Die Pfauenfeder

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16. Dezember, ein Samstag

Da haben Sie es, Herr Chefredakteur! Diese selbsternannten „Glühwein- und Dampfnudelntester“ des ebenfalls selbsternannten „PFAUENFEDER-Reisevereins“ ernten zuverlässig die Früchte ihrer bösen, weil plagiatorischen Tat. Schon wieder liegen sie mit furchtbarem Magen- und Darmgrimmen zu Bett, so daß Sie, hochverehrter Herr Chefredakteur, mich bitten mußten, die heutigen Mitteilungen des Obergauners dieses Vereins, „Autor“ genannt, zu verfassen. Ich tue es mit Vergnügen, denn auch das Publikum hat Anspruch auf gehobene Unterhaltung mit einem gewissen gout und einer, wie Schopenhauer bei solchen Gelegenheiten stets zu sagen pflegte, latent subkutanen spirituellen Botschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Lassen Sie mich zunächst von der Benefizgala des deutschen Adelsvereins berichten, bei der ich, wie Sie ja wissen, als Ehrengast einen Vortrag zum Thema „Die Bahnhofsgaststättenkultur am Anfang des 21. Jahrhunderts“ hielt. Meine Ausführungen waren ein voller Erfolg, und danach wurde es auch noch ein recht munterer Abend, dessen Höhepunkt mein Mitarbeiter Atze setzte, als er die Erbgräfin von Ebersbach-Lauenstein, eine Schwippschwägerin des Herzogs Albert von der Donnersburg nebenbei, zum Zwecke des spontanen Beischlafs auf den Tisch der regierenden Familie von Leutmannsdorf-Bielefeld warf. Ich selbst parlierte mit Verona von Feldbusch, der Moderatorin der Veranstaltung, eine belesene und, lassen Sie es mich so sagen, saugeile Person, deren These von der postindustriellen Bedeutung der Schönheitschirurgie nicht wenig Aufsehen erregte, besonders bei der Erzherzogin von Räubersdorf-Schluckowski, einer immerhin schon 87jährigen, aber noch recht fidelen grande dame des deutschen Adels, der der Busen gewöhnlich um die Knie zu baumeln pflegt, so daß adäquate Abhilfe geschaffen werden müßte.

Doch zurück zu mir und meinem Anliegen, das sich von den flachen Ambitionen (wenn man das überhaupt so nennen kann!) des „Autors“ doch in wesentlichen Punkten unterscheidet. Die Kultur des Bahnhofsgaststättentestens steht in der direkten Nachfolge der von Adorno und Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ erhobenen Forderung, die Mißstände der Rostwurstbraterei ebenso zu beheben wie die der Bierausschankpraxis, da beide quasi pars pro toto die metasozialen Validitäten einer präfaschistischen Gesellschaft abbildeten, will sagen: Eine Rostwurst ist eine Rostwurst ist eine Rostwurst und ein halbvolles Glas Bier ein Skandal.

Natürlich steht der gourmetkritische Blick im Mittelpunkt meines kolumnösen Schaffens. Es bedeutete eine Novität auf dem Gebiet der Frittenforschung, als mein Mitarbeiter Herr Doktor Knochen, ein ausgewiesener Kenner, postulierte, optimales Frittenfett benötige eine Reifezeit von mindestens sieben Jahren, um sein besonderes Aroma zu entfalten, die sogenannte Ranzigkeit, die von Experten noch höher geschätzt wird als schwarze Trüffeln. Gleichzeitig stellte mein zweiter Mitarbeiter, Herr Diplombulletier Atze, mit der von ihm gewohnten sozialkritischen Schärfe fest, die Bulletten, welche man in der Bahnhofsgaststätte Hameln reicht, seien „so braun wie Naziärsche“. Kann man einerseits zielstrebiger den Finger in eine beklagenswerte kulinarische Wunde legen und andererseits mit schärferem gesellschaftlichen Blick die Schwächen unseres Gemeinwesens offenlegen? Ich glaube: nein. In solch grandiosen Formulierungen wird doch sozusagen das gesamtphänomenologische Befinden Deutschlands in nuce abgescannt, um nicht zu sagen in effigie abgebildet, um dann in toto extrapoliert, um nicht zu sagen interpoliert werden zu können. Die Reichsfreifrau von Marquardt-Stöhnwitz jedenfalls, der ich anläßlich der diesjährigen Benefizgala des deutschen Adelsvereins diese meine Arbeitshypothesen vortrug, zeigte sich davon angetan und bestand darauf, mit mir auf der Stelle die Bahnhofsgaststätte Kleinottweiler aufzusuchen, wo wir uns bei Fritten, Bulletten und warmem Lightbier von den Zwängen, um nicht zu sagen den Obstruktionen der nouvelle cuisine erholten.

Und was bewirken die „Mitteilungen des Autors“? Sie aktivieren lediglich das Schlechte im Hinternet-Leser. Seinen latenten Geschlechtstrieb. Seinen subversiven Hang zum schlechten Humor. Seine gesundheitsschädliche Hinwendung zu Glühwein und Dampfnudeln. Pfui Teufel, kann ich da zum Schluß nur sagen!

Herr Chefredakteur, ziehen Sie die Konsequenzen.

 

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die Mitteilung von gestern