Die Pfauenfeder

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20. Dezember, ein Mittwoch

Wie meint er das nur? - Mit diesen fragenden Worten endeten meine gestrigen Mitteilungen. Und ich weiß es weiterhin nicht. Wann immer Hutschenreuther meiner ansichtig wird, verzieht sich seine Visage zu einem höhnenden Etwas, er tuschelt mit den anderen, die mich daraufhin nicht weniger höhnisch anschauen. Was zum Teufel geht hier vor? - Auch daß sich Hutschenreuther bisweilen meines Laptops bemächtigt und eifrig Mails verschickt, ist verdächtig. Endlich, am frühen Abend, gelingt es mir, den Rechner zurückzuerobern. Wird aber auch Zeit. Wir haben nämlich um 19 Uhr die große virtuelle HINTERNET-Weihnachtsfeier.

Es wird ein gemütlicher Abend. Alle sind sie gekommen: Kai Florian, unser legendärer Frühstücksbeauftragter, der in seiner Freizeit Pfauenfedern einscannt. Weil er das tut, ohne vorher die Feder vom Pfau gelöst zu haben, ist er schon mehrmals wegen Tierquälerei vorbestraft, doch das ermuntert ihn nicht, von seinem fatalen Steckenpferd zu lassen.

Ebenfalls anwesend Mike, auch „der Amerikaner“ genannt. Ein netter Bursche, hätte er bloß nicht immer Schwierigkeiten mit dem Telefonieren. „Kannst du mal die Nummer eintippen?“ nervt er jeden, „du weißt ja: Wir Amerikaner können noch nicht einmal richtig wählen.“

Auch eine Frau schmückt unsere Runde, die Kolumnistin mit dem Nähkästchen nämlich. Sie hat heute abend extra längeren Ausgang beim staatlichen Altersheim beantragt und genehmigt bekommen, so daß sie keuchend und auf ihre Gehhilfe gestürzt die Treppen hochklettert. „Wann kaufen Sie endlich den LIFTA Treppenlift?!“ faucht sie, noch ganz außer Atem, den armen Chefredakteur an, der ihr die Tür öffnet. „Und jetzt den Glühwein, bitte!“

Ja, der Glühwein. Leider kann ich nur virtuell genießen, sitze ich doch mehrere hundert Kilometer vom Ort seiner realen Existenz entfernt in meinem Hotelzimmer. „Ich habe Ihnen gerade ein Glas Glühwein eingeschenkt!“ mailt mir der großzügige Chefredakteur ein ums andere Mal, „ich hoffe, er schmeckt Ihnen. Sie können ihn zwar nicht sehen, aber er sieht gut aus!“ Dann folgen mehrere Zeilen mit Schlürfgeräuschen, was bedeutet, daß ich mir den Glühwein gerade munden lasse. Jedenfalls virtuell.

Später erscheint die Hinternetprominenz: Der Autor der berühmten „Wir lernen Computer“-Kolumne sowie unser genialer Musikbuchredakteur, Männer mit erlesenem Stil und umfassendem Wissen. Leider loggt sich auch Winter, seit neuestem Mitarbeiter, in unsere Weihnachtsfeier an. „Ich brate Ihnen schnell eine Bullette!“ verspricht die Kolumnistin mit dem Nähkästchen, eine der eifrigsten Verehrerinnen der Winterschen Kolumnenkunst. „Und zwar nach einem Rezept, das mir meine Mutter damals nach der Schlacht in den Ardennen verraten hat.“

Jammernd („mein künstliches Hüftgelenk bringt mich um!“) schleppt sie sich in die Küche und beginnt mit ihrer fatalen Arbeit. „Hmmmmmm“ mailt der Chefredakteur, „wenn Sie riechen könnten, wie das duftet! Wo ist übrigens meine Katze? Eben war sie doch noch da? Und was sind das für Blutspuren an der Küchentür?“

Ach, es ist schön, daß alle Hinternet-Mitarbeiter einmal im Jahr in besinnlicher Runde zusammen sind und hochgeistige Gespräche führen. Ergriffen lauschen wir einem Vortrag unseres Frühstücksbeauftragten über die neuesten Tendenzen auf dem Gebiet der Croissant-Herstellung, wir hören die Dame mit dem Nähkästchen gierig schmatzen, während der Chefredakteur verzweifelt nach seiner Katze sucht, jedoch nur ihr Fell vorfindet, aus dem er sich ein paar warme Handschuhe anfertigen lassen will.

Natürlich gehört zu einem solch besinnlichen und bezüglich der intellektuellen Gesprächs- und Streitkultur geistig hochstehenden Abend auch gute Musik. Für sie sorgt Mike, der seine KANSAS-Plattensammlung mitgebracht hat. Und so tippt der Chefredakteur gerade zum 40. Mal die unersterbliche Zeile „We are da-hast in the wind“ in seinen Computer.

All der virtuell genossene Glühwein macht mich schließlich leicht betrunken, und ich beschließe, zu Bett zu gehen. „Ja, gehen sie nur!“ mailt mir der vollständig abgefüllte und wie stets gehässige Winter, „gehen Sie, solange Sie noch können! Sie werden Augen machen!“

Ich bin verwirrt. Jetzt auch Winter? Was weiß er, was ich nicht weiß? Wie meint er das nur?

 

 

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die Mitteilung von gestern