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Zugegeben: Damals, Juni 97, war ich nicht nüchtern gewesen, als ich das Haus Mörickestraße Nr. 14 zum erstenmal betrat. Zwischen schwerem Angeheitertsein und relativer Nüchternheit: so wollen wir das mal sagen. Ein Morgen danach eben.

Die fünf Schlafzimmer, von deren Existenz mir mein Gewährsmann am Vortag berichtet hatte, ließen mir keine Ruhe. Meine hundert Zeilen-Story war zwar fertig; bis zum Redaktionsschluß hatte ich aber noch drei Tage und konnte recherchieren.

Was meine Quelle außer dem Faktum der schieren Schlafzimmeranzahl noch zu sagen gewußt hatte, verstärkte den Verdacht, Frau Siebenlist habe ein privates Bordell unterhalten. Breite Betten, rote Glühbirnen, diskrete Rollos, Kleiderständer, kleine Abfalleimer zur Kondomentsorgung, nur die Teddybären auf jedem Kopfkissen passten nicht ganz, ließen sich jedoch mit etwas Gewalt in die Indizienkette einfügen.

"Aber" hatte mein Gewährsmann eingewandt "wenns ein Puff gewesen wäre, hätte es a) Nutten und b) Freier geben müssen. Der Nachbarschaft wäre das Treiben kaum entgangen, der Sitte auch nicht. Außerdem: Wir haben NICHTS gefunden: keine Präservative, keine großen Getränkevorräte, keine Klamotten außer denen von der Siebenlist, keine gewerbespezifischen Hilfsmittel in den Bädern, kein Übermaß an Handtüchern, ZEWA WISCH UND WEG, gar nichts."

Die Hoffnung auf anrüchige Girlanden, die man um die sachliche Trostlosigkeit des Falles hätte winden können, schwand. Ich kenne die Mörickestraße, ein Stück Altertum an der Peripherie, in der das Gymnasium mit seinem Ausbund an jugendlicher Energie etwas Exotisches, beinahe bedrohlich Fremdes geblieben ist. Wer hier lebt, steht auf der Zielgeraden und hat die Preislisten der Bestattungsinstitute sorgfältig studiert. Fünfzigjährige Liebhaberinnen von irgendwelchen "Zillertaler Buben" gelten in der Mörickestraße als juvenile, negermusikverseuchte Rowdies, mittelalterliche Frauen im Zustand der Ledigkeit als nitribittgroße Flittchen.

So altersschwach Augen und Ohren der Mörickestraßenbevölkerung auch sein mochten, ein veritables Puff wäre ihnen nicht verborgen geblieben. Man hätte nach Sanktionen geschrien - doch es gab diese Schreie nicht. Folglich auch kein Bordell in Nummer 14.

Wozu dann aber die fünf Schlafzimmer? Ich gestehe, daß diese Skurrilität der Frau Siebenlist mich neugierig machte, mehr war als Journalistenroutine. In ihr schien eine Weisheit von geradezu grundphilosophischer Dimension zu stecken: die vor lauter Normalität strotzende Wirkung einer völlig im Abnormalen siedelnden Ursache. Fünf saubere Schlafzimmer. Andersrum kennen wir das Spiel zur Genüge: Aus Normalität wird Monströsität. Aus Buchhaltern Massenmörder. Ein sorgender Familienvater packt ein jüdisches Kind an den Füßen und klatscht es gegen die Wand.

Es lag nahe, daß Frau Siebenlist sich nur wünschte, ein Bordell zu betreiben. Aber warum? Trippelte sie Tag und Nacht durch die Wohnung, redete mit imaginären Nutten und Freiern, öffnete die Tür ihrer Wohnung, um das illusionäre Personal ihrer Vorstellung hereinzubitten, Kundschaft, die es gar nicht gab? Das immerhin hätte erklären können, warum Frau Siebenlist nachts um zwei ins Treppenhaus getreten war. Irgend jemand hatte geklingelt. Kein Mensch hatte geklingelt.

Ich kam in Herrn Wollheims Laden, und sofort verschwanden die letzten 25, 30 Jahre aus den Annalen meiner Biografie. Ich war wieder 12, 13, 14, 15, 16, 17, ich bewegte mich klein und unwissend in der inzwischen altmodisch gewordenen Einrichtung des Geschäfts, und auch Herr Wollheim selbst, der gerade dabei war, Bleistifte zu zählen, mußte 25, 30 Jahre seines Lebens überstanden haben, ohne dass sie ihm etwas hätten anhaben können. Er war geblieben, was er immer gewesen war: ein älterer freundlicher Mann, der nicht fluchte, wenn man einen Zwanzigpfennigsbleistift mit einem Zehnpfennigstück bezahlte, eine recht kleine, korpulente Persönlichkeit mit freistehenden grauen Lockeninseln auf der Lederhaut seines Schädels und großen Kinderaugen.

Es war nicht mehr lange hin bis zu den Großen Ferien. Der Bedarf an Heften, Stiften, Wörterbüchern tendierte zum Bedeutungslosen, nur die Bravo setzte sich gut ab wie immer. Normalerweise fallen die Schüler gegen halb acht in tobenden Schwärmen über Wollheims Laden her, verschwinden kurz vor Acht und machen einer zweiten Welle Platz, die in Gestalt erwachsener, zur Arbeit gehender Menschen Bildzeitungen abgreift. Spätestens um neun kehrt Ruhe ein, und der Kaufmann widmet sich der Pflege seines Sortiments sowie einer Tasse Kaffee im Kabäuschen gleich links hinter der Theke, neben der Verbindungstür zum Treppenhaus.

"Haben Sie Bleistifte?"

Wollheim sah überrascht auf wie ein Brennstoffhändler, den man nach Heizöl fragt.

"Natürlich", antwortete er. "An was haben Sie denn gedacht?"

Ich verwickelte ihn nun in eine Fachsimpelei über harte und weiche Bleistifte, runde und eckige, solche mit und solche ohne Radiergummi am Kopfende.

"Eigentlich merkwürdig" räsonnierte ich, "dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, einen Bleistift mit integriertem Anspitzer auf den Markt zu bringen. Statt des Radiergummis."

Wollheim überlegte.

"Hm. Sehen Sie aber nicht auch das Problem, daß das Anspitzen mit gewissen --- Schwierigkeiten verbunden wäre? Ich meine - vorne ist die Spitze und hinten der Anspitzer, und dazwischen ist ein starrer Stab, sozusagen. Beide Enden kommen nicht zueinander, was sie ja müssten."

"Sicher. Man müsste die Bleistifte dann halt im Zweierpack verkaufen."

Das leuchtete ein.

"Zu meiner Zeit" erinnerte sich Wollheim "hat man Bleistifte mit Rasierklingen angespitzt. Die gabs in jedem Haushalt, jedenfalls denen, die einen männlichen Vorstand hatten. Ich selbst halte es heute noch so. Es ist die perfekte Methode, aber umständlicher, nicht ungefährlich obendrein."

"Das Bequeme ist zumeist das Schlechtere. Denken Sie nur an Fahrstühle."

"An Fahrstühle?"

"Na, Sie stehen unten und warten. Fahrstuhl kommt nicht. Dann kommt er. Sie steigen ein und drücken 4. Stock. Fahrstuhl bleibt auf jedem Stockwerk stehen. Wieder Zeitverlust. Leute steigen ein. Leute, die nicht gut riechen, Übergewicht haben, dumm quatschen, erkältet sind. Tja, und dann steigen Sie mal aus, wenn Sie gerade wie der letzte Hering in der Ecke hängen."

"Das stimmt schon. Aber -"

"Richtig. Man kann keine Treppe runterfallen, wenn man Fahrstuhl fährt."

Er sah mich mit jenem milden Mißtrauen an, das sein Gemüt als misantropischsten Ausdruck zustande brachte. Will sagen: Er lächelte eine Andeutung unsicherer.

"Worauf wollen Sie hinaus? Darf ich fragen, wer Sie sind?"

Ich stellte mich vor, Wollheim seufzte.

"Eine schreckliche Geschichte. Ich habe der Frau Siebenlist oft gesagt, sie solle vorsichtig sein. Dabei wohnt sie jetzt seit zehn Jahren hier und hätte wissen müssen, daß es alte Treppen sind. Steile, schmale Stufen. Das Haus ist Gründerzeit, die ganze Straße ist Gründerzeit. Sogar das Gymnasium ursprünglich, aber in den Fünfzigern haben sie´s modernisiert."

"Ich weiß. War auch dort."

"Ach? Gehören Sie zufällig zu dem Abiturjahrgang, der 1975 meine Eingangstür zugemauert hat? Ich frag nur. Ich nehm´s nicht übel. Ein Scherz. Vor zwei Jahren haben sie mir die Scheibe eingeworfen, das war etwas anderes. Da mußte ich die Polizei einschalten."

"Nein, nein, ich bin vor dem Abitur abgegangen."

Er fragte, um Peinlichkeiten zu vermeiden, nicht weiter nach, sondern wandte sich wie erhofft wieder der Frau Siebenlist zu, die er als patente Person charakterisierte, pünktliche, ruhige Mietzahlerin.

"Ältere Frau, ja, ja." resümierte ich scheinheilig, "Freunde sind wahrscheinlich auch nicht mehr so zahlreich."

"Nein", bestätigte Wollheim. "Als die Frau hier eingezogen ist, hatte sie einen Freund. Netter Mann das, etwas älter als die Frau Siebenlist damals. Aber das ging nicht mehr lange. Sie ist gerne ausgegangen, das ja. Aber niemals Exzesse; niemals."

Wir redeten noch eine gute Viertelstunde, bis mich Wollheim einlud, den Ort des Unglücks zu besichtigen. Die Wohnung sei leider polizeilich noch nicht freigegeben, überhaupt wisse er, Wollheim, nicht, was mit der Frau Siebenlist Habseligkeiten geschehen solle, denn Verwandte habe sie keine. Ich täuschte Zeitnot vor und verabschiedete mich, versprach indes, in den nächsten Tagen wiederzukommen und das Angebot des Hausherrn zu nutzen, "zumal dann ja wohl die Wohnung wieder zugänglich ist, und ich mal - wenn Sie nichts dagegen haben - einen Blick routinehalber reinwerfen könnte."

In Haus Nr. 12, gleich nebenan, lebten auf drei Stockwerken drei gelangweilte Witwen, die meinen Besuch mit dem Entzücken aller Besitzer von verdammt viel Zeit begrüßten. Sie bestätigten nur, was Herr Wollheim mir bereits gesagt hatte. Eine unauffällige, nette Frau, etwas zu aufgedonnert, aber sie sei ja noch jung gewesen. Was aus der Sicht von Achtzigjährigen zweifellos der Fall war.

Nach diesen Recherchen begab ich mich ins Café Sonnberger, drei Häuser weiter, und bestellte mir - es war halb elf - ein zweites Frühstück. Auch so ein vertrauter Ort aus Schülertagen. Ich steuerte instinktiv den vertrauten Tisch in der Ecke an, wo man vor den Blicken der anderen Gäste ebenso verborgen war wie vor denen des hinter der überbordenden Kuchentheke scharwenzelnden Personals. Fast ein Separee.

Hier hatte ich vor einem guten Vierteljahrhundert meine Entjungferung eingeleitet. Sie war siebzehn, ich war siebzehn, wir tranken Cola mit Bier, wir zitterten beide und schämten uns dafür. Sie hieß Diana (und heißt noch immer so; klar.), trug einen Maxirock, wie es die Mode zum Entsetzen aller pubertierenden Jünglinge diktierte, als der Mini und die Hot Pants im Orkus des Obsoleten verschwanden. Dianas Eltern waren gut situiert - eine Tatsache, die damals garantiert Töchter zur Rebellion anstachelte. Sie zeigte sich darin, an Joints zu ziehen (ohne zu inhalieren), Janis Joplins posthumes Album "Pearl" mit der gleichen Inbrunst zu lieben wie einst die "Trotzkopf"-Romane, auch Pink Floyd zu schätzen, obwohl man nicht wußte warum - und sich noch vor der Ehe hinzugeben.

Diana, bei allem Rebellentum eine brave und sehr gute Schülerin, machte natürlich ihr Abitur. Da waren wir längst nicht mehr zusammen - Schluß mit den Reminiszenzen. Jedenfalls: Wir landeten schließlich in ihrem Jungmädchenzimmer. Diana bugsierte die vorwitzige kleine Schwester Judith mit Hilfe eines Zweimarkstücks aus dem zur Hingabe vorgesehenen Raum, dann herrschte für einen ewigen Augenblick Ruhe und Bewegungslosigkeit, selbst die Vögel draußen hielten sich daran.

Wir hatten beide keine Ahnung, daß dabei Blut zu fließen pflegt. Wir mußten ein Bettlaken säubern, ohne von dieser Aktivität und ihrer Ursache die Eltern der trotz ihrer moralischen Beschmutzung Fröhlichen in Kenntnis zu setzen. Es gelang uns nicht. Wir haben das Bettlaken dann in eine Plastiktüte gesteckt, Diana nahm ein neues und spannte es auf die Matratze. Das corpus delicti auf dem Gepäckträger meines Mofas, fuhr ich zum nahen Wald, entsorgte diskret die verräterische Fracht. Es ist nie rausgekommen. Dianas Eltern besaßen viele Bettlaken.

An diesem Morgen nach dem Besuch bei Wollheim schrieb ich, von den bittersüßen Erinnerungen leicht chloroformiert, einen Essay. Er handelte von Schlafzimmern und Abgründen, von Einsamkeit und Teddybären, von unbefleckten Laken und solchen, die aufgelegt wurden, um befleckt zu werden. Ich gab den Text, handgeschrieben wie er war, bei der Redaktionssekretärin ab, und er wurde noch in der nächsten Nummer des Maxmarktes veröffentlicht, weil der Gebrauchtwagenhändler Stoltz im letzten Moment seine ganzseitige Anzeige zurückgezogen hatte, und sich ein überkandidelter Text immer noch besser macht als eine öde Seite leeren Papiers.

Drei Tage, nachdem der Essay erschienen war, erhielt ich einen Brief. Er versteckte sich zwischen dem Postkonvolut, den Werbeschreiben und Rechnungen, den Einladungen und Drohungen, wie sie ein Journalist, auch wenn er keiner ist, bekommt. Ich habe mich später manchmal gefragt, was passiert wäre, hätte ich den Brief mit all dem anderen, unwichtigen Zeugs unabsichtlich der Mülltonne überantwortet. Nichts wäre passiert. - Alles wäre passiert? Müßige Gedanken.

Ich öffnete den Brief und fand ein Foto im Umschlag. Es zeigt einen nackten männlichen Hintern - weiß Gott kein Prachtexemplar seiner Gattung - und in ihm steckt eine Pfauenfeder. Auf der Rückseite des Fotos stehen, mit Füllfederhalter akkurat leserlich fein geschwungen, die Worte:

"Du Dummer. Du änderst dich nie. Du hast keine Ahnung. Denk an die Teddybären."

 

 

Was bisher geschah

Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Diana Weber Herr Wollheim
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
Heidemarie Siebenlist
Diana Weber
Herr Wollheim

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