Die Pfauenfeder

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13. Dezember, ein Mittwoch

Endlich ist es mir gelungen, meines Laptops habhaft zu werden, der seit unserer Ankunft in L. von Hand zu Hand gegangen ist. Was nicht verwundert, denn dieses L. ist die bislang ödeste, trübseligste, um nicht zu sagen langweiligste Station unserer Reise quer durch die schöne deutsche Heimat. Als einziger Ort, den Guido Westerwelle noch nicht besucht hat, verfügt L. selbstverständlich über keine Fußgängerzone, Glühwein und Dampfnudeln sind gänzlich unbekannt, allein die Bahnhofsgaststätte hat sich etwas ins Rampenlicht schieben können, war doch - so ein Zufall - das Bahnhofsgaststättentestertrio just vorgestern hier. Eine Tatsache, die die arme Elfriede zur schieren Verzweiflung und an den Laptop treibt, wo sie ebenso ausdauernd wie erfolglos eine Mail an ihren Angetrauten zu schicken versucht.

„Oh!“ jammert sie ein ums andere Mal, „wer versteht den Schmerz einer Ehefrau und Mutter, die, getrennt von ihrem Liebsten, mit fremden und brünftigen Männern durch die schöne deutsche Heimat fährt! Wo ist das traute und luxuriöse Heim, welches auf mich wartet! Wo das prallgefüllte Bankkonto, das man leeren könnte? Schicksal, warum läßt du mich so leiden? WINTER!!!! Wo bist du?!“

„Tja“ kommentiert der herzlose Hutschenreuther, „das frage ich mich auch. Das ist doch kein Winter, was wir derzeit haben! Vierzehn Grad! Die Bäume knospen und die Krokusse schlagen aus!“ Sprichts und betrachtet wohlgefällig das neue große Emailschild über der Theke der Bahnhofsgaststätte. „HINTERNET proofed“ steht dort, und darunter prangen zweieinhalb Bulletten, von maximal dreien, die die fleißigen und strengen Tester zu vergeben haben.

Als nächste greifen sich unsere beiden Punkmädchen den Laptop. Seit Atzes und Knochens Erfolg als Assistenten des legendären Bahnhofsgaststättentesters ist die alte Liebe zu den beiden Punkburschen neu entflammt, zumal diese signalisiert haben, einer Heirat und Gründung gutbürgerlicher Verhältnisse nicht mehr abgeneigt zu sein.

„Atze hat sogar fast Abitur!“ gibt Saskia an, „acht Jahre Hauptschule, da hat wahrlich nicht mehr viel gefehlt.“ „Und Knochen“ ergänzt Angie „hört ja eigentlich am liebsten Phil Collins. Wir werden dann also am Kamin sitzen und Phil Collins hören, um uns herum die traute Kinderschar. Mein Gott, ist das wunderbar!“

Ich wende mich mit Grausen und sehe gerade noch im Augenwinkel, wie Dobrowski den zeternden Punkerinnen meinen Laptop entreißt. Der Mensch kommuniziert seit Tagen mit einer sogenannten „Email-Bekanntschaft“, die, wie sie schreibt, „sich unsterblich bei der Lektüre dieses niveaulosen Krimis in dich verliebt hat“.

Hutschenreuther sitzt grübelnd am Tisch und bereitet sich auf das Verhör vor, das wir aus Gründen allgemeiner Lustlosigkeit auf morgen verschoben haben. Er kritzelt Stichworte auf ein Blatt Papier, „denn ohne schriftliche Gedankenstütze werde ich keine biografischen Konfessionen von mir geben“. Es gelingt mir, einige der Worte zu entziffern. „Mutter“ heißt das eine, ist dick unterstrichen und mit der Anmerkung versehen: „eine inzwischen 65jährige Frau, die es in ihrem Leben toll getrieben hat, für meine Existenz aber nicht unbedeutend verantwortlich ist“.

Der Wirt der Bahnhofsgaststätte kommt stolz an unseren Tisch und bietet zum zweiten Frühstück „ein halbes Dutzend meiner vom Internet prämierten Bulletten“ an, eine Gelegenheit, bei der ich ihn auf gewisse orthografische Mängel hinweise, die auf der Speisekarte des Lokales nicht zu übersehen sind. „Mein Gott!“ echauffiert sich Haberkorn, „jetzt seien Sie doch nicht päpstlicher als Guido Westerwelle!“ Und an den Wirt gewandt: „Sagen Sie, guter Mann, führen Sie auch Glühwein und Dampfnudeln?“

So vergeht der Tag, so wird es Dämmerung. Wir lesen uns durch die Zeitungen, deren Schlagzeilen von EU-GIpfel, Verona Feldbuschs Unfall, Jenny Elvers´ Schwangerschaft und dem phänomenalen Erfolg Winters bestimmt werden. Letzteres veranlaßt Elfriede wieder dazu, sich meines Laptops zu bemächtigen und ihre erfolglosen Versuche, eine Mail abzusenden, fortzusetzen. Endlich, es ist schon dunkel, hören wir das Pfeifen des Zuges. Beglückt zahlen wir die unverschämt hohe Rechnung („HINTERNET-Zuschlag, meine Herrschaften, tut mir leid. Aber das ist nun mal Business!“ grinst der verschlagene Wirt) und stürmen zum Bahnsteig.

 

 

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