Die Pfauenfeder

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19. Dezember, ein Dienstag

Endlich allein! Der Rest unseres Vereins hat sich die warnenden Worte, welche ich ihm gestern bezüglich seiner Zukunft gesagt habe, zu Herzen genommen und sieht sich nach neuen Jobs in der zeitgenössischen deutschen Literatur um. Da trifft es sich gut, daß in S., wo wir aktuell weilen, ein sogenanntes „Literaturcasting“ stattfindet, bei dem sich phantasieunbegabe Autoren wie Günter Grass, Benjamin von Stuckrad-Barre und die übrige Nachwuchsmischpoke neues Personal für zukünftige Romanprojekte anheuern wollen.

Als erster kommt Dobrowski zurück: Er macht einen niedergeschlagenen Eindruck, und bevor ich ihn fragen kann, wie es denn gelaufen ist, sieht er mich zornerfüllt an und legt los: „Das kommt davon! Mich haben sie gleich aussortiert und wieder heim geschickt! Als Nebenfigur in einer Nebenhandlung des Nebenautors Rudolph im Nebenmagazin Hinternet! Mensch, was haben die gelacht! Haben mich auch gefragt, was ich so kann. Mußte ich natürlich passen! Sie haben mir ja keine Gelegenheit gegeben, meine Talente zu entwickeln! Schließlich, als ich schon gehen wollte, hatte Günter Grass Mitleid und bot mir eine kleine Rolle in seinem neuen Roman an. Mein Gehalt beträgt drei Schachtelsätze monatlich, das reicht nicht zum Leben und reicht nicht zum Sterben!“

Sprichts und wendet sich dem Glühwein zu, an dem er sich, ich ahne es, ganz gehörig besaufen wird.

Er ist noch halbwegs nüchtern, als Haberkorn zurückkommt. Nicht ganz so geknickt wie Dobrowski, aber einen glücklichen Menschen stelle ich mir denn doch anders vor.

„Scheiße!“ zischt Haberkorn und fährt fort: „Zukunft! Pah! Was ist das für eine Zukunft?! Ich kriege eine Statistenrolle in der Autobiografie von Guido Westerwelle. Und zwar spiele ich den Professor Morgenstern, bei dem Westerwelle einmal eine Vorlesung über das romische Recht zur Zeit von Kaiser Caligula gehört hat. Ich bin 77 Jahre alt, schwerhörig und stark von Alzheimer gezeichnet. Westerwelle wird mich in seiner Autobiografie ‘den alten Tatterkreis´ nennen. Damit ist meine Karriere in der deutschen Gegenwartsliteratur schon beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat!“ Ich kann ihm nicht wiedersprechen und schicke auch ihn zur Glühweinquelle. Sylvia erscheint als nächste, sichtlich glücklicher und zufriedener als ihre beiden Vorgänger. „Wow!“ wowt sie, „dieser Stuckrad-Barre! Was für ein Mann! Was für eine erotische Ausstrahlung! Na schön, schreiben kann er nicht, aber er ist ja auch nicht wirklich ein Schriftsteller, oder? Mehr so ein junger Schnösel. Aber was kümmerts mich! Ich darf jedenfalls in seinem neuen Roman eine von 66 Geliebten spielen, mit denen er es treibt. Das Buch heißt ‘Meine 66 Geliebten, und wie wir es triebten´, und weil das Ganze natürlich autobiografisch ist, steht vor der Fiktion erst einmal die Wirklichkeit. Will sagen: Heut abend muß ich mal für fünf Minuten weg, zu Stuckrad-Barre ins Hotel!“

Na, ob das wirklich so zukunftssichernd ist? Ich schüttele bedenklich den Kopf und hab ihn noch nicht zu Ende geschüttelt, als auch schon die beiden Punkerinnen samt „Rotten“, vormals auch „Goethe“ erscheinen.

„Geil!“ geilen sie alle drei, „wir übernehmen die Hauptrollen im neuen Roman von Siegfried Lenz. ‘Ein Hundeleben in Masuren´ wird er wohl heißen, und wir müssen da so mit Faschos rummachen, denen wir immer den ‘Rotten! auf den Hals hetzen!“ - Na, bestätige ich, das sei doch sehr schön!

Am allerglücklichsten indes die Rumpffamilie Winter, sprich: Elfriede, Beate, auch „Baby“ genannt und Baby, auch „Beate“ genannt. „Wir haben es geschafft!“ jubiliert Elfriede, „wir kommen ganz groß raus! Wir erhalten einen Eintrag im neuen Telefonbuch von Husum! Drei Zeilen! Mit Namensnennung! Das macht uns unsterblich!“

Hm. Mag sein. Fehlt nur noch Hutschenreuther. Er kommt natürlich wie immer als letzter und trägt eine rätselhafte Miene.

„Na, Herr Hutschenreuther“ frage ich, „auch was Schönes gefunden?“ Hutschenreuther antwortet knapp: „Ja. Aber das geht Sie ja sowieso nichts an. Meine Zukunft ist natürlich gesichert. Was man von der Ihren nicht behaupten kann.“

Ich komme ins Grübeln. Wie meint er das nur?

 

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