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Fallbeschreibung

Als der norwegische Fußballspieler Andre Flo am 23. Juni 1998, gegen 23 Uhr, im brasilianischen Strafraum stürzte, lag ich am Fuße einer Treppe. Flo drehte sich mehrere Male um seine Längsachse, denn dies erschien ihm den vorgetäuschten Schmerzen angemessen. Ich lag ganz ruhig.

Das Stadion zu Marseille tobte. Um mich herum war es still, aber es rauschte in meinen Ohren, und eine Muschel erzählte mir vom aufgewühlten Meer. Natürlich hatte Flo den Pfiff des Schiedsrichters gehört. Oder konnte sich doch denken, daß gepfiffen worden sein mußte. Den Kopf im Grün, blickte er zum anderen Ende des Rasens und erkannte, daß sein Torhüter, ein Mann namens Grodas, die Arme wie ein Gekreuzigter ausgestreckt hielt. Er sah, in den Augenwinkeln, die Mitspieler gestikulieren, und jetzt wusste er, daß gepfiffen worden war. Um die Rechtmäßigkeit des Pfiffes zu unterstreichen, schickte Flo ein furchtbares Geheul in den lauthalsen Wahnsinn der Menge. Es war erreicht.

Ich hingegen wartete. Ich wartete auf den Schmerz, der nicht ausbleiben darf, wenn man gerade eine Treppe hinabgestürzt ist. Tot war ich wohl nicht. Ich konnte mich nicht bewegen, und vielleicht irritierte den Schmerz meine Regungslosigkeit, und er wartete. Auf ein winziges Zucken irgendeines Muskels, irgendetwas, das ihm garantierte, sich nicht an einen Toten zu vergeuden.

Auch in Marseille wartete ein Mann auf die Bewegung von Muskeln. Er hieß Taffarel und hütete das brasilianische Tor. Flo hatte sich inzwischen erhoben und humpelte davon, seinem Vetter Harvard zuzwinkernd, der, die Hände auf die Knie gestützt, an der Strafraumgrenze stand. Dieser Strafraum war für ein paar Momente so leer wie das Treppenhaus, in dem ich lag. Nur Taffarel kauerte, sich in den Hüften wiegend, auf der Linie, klatschte sodann in die Handschuhe, als wolle er jenem Mann, der sich anschickte, in den Strafraum zu laufen, bedeuten, es sei zwecklos, sich zu bemühen.

Etwas kam tatsächlich. Etwas machte Geräusche. Bevor ich es hätte sehen können, kam etwas anderes und fraß sich durch meine Beine. Wieder etwas anderes entzündete ein Feuer in meinem Kopf. Ich notierte mir die Schmerzen wie Stichworte zu einem uninteressanten Thema.

Irgendwo im fernen Stadion der Stadt St. Etienne saß ein Mann auf der Tribüne, hielt ein kleines Transistorradio an sein Ohr und vergaß zu atmen. Er war Marokkaner, und während er die Luft anhielt, glaubte er an Recht und Ordnung. Genau vier Sekunden lang. So lange brauchte der norwegische Fußballspieler Rekdal, um in den Strafraum der Brasilianer zu laufen, dort einem Ball zu begegnen, ihn am hilflosen Taffarel vorbei ins Tor zu schießen, abzudrehen, zu jubeln. Alles war vorbei. Nicht Marokko im Achtelfinale der Fußballweltmeisterschaft, sondern Norwegen. Nicht die bessere Mannschaft, sondern die durchtriebenere. Gegen einen satten, arroganten Gegner, der seine Schäfchen längst im Trockenen hatte und die Köpfe in höheren Gefilden trug.

Aus dem Lautsprecher des Transistorradios kam ein einziger Schrei aus 60.000 Schreien. Der Mann im Stadion von St.Etienne ließ das Radio fallen. Wurde aschfahl im Gesicht, hob seine Rechte, krümmte alle Finger bis auf den Daumen, den drehte er senkrecht nach unten, und dort unten, an der Linie des Spielfeldes, registrierte man den gesenkten Daumen fassungslos, raufte sich die Haare, zitierte besonders markige Suren des Korans und weinte.

Ich registrierte den Schmerz. Währenddessen waren die Schritte nähergekommen und hatten Gestalt angenommen: ein paar braune Halbschuhe, aus denen gelbe Socken emporstiegen und unter anthrazitfarbene Hosenbeine krochen. Ein Stillleben. Ich hatte keine Stimme, und ich hörte keine. Dann fragte eine, die zu einem älteren Mann passte: "Was ist los?" und beeilte sich mit der Selbstantwort: "Die Treppe runter. Schon wieder."

Was dann geschah, war auf gewisse Art noch merkwürdiger als mein Zustand. Ich hörte wohl, wie die Schritte wieder einsetzten und sich entfernten. Die Schuhe mit den Socken, die Hosenbeine indes blieben vor meinen Augen. Nur dass sie farblos wurden, schwarz/weiß. Dann verschwammen die Konturen, liefen über das Bild, bis alles schwarz war und schwarz blieb.

 

Andre Flo
Der große Unbekannte
Andre Flo Der große Unbekannte

 

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