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Ein Hintern, in dem eine Pfauenfeder steckt. Das Foto dürfte ohne große Sorgfalt in einem Heimlabor entwickelt worden sein, ein Probeabzug. Etwas blaß nämlich sind die Farben und geben dem Stilleben aus Gesäß und Feder einen Hauch des Antiken aus der Pionierzeit der Fotografie. Ein Dokument aus der Vergangenheit, der jüngeren, ein paar Worte, die Saiten anschlagen, ohne Töne zu erzeugen.

Knapp eine Woche nach meinem ersten Besuch bei Wollheim machte ich den zweiten. Es ging auf Geschäftsschluß zu, viertel nach sechs. Zu dieser Stunde betreten Kunden nur noch selten den Laden, heute kam ein Mädchen atemlos und fragte nach dem Liliputwörterbuch Deutsch-Französisch, Französisch-Deutsch, was auf eine morgige Klassenarbeit und den Gedanken an eine unzulässige Beeinflussung der selben schließen ließ.

"Es gibt so Augenblicke" sagte Wollheim sanft philosophisch, als das Mädchen gegangen war, "die wiederholen sich ein Leben lang. Immer kommen kleine Mädchen, kleine Jungs kurz vor Ladenschluß und kaufen diese Büchlein. Die meisten haben einfach gemerkt, daß ehrlicher Fleiß bis morgen früh nicht mehr ausreichen wird. Sie sind in Panik. Seit vierzig Jahren erlebe ich das."

"Seit vierzig Jahren?"

Wollheim wiegte sein Haupt bedenklich.

"Seit vierzig Jahren. Damals habe ich den Laden übernommen. Mitte dreißig. Bin aus Hamburg gekommen, aber da ist es mir nicht so gut gegangen. Fünfziger Jahre, verstehen Sie? Der Mief. Die Beschränktheit. Und dann Hamburg! Von wegen liberal! S-tock-s-teif. Meine Frau - sie lebt nicht mehr - hat gesagt: 'Komm, wir ziehen weiter südlich.' Und ich wollte verschnaufen. Ein wenig verschnaufen. Nie hätte ich mir vorstellen können, ein Leben lang Hefte und Zeitungen zu verkaufen."

Er setzte sich auf den Stuhl neben der Theke und drohte für eine Sekunde nach hinten zu kippen, wie es geschieht, wenn man die Balance halten will, weil man glaubt, sie zu verlieren. Fing sich und machte ein steifes Kreuz.

"Meine Frau hat immer gesagt: 'Du brauchst die Ruhe. Für die Unruhe bist du nicht geschaffen. Was soll man sich aufregen. Deine Dinge sind die leblosen Dinge, und du mußt dankbar dafür sein.' Sie hatte recht."

Dann ging ein Ruck durch seinen Körper.

"Aber das interessiert Sie natürlich nicht. Ich werde abschließen, damit wir hinauf gehen können."

Wir gingen durch die Verbindungstür ins Treppenhaus, fensterlos und dunkel, ferngehalten von den Juwelen der Abendsonne. Wollheim machte Licht. Zum erstenmal stand ich vor der Treppe, eine steile graue Macht, ein Hindernis.

"Seien Sie vorsichtig. Die Stufen sind sehr schmal."

Aber sie knarrten nicht, wie ich es von so altem Holz erwartet hatte. Oben angekommen, schloß Wollheim die Tür zur Siebenlistschen Wohnung auf, machte auch hier Licht und ging hinein.

Aus Frau Siebenlists Wohnung, die seit dem Unfall wohl nicht mehr gelüftet worden war, hatte die aufgestaute Stickluft eine Mikrowelle gemacht. Schöner gepflegter Parkettfußboden bereits im Flur. Außer einem aufgereihten Halbdutzend vergoldeter Garderobenhaken an der beigen Tapete gab es dort nichts. Ein langer, schmaler Flur, drei Türen zur Linken, drei zur Rechten, je eine an den Schmalseiten. Wollheim, dem es nichts auszumachen schien, gargekocht zu werden, öffnete die erste Tür links, ließ Licht werden.

Wir standen in der Küche, einem wie in früheren Zeiten üblich großzügig geschnittenen Raum, dessen Zentrum für das Gesellige ein schwerer dunkler Tisch bildete, um den sich Stühle aus gleichem Holz gruppierten, acht insgesamt. Der Tisch war mit einem Wachstuch bedeckt, Blumenmuster, längst seiner kitschigen Farbenpracht verlustig gegangen und voller Risse und Schnittwunden, wie sie der fahrlässige Umgang mit Messern hinterläßt. Die rechte Wand wurde von einem schon bei seiner Anschaffung geschmacklosen weißen Küchenblock eingenommen, dem die Jahre auch die kleinste Andeutung von Eleganz ausgetrieben hatten. Wieder die beige Tapete. Keine Bilder, kein Kalender, nichts. Dem Block gegenüber barg ein Schränkchen aus billigem Sperrholz wahrscheinlich Küchenutensilien. Es war mit Folie beklebt, die eine Maserung unzulänglich vortäuschte, und trug eine Vase ohne Blumen.

Das Ensemble der Scheußlichkeiten kontrastierte zum Parkettboden: feinem, warmem Holz, bei dessen Pflege man sich die Mühe gegeben hatte, auf die andernorts verzichtet worden war.

Endlich hatte Wollheim ein Einsehen und öffnete das Fenster.

"Tja" sagte er, "so hat sie gewohnt, die Frau Siebenlist. Hübsch, nicht wahr?"

Ich antwortete nicht. Ich stellte mir die Frage, wie es ein Mensch in solcher Tristesse aushalten konnte, dann zumal, wenn er seine ruhigen Abende an einem großen Tisch sitzend verbringen mußte, allein in Gesellschaft von sieben Stühlen und einem Wachstuch, dessen Schäbigkeit irgendwann zum Spiegel werden muß, wenn man ständig drauf starrt. Wir verließen dieses Zimmer und gingen ins nächste. Es war das erste der fünf legendären Schlafzimmer.

Ich habe später, den Abend rekapitulierend, erstaunt festgestellt, daß mir das Interieur dieses Raumes wie auch das der vier folgenden, weitgehend identischen, aus dem Gedächtnis gefallen sein muß - oder es nie bis ins Gedächtnis geschafft hat. Denn was ich registrierte, war einzig der braune Teddybär auf dem Kopfkissen. Alles andere muß das Flair bescheidenster Pensionszimmer ausgestrahlt haben: minderwertige, unansehnliche Bett-Nachttisch-Kombination, blauer oder gelber oder roter Flauschvorleger, ein Stuhl in der Ecke, ein Kleiderständer daneben. Natürlich: der Parkettboden. Er knarrte nicht. Er knarrte nirgendwo in der Wohnung.

Auch die fünf Teddybären waren Kopfgeburten eines lustlosen Designers von preiswertem Spielzeug. Fünflinge, mehr oder weniger zerschlissen, mit kecken roten Fliegen geputzt, dunklen Knopfaugen, fast mürrischer Mundpartie. Nein, was sie anziehend machte, hatte nichts mit Materie zu tun. Etwas entströmte ihnen, eine Geschichte womöglich. Nicht als Worte, natürlich nicht. Als Farben. Kaltes Stahlblau, mit darin ertrinkenden Pastellabstufungen von Rosa. Es kam aus den Bären und strich das Mobiliar, die Wände. Ich kann es nicht anders erklären. Ich SAH, wie es passierte. Und dann sah ich noch etwas: den Bettbezug; ein etwas dunkleres Beige als das der Tapete, mit tabakbraunen, dünnen Längsstreifen. Und indem ich das sah, sah ich es noch einmal: auf einem Foto. Ein kleiner Fetzen Stoff zwischen dem welken Fett zweier Oberschenkel.

 

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Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Herr Wollheim
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
Heidemarie Siebenlist
Herr Wollheim

 

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