Die Pfauenfeder

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14. Dezember, ein Donnerstag

„Ich beginne“ beginnt Herr Hutschenreuther mit seinen biografischen Auslassungen „mit dem Tag meiner Geburt. Es war ein 24. Dezember. Meine Mutter, die mit einem Zimmermann verlobt war, zeigte sich von ihrer Niederkunft nicht wenig überrascht, da sie nicht nur nichts von einer Schwangerschaft wahrgenommen, sondern, man staune!, auch bis dahin den Geschlechtsakt noch nicht vollzogen hatte, denn ihr Verlobter, besagter Zimmermann, war ein schlechter Beherrscher des Coitus Interruptus. Nun ja; also. Ich kam in einer Sozialwohnung zur Welt, einem Stall gewissermaßen, in dem eine Menge Tiere hausten: riesige Kellerasseln, mächtige Kakerlaken, von denen meine Mutter stets scherzhaft zu sagen pflegte, sie hätte gerne so viele Bettlaken wie Kakerlaken, dann könnten wir Federn in die Luft blasen und allweil zur Weihnachtszeit köstlichen Glühwein trinken und Dampfnudeln futtern. Dies jetzt aber nur als kleines aside, wie der Intellektuelle sagt, vielleicht widmen sich künftige Biografen - ich denke da an Herrn Servatius Schredder, der scheint´s alles verbiografiert, was jemals auf dem Erdenboden gekreucht und gefleucht - also: vielleicht widmen die sich auch einmal meiner Mutter, obwohl, es muß gesagt werden, der Hinweis auf Glühwein schon erahnen läßt, was die große Schwäche meiner Mutter war und ist: der Alkohol.“

Hutschenreuther legte eine kurze rhetorische Pause ein und warf einen Panoramablick in die Runde, deren atemlose Konzentriertheit ihn sichtlich befriedigte. Endlich fuhr er fort: „Also der Alkohol. Und die Männer; natürlich. Hatte sie mich auch jungfräulich geboren, so gab es doch nach meinem Erscheinen kein Halten mehr. Den Zimmermann jagte sie zum Teufel und suchte sich in der Folgezeit andere, welche den Coitus Interruptus - meine Mutter sprach übrigens immer „Coitus“ und nicht etwa „Koitus“, obwohl sie kein Abitur hatte - welche also den Coitus Interruptus vollständiger beherrschten. Mit ihnen trieb sie so mancherlei und trank dazu Glühwein.

Eines Tages nun - Mutter und ihr Geliebter hatten wieder so mancherlei getrieben und Glühwein dazu getrunken - war letzterer ausgegangen. Da weinten beide bitterlich und sagten zu mir: Ach! Kind! Wenn wir jetzt fünf Mark hätten, könntest du runter zu ALDI und den köstlichen ALDI GLÜHWEIN MIT EXTRAZIMT kaufen! So aber haben wir keine fünf Mark und müssen jämmerlich dürsten. Da ging ich wortlos in die Küche, füllte eine leere Glühweinflasche mit Leitungswasser und brachte sie den beiden Jammernden. Kind! Unglücksseliges!: schrien da beide, das ist doch Wasser und kein Glühwein! Willst du uns verarschen? - Ich aber sagte nur: Trinkt. Und sie tranken. Und siehe, ihre Mienen hellten auf wie schwarze Hosen nach einer 100 Grad -Wäsche, denn es war tatsächlich Glühwein in der Flasche! Da herzten sie mich beide und hießen mich alle Flaschen mit Wasser füllen, auf daß Glühwein aus ihm werde. Es wurde ein Besäufnis von biblischen Ausmaßen, wie man sich vorstellen kann.“

Abermals pausierte Hutschenreuther eine Sekunde lang, holte tief Luft und sprach: „Ein andermal hockte ich im Wartezimmer unseres Hausarztes, weil ich vor lauter Glühweinsaufen einen dicken Kopf hatte und etwas Aspirin benötigte. Da betrat ein Mann, sein Bett unter dem Arm, den Raum, stellte das Bett in eine Ecke und setzte sich neben mich. Er stank beträchlich nach billigem Alkohol, Knoblauch und losen Frauenzimmern, so daß ich es schier nicht ertragen konnte. Drum sah ich ihn an und sprach: Nimm dein Bett und wandle, und zwar da zur Tür hinaus, sonst trete ich dir dermaßen in den Hintern, daß du rausfliegst, und dein Bett werf ich dir hinterher. - Und siehe! Der Mann nahm sein Bett, wandelte und ward fortan nimmermehr gesehen.

Wieder ein andermal ging ich durch den Rotlichtbezirk unserer Stadt. Da stand in einem Hauseingang ein gar häßliches, pickliges Weib, an dem alle Freier höhnend vorbeigingen. Ich aber blieb stehen, sagte: Wer ohne Pickel unter euch ist, der werfe den ersten Stein! Und siehe, da gingen alle in sich und zeigten Reue! Ich aber handelte mit dem Weib einen guten Preis aus und ging mit ihr aufs Zimmer, wo ich sozusagen meine Feuertaufe als Mann erlebte, und es war gut so.“

Erschöpft beendete hier Hutschenreuther den ersten Teil seiner Konfessionen, versprach aber, sie morgen fortzusetzen. Um seinen Kopf hatte sich durch das viele Reden eine Art gleißender, gelber Ring gebildet, der erst allmählich abkühlte. Aber da waren wir schon auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt und tranken Glühwein, der wie Leitungswasser schmeckte.

Amen.

 

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