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2 Schmerzen

Obwohl ich schon lange kein Freund des Kirchlichen mehr bin - und, Hand aufs Herz, hätte ich ausgerechnet jetzt Grund, einer zu sein? - , bezaubert mich doch Schwester Benedikta, denn sie weiß, was ich brauche: ein Frühstück zur Mittagszeit.

Zudem bedauert sie mich sehr. Mich in meinem Krankenhauskittel, der die Blöße gerade so am Rande des Züchtigen bedeckt. Meine Beine sehen fürchterlich aus: beide Oberschenkel in Gips, aus dem linken windet sich ein Plastikschlauch, durch den eine Art schmutziges Blut in einen am Bett befestigten durchsichtigen Plastikbeutel gepumpt wird. Dass meine Unterschenkel bandagiert sind, sei als eine Petitesse am Rande abgehakt.

Langsam komme ich zu mir. Ich liege gegenüber der Fensterfront, schaue auf die erwähnten roten Vorhänge und frage mich, wonach es in diesem Kabuff riecht. Nach Krankenhaus, das heißt: nach Desinfektion und Desinformation. Boskonz hat freundlicherweise beide Fenster gekippt, doch was von draußen hereinkommt, nährt den Eindruck, dort sei ein noch viel größeres, noch penetranter stinkendes Krankenhaus. Auftritt Schwester Benedikta, den Mittagstisch für meinen gefräßigen Zimmergenossen balancierend.

"Ach, Sie Ärmster!" tröstet mich die kompakte Sechzigerin in Gottes Uniform. "Sind Sie endlich wach? Haben Sie Hunger? Natürlich haben Sie Hunger! Haben Sie Schmerzen? Sagen Sie nur, sagen Sie nur!"

Im Stillen erweicht mich diese mildtätige Nonne so weit, daß mir der absurde Gedanke, zukünftig doch wieder Kirchensteuern zu zahlen, so absurd gar nicht mehr vorkommt. Man machts ja nicht für den Alten in Rom und seine klerikalen Filialisten. Man macht´s für Heilige wie Schwester Benedikta und die guten Werke, denen sie sich widmen, so dem Organisieren eines kräftigen Frühstücks aus dampfendem Kaffee, zwei frischen Brötchen mit Marmelade, einem Ei unterm Wollmützchen gar, selbst das Salz vergißt sie nicht.

Nur die Sache mit dem Haferschleim. Sie meint es sicher gut, aber Haferschleim ist mit zu vielen Schrecken der Kindheit verknüpft, mit Drohungen und Handgreiflichkeiten. Angewidert stelle ich das Schüsselchen auf meinen Nachttisch, vor die gierigen Augen des mampfenden Boskonz, der soeben ein Schnitzel mit vier Bissen verputzt hat.

"Essen Sie das etwa nicht?"

Ich reiche ihm das Schälchen rüber, froh, Schwester Benedikta nicht enttäuschen zu müssen. Ich bin ein guter Junge und lasse alles aufessen.

Doch, ein herrlicher Tag. Boskonz löffelt den Brei dem Schnitzel hinterher, reicht mir das Schüsselchen zurück. Dann schwingt er sich aus dem Bett, "eine verdauungsmäßig rauchen gehen". Gute Idee, Boskonz. Eine Zigarette zur letzten Tasse Kaffee, draußen jubiliert die Vogelschar im Geäst der Parkbäume, sonnt sich, was rekonvaleszent oder moribunt, hingebungsvoll auf den Bänken. Alles schmaucht und hustet, spuckt Tabakkrümel und prüft die Bronchien. Herrlicher Tag.

Fürchterlicher Tag. Den momentanen Nichtbesitz von Zigaretten würde ich als einen läppischen temporären Mangel beseitigen können. Überall gibt es freigiebige Raucher und gefüllte Zigarettenautomaten. Indes: Ich kann nicht aufstehen, um das Raucherzimmer oder den Park anzusteuern. Ich werde tage-, wochen-, monatelang im Gipsgefängnis liegen, einen mysteriösen Schlauch tolerierend, der mir Blut, Dreck und was weiß ich aus dem Bein pumpt. Nichts bleibt mir als das Warten darauf, daß die vermaledeiten Knochen meiner unteren und jetzt unsichtbar gewordenen Extremitäten heilen. Ich spüre Kopfschmerz. Ich fühle ein Kribbeln in den Beinen, das nichts Gutes verheisst. Ich merke, wie sich die Muskulatur meiner Bauchdecke zu einer Grimasse verformt. Ich gewahre, wie die Bilder und Metaphern in meinem inneren Monolog so schief werden, daß sie schon der Anflug eines vernünftigen Gedankens kippt. Ich warte auf Schwester Benedikta himmlisches Erscheinen und ein Wunder.

"Sie haben alles aufgegessen, das ist schön", lobt sie.

Dranbleiben; unbedingt dranbleiben: der liebe Bub, der Musterschüler, dem kein Wunsch abgeschlagen werden kann. Und oh, gnädige höhere Instanz, sie AHNT alles im voraus, meine liebe Benedikta. Ganz voller Mitgefühl schaut sie auf meine Hände, die nervös taktschlagen.

"Jetzt möchten Sie gerne eine rauchen, gelt? Bei DEN gelben Fingern müssen Sie ein arger Raucher sein."

Ich spitze den Mund und wiege den Kopf, als sei mir der Gedanke noch nicht gekommen, entbehre aber nicht eines gewissen Reizes.

"So ein Zigarettchen zur allgemeinen Stabilisierung meiner Lage - wäre nicht schlecht. Von der Verdauung ganz abgesehen."

"Ach, Sie Glücklicher!" hebt meine allerfeinste Schwester an; wahrscheinlich hat sie selbst ein Päckchen unter ihrer Kutte.

"Bedenken Sie", fährt sie fort, "wie viele Menschen sich das Rauchen abgewöhnen wollen und es nicht können, weil überall am Wege die Versuchung lauert. IHNEN aber wird gar nichts anderes übrigbleiben, als sich das Rauchen abzugewöhnen. Sie können Ihr Bett nicht verlassen, und natürlich wissen Sie auch, daß nichts Schlimmeres sein kann, als im Krankenzimmer zu rauchen. Eine Todsünde, wo Ihnen der Herr so eine Gnade hat zuteil werden lassen. Und was Ihre Verdauung betrifft: Für kleine Geschäfte haben wir hier, gleich am Bettpfosten, die Urinflasche. Für die großen Geschäfte klingeln sie einfach. Dann kommen zwei Schwestern mit der Bettpfanne und heben Sie ab."

Tag des Zorns. Ich, souveräner Atheist, soll von zwei Bräuten Christi auf den Topf gestemmt werden! Eine nimmt die Flasche und schiebt sie auf mein Genital. Wieder allein - selig lächelnd hat das keusche Monster mein Frühstücksgeschirr abgeräumt -, falle ich erschöpft ins Kissen zurück. Bilder einer Wahnvorstellung, die Geburt eines Mythos: Wann habe ich meine letzte Zigarette geraucht, von der ich nicht wußte, daß sie meine letzte sein würde? Hätte ich die innere Kraft, nach dem erzwungenen Entzug wieder mit dem Rauchen anzufangen? Also - muß vor Haus 14 gewesen sein. Wenige Minuten, bevor ich --- nee; komisch. So war das nicht. Später ... später.

Eines Tages werde ich dieses Bett verlassen. Ich werde mich zu den Toiletten schleppen. Ich werde mich hinsetzen - so. Ich werde, während es sich aus mir herausröhrt, eine Zigarette anzünden. Ich werde, kurz, auf dem Klo rauchen. Schönste aller denkbaren Utopien. Ich werde wieder ein Schüler sein, der gegen die Hausordnung verstößt und drauf pfeift.

 

Was bisher geschah

Info zu Werner Boskonz Karl-Olaf Horst
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Karl-Olaf Horst

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