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FÜNF Schlafzimmer...

Ein einziges würde mir reichen. Schon beim Schlafen und Dämmern, Phantasieren und Brüten hatte zuweilen eine Stimme aus anderen Sphären in meinem schwachen Bewußtsein krakeelt. Sie riß mich für Augenblicke aus der Wirklichkeit meines Fiebers in die des Banalen, das um mich herum geschah. Unangenehmes Organ; bloß nicht reagieren.

Als dann aber ein langgezogener Jauchzer meine Traumwelt entrümpelt, gibt es kein Zurück mehr. Augen auf.

"Na, wieder unter den Lebenden?"

Der das fragt, liegt in einem Bett, das von dem meinen nur durch ein Nachttischchen getrennt ist, auf dem Sprudelflasche, Bildzeitung, Konfektschachtel und dahinvegetierende Flora das Szenario erwarteter Krankenhaustristesse abgeben.

"Boskonz! Werner!"

Herr Boskonz liegt, auf den rechten Arm gestützt, mir frontal zugewandt. Ein geschätzt dreißigjähriger Träger sommerlicher Schlafanzüge im Krawattenlook, das störrische Haupthaar keck gebüschelt. Von einer Magerkeit, die an nackte Männer auf Nagelbrettern erinnert, an Askese - oder einen mopsfidelen Bandwurm, dem Boskonz fröhlich zufüttert. Schlimmer Tag, soviel ist gewiß.

Herrlicher Tag. Man hat die karmesinroten Vorhänge zugezogen, und an ihnen zerplatzen die Sonnenstrahlen zu erträglichem Zwielicht. Hinter Boskonzens vor lauter phonetischer Ekstase zitterndem Leib erhebt sich die Schrankwand. Auf ihr schwimmen Schatten.

"Schlafen Sie immer so lang? Halb zwölf! Gleich gibt’s Essen. Müßte eigentlich schon da sein. Versteh das nicht. Guten Tag, liebe Arbeitnehmer, guten Morgen, liebe Studenten, gute Nacht, liebe Schreiberlinge!"

Sprichts, belachts und zerrt eine Zeitung aus dem Spind.

"Ich kenn Sie! Sie schreiben da drin so komische Sachen. Find ich gut. Überhaupt: Die ganze Zeitung find ich gut. Und kost nix! Wie isses denn passiert? Suff? Irgendso'n Obdachloser, die wo da immer in den Fluren rumliegen? Und die Stadt tut nix!"

So. Ganz ruhig. Ich bin in eine Zwangsgemeinschaft gestürzt, ich muß da durch. Lasst uns nach dem Positiven suchen. Vielleicht ist er kein Fußballfan und verwickelt mich nicht in diesbezügliche Gespräche. Gibt es hier einen Fernseher? Natürlich gibt es hier einen Fernseher, hoch oben, uns gegenüber, mit einer Chipkarte zu bedienen, die in eine Apparatur am Bett zu schieben ist. Vielleicht besitzt Boskonz keine. Vielleicht schaut er lieber Musikantenstadel.

"Gestern das Spiel gesehen?"

Kein guter Tag. Weiter: Was noch an potentiellem Trost? Vielleicht ist Boskonz schwer krank und stirbt heute abend, noch vor dem Fußballspiel. Vielleicht sterbe ich ja.

"Ich muß ja nicht mehr lange hier liegen. Zwei Wochen, sagt das Frau Doktor. Klasse Frau, die, werden Sie auch noch sehen."

Vorsichtig seine nähere Umgebung absuchen. Ob es irgendwelche Schläuche gibt, die man ihm, wenn er schläft, rausziehen könnte? Nein.

"Ah, Schwester Benedikta! Was gibt’s denn Gutes?"

Man muß eine Möglichkeit finden, an Schnaps ranzukommen. Permanenter Suff: einzige Hoffnung, Boskonzens ununterbrochener Rede standzuhalten.

 

 

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