2/54

Dass die beiden Fälle dieses Abends auf aparte Weise zusammenhingen, ist mir erst später bewußt geworden. Hätte ich Fußball geschaut, hätte ich nicht zur gleichen Zeit auf der Treppe stehen können. Auf der Treppe stand ich, weil ich keinen Fußball schauen wollte.

Denn das geht inzwischen über meine Kräfte: rumfiebern, rumrutschen, zu schwitzen anfangen, viel zu viel rauchen, ständig zur Uhr schauen. Völlig egal, wer spielt. Ich erinnere mich an ein B-Jugend-Länderspiel zwischen Algerien und Uruguay, über dessen Betrachten ich einen wichtigen Termin versäumte, danach - eine Kanne Kaffee intus - die Wohnung wie ein hippeliger Tiger durchmaß und die ganze Nacht vor Aufregung wachlag.

Altersfrage? Ich bin zweiundvierzig. Mein Ideal ist die Geruhsamkeit des vorhersehbaren Nervenkitzels. Wenn Deutschland gegen eine Luschenmannschaft wie - sagen wir mal: Kroatien spielen würde, und ich wäre live dabei: nicht zum Aushalten. Wenn ich aber das Ergebnis im voraus weiß: kein Problem, selbst wenn die Jungs verlieren. Sollte mich in fünfunddreißig Jahren Gevatter Tod im Seniorenheim sacht aus der Alzheimerschen Hölle in die profane des Christentums befördern - meinetwegen. Aber bitte am Vortag anmelden. Fällt ihm aber ein, an einer dunklen Treppe auf mich zu lauern und mir den finalen Schubs zu verpassen, krepiere ich vorher an einem Herzinfarkt.

Einen Schubs verpassen? Wie war ich zu Fall gekommen? Wie überhaupt auf die Treppe, aus welchem Grund ins Haus? Von halb zehn bis zehn hatte ich den ausgeschalteten Fernseher angeglotzt. Eine Zigarette nach der anderen geraucht. Überlegt, ob ich schnell einschalten, das Ergebnis oben am linken Bildrand ablesen, wieder ausschalten sollte. Ich stellte die Kiste an. Es war gerade Halbzeit, irgendein Gewinnspiel lief. Also ausschalten, noch eine rauchen. Nächtlicher Spaziergang.

Der Tagesofen war abgekühlt. Durch die geöffneten Fenster kamen frische Luft und lichtverrückte Insekten, abgestandene Luft und Fernsehpalaver entwichen nach draußen. Ich mied das Stadtzentrum. Bitte jetzt keine Fußgängerzone. Keine grotesk aufgebretzelten Tanten, keine "Weizenbier!"-Befehle. Relative Ruhe, bitte. So geriet ich in die Mörickestraße, es war Schicksal oder Ungeschick.

Zwei Gebäude verbinden mich mit dieser Straße. Einmal das dort ansässige Gymnasium, ein traumatischer Ort immer flacher werdender höherer Bildung und allmählich wachsender niederer Instinke. Ein unrühmlicher Abgang von dort, nach - na, schweigen wir vornehm.

Dann das Haus Nr. 14, dem Gymnasium schräg gegenüber. Hier betreibt seit Schülergedenken Herr Wollheim seinen Schreibwaren- und Zeitschriftenhandel, hier stürzte vor Jahresfrist Frau Siebenlist eine Treppe hinunter und war mausetot, hier tat ich es ihr nach und überlebte.

Noch einmal: Warum bin ich in das Haus gegangen? Dass ich einmal ums Karree gelaufen bin - meine Wohnung liegt nicht weit von der Mörickestraße entfernt -, mir außer einer älteren Dame samt Windhund kein Mensch begegnete - daran erinnere ich mich. Irgendwann stand ich vor Haus Nr. 14 und schaute an seiner Fassade hoch. Und Schluß. Schnitt.

Wenn es einen Grund gibt, fällt er mir nicht mehr ein. Gibt es keinen, ist die Sache umso mysteriöser. Ich hatte das Haus vor etwa einem Jahr erstmals aufgesucht, um meinem Beruf nachzugehen, einen kleinen Bericht zu verfassen. Als am 16. Juni 1997 auf der Treppe im Haus Mörickestraße 14 eine gewisse Frau Heidemarie Siebenlist zu Tode kam, schlenderte ich am Morgen darauf zum Unfallort, befragte einige Anwohner, schrieb 100 Zeilen. Die Frau war, ihre Wohnung im ersten Stock verlassend, auf der Treppe aus nicht mehr nachzuvollziehender Ursache gestolpert, getaumelt, hatte das Gleichgewicht verloren. Frau Heidemarie Siebenlist: 57, Typ aufgedonnerte Mama, mit schwerem Gepäck um die Knochen, einem ärztlich attestierten Kreislaufproblem und dem Pech, daß es sie an diesem Tag nicht ebenerdig heimsuchte.

Schön, ich gebe es zu: Es blieb nicht bei meinem Routine- und Recherchebesuch, den 100 Zeilen. Ich kam wieder, immer wieder. Ich betrat, an diesem Abend des 23. Juni 1998, das Haus vielleicht deswegen, weil mir mit einem Male klargeworden war, daß - aber was heißt schon "klar". Ich lag, grotesk verrenkt, auf abgelaufenem Linoleum, einen Schuh, eine Socke, ein Stück Hose im Blick, und dann nur noch Nacht.

 

 

Was bisher geschah

Heidemarie Siebenlist Herr Wollheim Herr Wollheim
Heidemarie Siebenlist
Herr Wollheim

Hauptseite Folge 3