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Eine Zeitlang beruhigt mich der Gedanke, daß auch mein tiefer Fall die Erde nicht aus ihrer Bahn geworfen hat. Weiterhin streiten sich die Bösen (Norweger) und die Guten (Marokkaner), und am Ende gewinnen die Bösen. Alles beim Alten.

Theoretisch könnte ich meine Umgebung wahrnehmen. Aber ich liege da mit geschlossenen Augen und höre, wie schwarzweiße Nonnen mit Frühstückstabletts und allerhand klapperndem Handwerk vorbeistelzen, während mein Gehirn Bienenlieder summt. Aus Versehen berühre ich einmal die harten Schalen, in denen meine Beine stecken. Der Gips fühlt sich noch feucht an. Wenigstens schmerzlos. Das machen die Tabletten; doch daran zu denken, wie es sein wird, wenn die Wirkung der Medikamente nachlässt, verkneife ich mir.

Lieber stelle ich mir vor, wie Frau Doktor oder wer auch immer jene von ihr "Chef" titulierte Person angerufen hat: tiefnachts, und Schiever, "der Chef", hat sich krachend aus dem Bett gehoben, eine monumentale Erscheinung im Seidenslip. Langsam dürfte er die Nachricht vom Malheur seines Mitarbeiters realisieren - und sofort druckt seine Phantasie Schlagzeilen: "Kritischer Journalist Opfer von Machenschaften?" "Wer stieß den mutigen Rechercheur in die Tiefe?" - "Guten Abend, hier ist Sabine Christiansen, wir haben heute Wilfried Schiever im Studio, Wilfried Schiever, den Chefredakteur des investigativen...." (und gleich legt sie ihr Köpfchen bezwecks intellektuellen Aussehens apart in die Kurve).

Spiegel-Reporter, ein RTL-Fernsehfuzzi, nette Mädels von "New York Times" und "Hürriyet" - das wird wohl in diesen Sekunden an seinem inneren Auge vorbeigezogen sein, bis ihm bewußt wurde, daß ich ja weder kritisch noch Journalist bin, sondern allenfalls ein fahriger Depp, den selbst der Abstieg von einer Treppe vor unlösbare Aufgaben stellt. Fünfzig Zeilen unter "Lokales".

Vor knapp zehn Jahren hatte Schiever - aus Gründen, die ihm selbst immer fremd geblieben sind - eine sozialistische Wochenzeitung gegründet, die gänzlich aus Werbeeinnahmen finanziert werden sollte. Schiever war zuvor nicht einmal wegen seines Studiumsabbruchs (Philosophie) aufgefallen und gewiß kein Parteigänger linker Ideen. Ein Spaßvogel von gut zwei Metern lichter Höhe, in deren oberstem Stockwerk, gleich unter den ewig akkurat gekämmten Haaren, ein beachtliches Quantum verquerer Einfälle hockte. Dass gleich daneben ein nicht weniger beachtliches Quantum Geschäftssinn auf seinen Einsatz wartete, mag ihm - bei einer solchen Schnapsidee - damals nicht bekannt gewesen sein.

Tatsächlich ließ sich die Sache vielversprechend an. Wir sind hier eine Universitätsstadt, und Schiever war nicht von dem Irrglauben abzubringen, Studenten stünden quasi genetisch konditioniert schwer links. Das dachte gottlob auch die Geschäftswelt und inserierte. "Marxmarkt" wurde das Blättchen getauft. Es druckte jedermanns Erguß bezwecks Verbesserung der Welt und arbeitete zwei, drei Jahre durchaus kostendeckend. Dann gingen die Anzeigen zurück. Schiever schob flugs eine Spalte "Satire" in den "Marxmarkt", etablierte eine Seite "Lokales", bot private Inserate kostenlos an, ließ auch notorische Leserbriefschreiber zu Wort kommen, ersetzte den marxistisch-leninistischen Unterbau schließlich durch "Populärwissenschaftliches", nahm dies zum Fundament einer bunten Seitenfolge "Wissenswertes aus Gesellschaft, Politik und Privatleben". All das heischte einen neuen Produktnamen, den man endlich in "Maxmarkt" fand.

In diesem Augenblick fielen die bislang schlummernden Quantitäten Geschäftssinn im Schieverschen Gehirn über die der verqueren Ideen her und merzten sie aus mit Stumpf und Stil. Hatte er sich jahrelang dank der dilettantischen Beiträge von Freizeitjournalisten und anderen Profilierungssüchtigen über Wasser gehalten, pochte Schiever nun auf Professionalität, die sein Verstand auf wunderbare Weise und der vier Anfangsbuchstaben wegen mit "Profit" assoziiert haben dürfte. Dass er ausgerechnet mich damit in Verbindung brachte, erzählt viel über die Defizite in seiner Menschenkenntnis.

So, so: ich. Ich hatte mich, wie weiland Tarzan an den Lianen, von Job zu Job gehangelt. Ein leidlich eleganter Artist über den Sümpfen der bürgerlichen Wohlhäbigkeit turnend, ständig in der Gefahr, abzustürzen, wobei ich nicht hätte sagen können, ob mir das als eine Katastrophe oder ein Segen vorgekommen wäre. Schiever erwischte mich auf dem falschen Fuß, keine Frage. Appellierte an die Triebkraft meiner Feder: zwecklos. Versprach völlige Handlungsfähigkeit: wozu? Zahlte generös meinen Kneipendeckel: schon besser. Warf schließlich, als ich schon - wieder Tarzan - nur noch wie ein Kastrat das Hohelied der beruflichen Freiheit jodelte, seinen fettesten Köder vor mein sabberndes Maul: Garantiehonorar. Eine Summe, die mir monatlich ausgezahlt werden sollte, selbst wenn ich kein Wort für den Maxmarkt schriebe. "Alles was du schreibst, ist die Butter aufm Brot. Luxus, Hedonismus, Sparstrumpf, ganz wie du willst. Na?" Ich stürzte karacho in den Sumpf.

Seit diesem Gespräch ernähre ich mich von philosophischen Minitraktaten, Haushaltstips und Lokalem: "Über den Sinn der Zeit." - "Wie reinige ich die Rippen meiner Heizkörper?" - "Bauer Peter hat die größten Kartoffeln." Es ist beruhigend, so lange im Bett liegen zu können, bis das Telefon klingelt und Schiever oder sein Chefredakteur Meinsell einen Artikel bestellt. Ich mache alles, und ich mache alles gut.

Am Morgen des 16. Juni 1997 überlegte ich, wie ich zu einer Tasse Kaffee kommen könnte, ohne das Bett verlassen zu müssen. Das kleine Café um die Ecke fiel mir ein. Die studentische Hilfskraft, in schnellem Schritt ein leckeres Frühstück transportierend. Kaffee, frische, noch warme Croissants. Aber ich hätte ihr die Tür öffnen müssen. Vergessen wirs.

Schon war ich bereit aufzustehen, als das Telefon klingelte. Meinsell meldete sich gewohnt schüchtern und leise.

"In der Mörickestraße ist eine Frau die Treppe runtergefallen. Machst dus?"

"Tot?"

"Ja."

"Dann mach ichs."

Gottseidank weiß ich einen Gewährsmann bei der Polizei, einen alten Schulfreund, der so penibel ist, daß er auch Verbote ordnungsgemäss übertritt.

"Habt ihr schon ne Pressemitteilung?"

Sie saßen noch dran.

"Okay. Was weißt du?"

Nun, man wußte nicht viel, aber genug, um den Kasus als einen bedauerlichen Unglücksfall einzustufen. Der Schreibwaren- und Zeitschriftenhändler Wollheim, Besitzer des Hauses und neben seiner Mieterin Siebenlist dessen einziger Bewohner, war gegen zwei Uhr durch ein Poltern im Treppenhaus geweckt worden und hatte die Tote gefunden.

Natürlich kam selbst die Polizei nicht an der Frage vorbei, was eine Dame älteren Datums so spät noch außerhalb ihrer Wohnung verloren haben mochte. Einen undichten Dackel zum nächtlichen Ausführen gab es nicht, außerdem trug Frau Siebenlist, wie es mein Gewährsmann - immer noch der verklemmte Formalist früherer Tage - nannte, "verkehrsübliche Hausbekleidung". Und Hausschlappen. Filzlatschen.

Ich schrieb eifrig mit. Es bereitete keine Mühe, den behandelnden Arzt der Frau ausfindig zu machen und zu erfahren, die Patientin sei wegen akuter sowie chronischer Kreislaufprobleme in seiner Obhut gewesen. Schwindelanfälle inklusive. Was zwar das nächtliche Betreten der Treppe nicht erklärte, doch, so mein Informant nonchalant und arbeitsscheu, vollauf genüge, "die Hypothese eines Fremdverschuldens gar nicht erst virulent werden zu lassen."

Ich unterbrach ihn.

"Ist das alles?"

Er zögerte.

"Ich weiß nicht, ob - na, eigentlich nichts Topgeheimes. Also die Wohnung. Ich meine - bei einer älteren Frau - ziemlich groß mit fünf Zimmern, Küche und zwei Bädern."

"Soll vorkommen."

"Schön; ja. Aber du und ich, wir haben Zweizimmerwohnungen, gell? Wohnzimmer, Schlafzimmer. Dazu kleine Küche, kleines Bad."

"Na und?"

"Tja - Sie hatte FÜNF Schlafzimmer..."

 

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Andre Flo Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Gesine Krund Meinsell Wilfried Schiever Herr Wollheim
Andre Flo
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
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Heidemarie Siebenlist
Herr Wollheim

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