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Nacht. Die sich irgendwann zurückbildet. Graue, vage Umrisse. Und eine Stimme, die einer Frau.

"Haaa-lo. Hören Sie mich?"

Ich höre. Doch wie antworten?

"Bewegen Sie irgendetwas, damit ich sehen kann, wenn Sie mich hören."

Und was kann sie sehen? Ich versuche es auf gut Glück mit den Augenlidern. Leidlicher Erfolg.

"Haben Sie gerade geblinzelt? Oder habe ich mich getäuscht? Falls nein, blinzeln Sie noch mal."

Ich tu´s.

"Hm. Na, sagen wir mal: Sie haben geblinzelt. Dann sage ich Ihnen, daß Sie sich im Elisabethenhospital befinden."

Ach Gott, in dieser katholischen Klitsche!

"Sie sind eine Treppe runtergefallen und haben sich beide Beine gebrochen. Eins davon ziemlich kompliziert. Das andere glatt, wie bei einem Skiunfall. Ja, und eine mittelschwere Gehirnerschütterung haben Sie dazu. Von allem anderen abgesehen."

Von allem anderen? Ich blinzele ein drittes Mal in die Richtung, wo sich die grauen vagen Umrisse bewegen. Spanne meine Lippen. Rede. Oder so was Ähnliches.

"Was haben Sie gesagt? Ich hab´s nicht verstanden, tut mir leid. Mein Name ist Krund. Krund mit K. Gesine Krund."

"Wie sehe ich aus?" Das zu artikulieren braucht seine Zeit und strengt an wie ein Marathonlauf.

"Wie Sie aussehen? Ich weiß ja nicht, wie Sie vorher ausgesehen haben. Aber ich nehme zu Ihren Gunsten an, daß Sie besser ausgesehen haben."

"Und Sie?"

"Was ich?"

"Wie sehen SIE aus?"

Sie lacht.

"Mittelschlank, mittelgroß, mittelblond. Grübchen um die Mundwinkel. Aber nur, wenn ich lache. Weißer Arztkittel. Darunter eine blaue, dünne Jeans und ein schwarzes, ebenfalls dünnes T-Shirt. Offene Sandalen, barfuß."

"Mein Name..."

"Schon gut. Wissen wir. Sie heißen Karl-Olaf Horst, und ich glaube, Sie sind der, der immer diese komischen Artikel im Blättchen schreibt. Die Polizei war schon bei Ihnen daheim, aber da hat niemand aufgemacht. Leben Sie allein?"

Ich beuge den Kopf zur Brust und zurück. Und stöhne vor Schmerz.

"Ja, ja, der Kopf. Möglichst ruhig halten. Wir haben dann bei Ihrem Chef angerufen. Der schickt jemanden in Ihre Wohnung, damit er Ihnen Anziehsachen bringt und was Sie sonst noch so brauchen. Für die nächsten Monate."

Ich bastele ob dieser Prognose ein heulendes Geräusch in der Rachenhöhle.

"Machen Sie sich keine Sorgen."

Das klingt jetzt reichlich abgefeimt und bewirkt das Gegenteil.

"Etwas Bleibendes? Seien Sie bitte ehrlich."

Sie schweigt.

"Wie ist das Spiel gestern ausgegangen?"

"Welches Spiel?"

"Brasilien - Norwegen."

"2:1, glaub ich."

"Für Brasilien?"

"Ist das so wichtig?"

Es war nicht zu fassen.

"Für mich schon."

Sie entfernt sich. Geht aus dem Zimmer, und ich höre Sie etwas auf den Flur rufen, das von einem noch entfernteren Ruf beantwortet wird. Dann kommt sie zurück.

"2:1 für Norwegen. Weil einer einen Elfmeter geschunden hat, wie man so sagt. Mich interessiert das ja nicht. Im Bereitschaftsraum läuft immer der Fernseher, man kriegt´s mit, ob man will oder nicht."

"Dann ist Marokko draußen?"

"Oh mei, das geht jetzt aber meilenweit über meinen Fußballverstand."

"Doch, doch. Müssen draußen sein. Haben sie gegen Schottland gewonnen?"

Sie wird hörbar ungeduldig.

"Weiß nicht. Haben Sie keine anderen Sorgen?"

"Sie haben doch selbst gesagt, ich müßte mir keine machen."

"Dann halten Sie sich auch dran. Schlafen Sie noch ein bisschen. Es ist halb vier. Und ich bin müde."

Völlig unlogisch, was sie da sagt. Warum soll ich schlafen, wenn sie müde ist? Ich bin nicht müde. Ich bin gerade dabei, in die Welt zurückzukehren. Die grauen, vagen Umrisse bekommen schärfere Konturen und füllen sich zögernd mit Farbe.

 

Was bisher geschah

Andre Flo Andre Flo Karl-Olaf Horst Karl-Olaf Horst Gesine Krund Gesine Krund
Andre Flo
Karl-Olaf Horst
Gesine Krund

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