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Karl-Olaf Horst, ein Erzeugnis der mittfünfziger Jahre, hält nach allerhand biografischen Irrungen und Wirrungen (von denen in diesem Roman noch die Rede sein wird) seit einigen Jahren wenigstens die Illusion einer halbwegs bürgerlichen Existenz aufrecht. Er arbeitet journalistisch für das Wochen- und Anzeigenblättchen "Maxmarkt", wobei ihm die chamäleongleichen Fähigkeiten seiner Schreibfeder zugute kommen.

Horst gilt als leidlich gutaussehend. Sein Haarwuchs ist, dem fortgeschrittenen Lebensalter angemessen, etwas spärlicher, sein Bauchumfang aus dem gleichen Grund etwas größer geworden. Viele Freunde hat er nicht, und die, die ihn kennen, wissen selten, wie man ihn einschätzen könnte.

Einige Stimmen:

"Er ist irgendwie melancholisch. Ich weiß ja auch nicht, wie ich das besser sagen soll. Irgendwie resignativ traurig, aber nicht deprimiert, wenn Sie wissen, was ich meinen könnte, vielleicht." (eine junge Nachbarin, die zur Zeit einen Volkshochschulkursus "Psychologie nach Feierabend" belegt hat)

"Horst? Mag ihn. Doch, doch. Kann was. Gescheitert, aber eben auch nicht. Interessante Biografie, besitzt eine Platte der LORDS, wenn auch nicht die beste." (der Bibliothekar Lehn, von dem im Roman noch die Rede sein wird)

"Arschloch. Totales Arschloch. Ich glaube, dem haben sie 68 noch einen Kick mitgegeben, und das hat ihn verpfuscht. Verquere Ansichten, so antiautoritär und SDS-lastig, also dutschkemäßig verseucht. Vielleicht täusche ich mich ja. Aber selbst, wenn: ein Arschloch bleibt er." (ehemaliger Schulfreund, heute Mitglied einer bekannten Volkspartei)

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