nur 400 Kilometer weit entfernt befinde, und ich glaube in die rußgeschwärzten und erschöpften Gesichter all der Familienväter und berufstätigen Mütter zu schauen, die den Unbillen trotzen und sich Millimeter für Millimeter bis zur Unglücksstelle vorarbeiten.

Und wozu das alles? Um Menschenleben zu retten? Seien wir ehrlich. Es geht darum, die „Mitteilungen des Autors“ für eine Gemeinde analphabetischer Internetleser zu retten. Den zynischsten und frauenverachtendsten Internetkrimi seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein armes Tier, ein unschuldiger Hund, ist wahrscheinlich zu Tode gekommen, was eine der zynischsten und hundeverachtendsten Aktionen seit Menschengedanken sein dürfte, ganz zu schweigen von jenem Zynismus und Klassikerverachtertum, der resp. das sich in der Behandlung des wiedergeborenen Herrn Goethe durch den respektlosen Autor und seine Begleiter manifestiert. Ich bin erschüttert, meine Damen und Herren.

Am allerschlimmsten jedoch ist der Schaden, den dieser sogenannte Kriminalroman der Frauenemanzipation zufügt. Nicht nur, daß es sich um einen „Fußballkrimi“ handelt, was per se alle Frauen diskreminiert. Nein, da wird die Stelle des „Großen Unbekannten“ mir nichts dir nichts mit einem Mann besetzt, wo doch EINE Große Unbekannte genauso vorstellbar wäre und einer ledigen Mutter Lohn und Brot hätte geben können.

Und dann erst die sexuelle Erniedrigung der Frau, welche Tag für Tag in lüsterner Sprache geschildert wird! Nein, nein, und nochmal nein: ich.... soeben erfahren wir, daß uns ein Augenzeuge des Unglücks per Telefon zugeschaltet ist. Hallo?! Wer spricht bitte?

„Hier ist Guido Westerwelle....“

„Und Sie haben alles beobachtet?“

„Was denn?“

„Na, das mit dem Zug...“

„Welchem Zug?“

„Da der im Tunnel!“

„In welchem Tunnel?“

„Das ist hochinteressant. Vielen Dank, Herr Westerwelle, für diesen dramatischen Augenzeugenbericht.“

Die Helfer schlagen mit ihren Spitzhaken in die Dunkelheit und klopfen doch nur ganz kleine Stückchen aus ihr heraus. Es ist eine Sysyphosarbeit fürwahr, in Schilfkörben schleppen verhärmte, aber stolze Frauen, sämtlich EMMA-Abonnentinnen, die aus dem Tunnel geschlagene Dunkelheit nach draußen und schichten sie im Tageslicht auf, sodaß auch dieses inzwischen eher eine Dämmerung ist. Was? Wie bitte? Der Zug fährt wieder? Er ist schon aus dem Tunnel? Er war überhaupt nur drei Minuten im Tunnel? Und warum sagt mir das keiner? Und warum meldet sich der Autor nicht? - Sie hörten ein Chaos-Katastrophen-Live-Desaster-Rundfunkfeature. Mein Name ist Patrizia Oberhof, bleiben Sie dran. Und nun Musik.

 

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die Mitteilung von gestern