Die Pfauenfeder

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15. Dezember, ein Freitag

„... und so begab es sich, daß dieser gottlose FIAT am Kamener Kreuz meinen VW MESSIAS streifte und ich voll in die Leitplanken senste, aus meinem Auto flog, bis zu einem Baum, an den es mich quasi nagelte. Leblos blieb ich liegen, und alle dachten, ich sei tot. Doch, siehe, als schon die Klageweiber klagten, da kam das Leben zurück, und ich erhob mich und wandelte über das Wasser davon.“

...Mit diesen eindrucksvollen Worten beendet Hutschenreuther den heutigen Teil seiner Lebensgeschichte. Nach einer Weile der absoluten Sprachlosigkeit meldet sich Haberkorn: „Sagen Sie, Herr Hutschenreuther, über welches Wasser sind Sie denn da eigentlich gewandelt? Soweit ich weiß, gibt es am Kamener Kreuz keine größeren Wasserflächen.“

Lange und traurig nickend betrachtet Hutschenreuther den Frager, bevor er bedächtig spricht: „Ja. Das war ja gerade das Wunder, würde ich sagen. So wie damals im Berliner Olympiastadion, als während des Pokalfinales 1992 plötzlich die Bockwürste ausgegangen waren. Ich hatte noch einen und reichte ihn durch. Und siehe: Alle aßen davon - und alle wurden satt!“ „Unglaublich!“ entkommt es Sylvia, und selbst die Punkmädchen, Atheistinnen comme il faut, schütteln nur ungläubig die Köpfe.

„Sie sagen es, meine Liebe.“ sagt es Hutschenreuther. „Ich wundere mich manchmal selber über meine doch so gewöhnliche Person. In aller Bescheidenhat halte ich mich dann doch für ein Mirakel, einen ganz und gar exzepionellen Menschen, ach was, Menschen! Für ein von fremden fernen Kulturen vermittels Raumschiff hierher verbrachtes Wesen, ach was, Wesen!, für den Stellvertreter des HERRN...“

Wir machen schleunigst, daß wir das Hotelzimmer verlassen. Diese löbliche Gemeinde, in die uns das Schicksal geführt hat, bietet gleich zwei Fußgängerzonen und folglich auch zwei Weihnachtsmärkte, will sagen: zwei Sorten Glühwein, und bislang haben wir erst eine ausgiebig probiert. „Warten Sie!“ keucht Hutschenreuther hinter uns her. Es hat geregnet, und überall stehen noch die Wasserpfützen, von Hutschenreuther sorgfältig umgangen. Aber wir haben es eilig und keine Zeit zu warten. Fast haben wir auch schon den Markt erreicht, als ein schreckliches Bremsgeräusch und in seiner Folge die akustische Abbildung des Zusammenpralls zweier Körper uns das Blut in den Adern gefrieren läßt. Wir blicken uns um und sehen die Bescherung: Hutschenreuther und ein Auto sind einander sehr nahegekommen, letzteres leider in voller Fahrt befindlich. Der arme Hutschenreuther liegt halb unter den Vorderrädern des Gefährts und gibt keinen Laut mehr von sich. „Oh Gott!“ schreit Elfriede und beugt sich zu dem Verunfallten hinunter. Der öffnet die Augen und antwortet: „Ja, bitte?“ „Was ist denn passiert?“ fragt Sylvia völlig überflüssigerweise, und Dobrowski variiert dieses Überflüssige zu einem „Was war denn?“, so daß auch ich nicht mehr an mich halten kann und „Gabs was?“ frage, während Elfriede „Das gibts doch nicht!“ jammert und die beiden Punkmädchen „Was gibts denn da?“ von sich geben, Haberkorn aber, auf die Fußgängerzone weisend, sehr souverän antwortet: „Da gibts Glühwein. Aber nicht mehr viel.“

Ein unschlagbares Argument. Wir überlassen Haberkorn den hilfsbereiten Passanten und seiner eigenen Übernatürlichkeit, betreten schleunigst die Fußgängerzone und kommen gerade noch zurecht, als das letzte Faß Glühwein angestochen wird. „Glühwein on the rocks“ wird geboten, eine besondere Delikatesse, die wir uns munden lassen.

Nach einer Stunde kommt Hutschenreuther humpelnd zur Gruppe. „Tut uns leid!“ höhnt Haberkorn, „aber wer zu spät kommt, den bestraft der Glühwein. Gehen Sie mal dort drüben hin, da gibts noch Dampfnudeln. Und bringen Sie mir drei Stück mit!“

Hutschenreuther tut fluchend wie ihm geheißen. „Wir hätten ihm was aufheben sollen.“ murmelt Dobrowski. „Ja, und wenn ers nicht gepackt hätte?“ wirft Haberkorn ein, „Wenn seine übernatürlichen Fähigkeiten nun doch nicht so überragend gewesen wären? Dann wäre uns der Glühwein schlecht geworden - und dann?“

Ein glänzendes Argument, und wir wenden uns wieder den Resten in unseren Tassen zu.

 

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