Die Pfauenfeder

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21. Dezember, ein Donnerstag

Der virtuelle Glühwein, den der Chefredakteur gestern abend so überaus großzügig ausgeschenkt hat, ist nicht ohne Wirkung geblieben. Ich taumele von einem Alptraum zum nächsten, erwache schließlich schweißgebadet - und bin allein. Schlimmer noch: Für einen langen Moment habe ich meine fatale Situation vergessen und muß mich erst durch intensive HINTERNET-Lektüre vergewissern, wer ich eigentlich bin. Ich bin der Autor. Ich bin auf der Flucht. Ich schreibe völlig sexistische, zynische und guidowesterwelleverachtende Artikel. Ich soll einen Mörder ermitteln und bin wahrscheinlich selbst im Visier berufsmäßiger Totschläger. Ich verfüge über umfangreiches, von mir mit unvergleichlicher Schaffenskraft realisiertes Personal - das aber, wie gesagt, nicht da ist. Das mich seit Tagen - oder genauer: seit Hutschenreuthers Jobsuche beim Personalcasting der deutschen Gegenwartsliteraten - zu verhöhnen scheint. Mich nicht mehr ernst nimmt. Mich! Den Autor! Den Schöpfer!

Kurz vor zwölf - unser Zug geht in einer Stunde - klärt sich dann alles auf. Weihnachtsgeschenke haben Sie gekauft! Von meinem Geld! Wie die sibirischen Maulesel trudeln sie im Hotel ein: bepackt mit Kisten und Kästen, freudestrahlend - so ziehen Sie an mir vorbei, ohne ein Wort der Entschuldigung, ja, ohne mich überhaupt zu beachten. Hutschenreuther ist natürlich wieder der Schlimmste von allen. Bedenklich angeheitert stolpert er ins Foyer, einen riesigen Schlitten hinter sich her ziehend, dessen Bretter sich unter den aufwendig verpackten Geschenken biegen.

„Was soll das!?“ fahre ich den Menschen an, als er wie alle anderen ignorant an mir vorbeigehen will. „Hier steht Ihr Herr und Meister, der Autor persönlich! Zeigen Sie sich unterwürfig und zerknirscht.“ Hutschenreuther grunzt und wirft mir einen bösen Blick zu. „Schleich dich, du Penner!“ zischt er mich dann an und wuchtet seinen Schlitten in den Fahrstuhl.

Ich bin sprachlos. Ich bin sprachlos und wütend! Dieses undankbare Pack! Da hat man sie unter Kopfschmerzen geboren, hat sie in bestem Deutsch erzogen und nicht einmal nach der neuesten Rechtschreibung abgebildet. Und dann das! Dabei hatte ich vor, die Mitteilungen am Sonntag mit einem allseitigen, einem allumfassenden Happyend ausklingen zu lassen. Elfriede versöhnt sich mit ihrem Mann, dem inzwischen weltberühmten Kolumnisten Winter, und beide leben glücklich und zufrieden in ihrer tessiner Villa, bis der Tod sie scheidet.

Die beiden Punkmädchen heiraten: Angie bekommt Prinz Albert von Monaco, Saskia bekommt Sasha. Dobrowski, der farblose Jüngling, bringt es zum Gastprofessor in Harvard, wo er eine reiche, blutjunge Großerbin kennenlernt, heiratet und mit ihr ebenfalls glücklich und zufrieden lebt. Haberkorn wird Papst. Oder Erzbischof. Mindestens. Er heiratet seine Haushälterin, die keine geringere ist als Claudia Schiffer, der es nach dem Ende ihrer Modelkarriere nicht erspart bleibt, in einem Pfarrhaus Hostien zu backen und das Tabernakel zu putzen. Und Sylvia? Meine geliebte Sylvia? Ihr wollte ich Guido Westerwelle zuteilen, jawoll, niemand Geringeren als IHN, der zur Zeit fleißig intrigiert und es schließlich schafft, FDP-Vorsitzender zu werden. Bei den nächsten Wahlen erhält die FDP dann 99% der Wählerstimmen, Westerwelle wird Kanzler und Bundespräsident in Personalunion, Sylvia somit doppelte First Lady Deutschlands.

Sogar für „Rotten“ hätte ich gesorgt. Jeden Tag Markknochen bis zum Abwinken und eine läufige Schäferhündin. Und Hutschenreuther? Der Teufel höchstpersönlich? Man glaubt es kaum, doch auch ihm hätte meine Fürsorge gegolten. Er hätte den Lottojackpot geknackt, ohne überhaupt einen Tippschein abgegeben zu haben. Und Weiber. Mein Gott, was hätte der Weiber abstauben können! - Aber aus und vorbei. Ich werde die Brut am Heiligabend mit unerbittlicher Härte eleminieren, in den Orkus des Vergessens...

Noch immer müht sich Hutschenreuther ab, seinen Schlitten in den Aufzug zu schaffen. „Helfen Sie mal, Sie Trottel!“ schreit er mir zu. „Oder können Sie das etwa auch nicht?“ Jetzt reichts! Ich werde ihn auf der Stelle aus der literarischen Welt expedieren. Also: Soeben will Hutschenreuther den Aufzug betreten, als in diesem eine von altfränkischen Terroristen dort plazierte Bombe explodiert. Bye, bye, Hutschi! Ich halte mir die Ohren zu. Jetzt! Jetzt! ---- Aber nichts geschieht! Was ist los? Ich versuche es noch einmal: Soeben will Hutschenreuther den Aufzug betreten, als in diesem eine von altfränkischen Terroristen dort plazierte Bombe explodiert. Bye, bye, Hutschi! Nichts. Ich taumele. Ich greife mir an den Kopf. Wieso funktioniert das nicht? Ich bin doch der Autor! Der Schöpfer! Wo sind meine schöpferischen Kräfte geblieben? Hutschenreuther, der das Schauspiel feixend beobachtet hat, lacht. „Ich kann mir schon denken, was Sie tun wollten, Sie Null! Aber wird wohl nix, was?“ - Was ist hier nur los?

 

 

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