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Den Sommer des Jahres '97 verbrachte ich an der bretonischen Nordküste, um eine aktuelle Artikelserie über deutsche Urlauber auf Mallorca zu schreiben, eine "der Jahreszeit angemessene, ironisch-leichte Gemischtwarenstory aus Sex, Kultur, Alltag und Gesellschaftskritik", wie Schiever es formuliert hatte.

Ich reiste mit dem Zug, reichlich Literatur im Gepäck und den Vorsatz, mir den Rest branchenüblicherweise aus den Fingern zu saugen. Laptop, Modem und Internet waren die Nabelschnur zur nährenden Mutter Maxmarkt, wo man meine pünktlich zum Abgabetermin einlaufenden Konstrukte aus Dichtung & Wahrheit empfing und verbreitete. So genoß ich den Urlaub. Faulenzte am Strand, flirtete (erfolglos) mit der Geschäftsführerin des kleinen Hotels, in dem ich logierte, fraß zur Mittagszeit belegte Baguettes, aus denen Mayonnaise quoll, und abends raffiniert zubereitete Meeresfrüchte zu erstklassigen Getränken. Ich lebte wie eine Edelfeder, einer dieser Schnösel unserer renommierten Tageszeitungen und Magazine, ja, ich hätte mich an dieses Leben gewöhnen können. Ab und an schrieb ich ein Seitchen und expedierte es elektronisch in die Heimat. En passant, wie der Franzose sagt.

Als ein roter Faden durch meine mallorquinische Sittengeschichte zogen sich die Erlebnisse von fünf Urlaubern, die ich mir schon im Zug ausgedacht und mit Namen versehen hatte: Karlheinz und Claudia Wagenfeldt repräsentierten dabei die halbakademische Minderheit, kulturinteressiert, mit Mietwagen ins Landesinnere fahrend, "wo Natur und Mensch noch touristisch unberührt Siesta halten", abends dann in verschwiegenen Tavernen hockend, "wo man ihnen original einheimische Tänze vorführt" (ich sollte das "wo" lieber ersetzen. Keine Wiederholungen!). Monika Zygorkski und Marco Müller hingegen entstammten dem proletarischen Milieu der sogenannten Spaßgesellschaft und suchten auf der Insel genau das: Spaß und Gesellschaft. Müller beteiligte sich an Sangria-Wettbesäufnissen und träumte davon, sein Sperma möglichst weiträumig zu verteilen; Monika Zygorkski, die mit Müller "in wilder, aber vom Alltag gezähmter Ehe" zusammenlebte, mochte Diskos, Animationsspiele und den feurigen Spanier, der am kalten Büffet des Hotels für das Austeilen der Salate zuständig war.

Alle diese Personen hatten ihr Ebenbild in meiner Biografie. Die Wagenfelds etwa waren nach einem Paar modelliert, das ich vor wenigstens zwanzig Jahren einmal auf einer Studienreise nach Kreta kennengelernt hatte, das Duo Müller / Zygorkski war eine 1:1-Kopie jener komischen Gemeinschaft, die die Wohnung unter der meinen gemietet hat und sich jeden Freitagabend über "das Geld" und "deine Weiber" zu streiten pflegt. Aber ich brauchte noch eine fünfte Person.

Sie sollte schon älter sein; alleinstehend; weiblich; geschaffen für die philosophisch-sozialreflektiven Elemente in meiner Reportage, wenn es galt, über die Einsamkeit in Massengesellschaften zu räsonnieren. Manchmal begibt sie sich an den Strand, wo sie herumliegt wie Falschgeld. Manchmal sitzt sie in einem Restaurant, möchte Spanisch essen und entscheidet sich dann doch für die Wiener mit Kartoffelsalat. Meistens aber sitzt sie auf ihrem Zimmer und liest Reiseprospekte. Ich suchte nach einem Namen. Ich nannte sie Heidemarie Siebenlist.

Meine bretonischen Ballermannstudien endeten Anfang September. Zu Hause fand ich den erwarteten Berg Post vor, durch den ich mich bei einem Glas Wein grub, ohne indes auf etwas anderes zu stoßen als Werbung, Rechnungen, Mahnungen, vier Urlaubsgrüße - und ein unauffälliges weißes Kuvert, absenderlos. Ich nippte am Wein, steckte mir eine Zigarette an, produzierte eine Rauchwolke, die Richtung Fenster abzog, schaute ihr nach. Dann öffnete ich das Kuvert.

Abermals steckte ein Foto darin. Es war von ähnlich schlechter Qualität wie das vorherige, noch grobkörniger, noch verwaschener, denn es handelte sich um eine Verkleinerung des bereits hinlänglich vertrauten Arrangements. Jetzt ließen sich auch Teile des Rückens und der Beine jener mit einer Pfauenfeder geschmückten Person erkennen, sowie ein größeres Stück vom Bettzeug. Kein Zweifel mehr: Das war das Bettzeug aus Frau Siebenlists Wohnung.

Und abermals stand eine Notiz auf der Rückseite des Fotos. Sehr akkurat, sehr elegant, Füllfederhalter: "Was weißt du schon von Einsamkeit? Am schlimmsten ist Einsamkeit, wenn man nicht einsam ist. Hast du an die Teddybären gedacht? Was ist dir dazu eingefallen?"

Eine Aufforderung. Wer auch immer die Person sein mochte, die meine Artikel mit kryptischen Kommentaren und Hinweisen begleitete, sie wollte den Dialog. Sie hatte ein Ziel, ich wußte nicht welches.

Eigentlich wollte ich an diesem Abend meine Rückkehr in die Posturlaubswelt mit einem Umtrunk begießen. Schiever und andere Freunde pflegen laue Sommerabende vor Conrad's Bistro zu verbringen, und dieser Abend Anfang September gehörte erfreulicherweise dazu. (Man müßte mal etwas gegen den falschen und inflationären Gebrauch von Apostrophen im Deutschen schreiben, fällt mir gerade ein.) Stattdessen nahm ich Stift / Papier und versuchte, meine Empfindungen angesichts der Teddybären in Frau Siebenlists Schlafzimmern zu fixieren. Es wollte nicht recht gelingen.

Ich zerknüllte das Blatt, griff ein neues. Ich schrieb über die Kindheit, einen Schnappschuß, der die Kindheit aus der Chronologie reißt, sie zeitlos macht, zu einem toten Gegenstand des Sicherinnerns: eine Fotografie: ein Teddybär darauf. Und wie dieses Bild aus den Tagen der Unschuld, wenn du nicht an den Tod denken mußt, weil das Leben als eine mit Zeit verschwenderisch gefüllte Blase vor dir schwebt und kein Gedanke daran aufkommt, wie es denn wäre, wenn diese Blase mit einem Mal zerplatzte - wie also dieses Bild, dieses Foto und mit ihm die Kindheit plötzlich stirbt. Verreckt. Verfällt und verwest. Wie dieser Teddybär auf dem Foto zu einem Sinnbild des Schrecklichsten wird: zu einem Sinnbild des Grauens darüber, daß man dabei ist zu sterben.

Erinnerung ist Leichenschändung.

Ich setzte mich in die aufziehende Dunkelheit. Das Telefon läutete, siebenmal, achtmal, neunmal. Musik von Automotoren. Wieder läutete das Telefon. Zehnmal? Ewig jedenfalls. Noch einmal durchlesen, was ich geschrieben habe. Zu pathetisch. Eingeklemmt zwischen Horoskop (Schiever machte es höchstselbst) und Dachdeckerwerbung. "Is'n dat fürn Scheiß!" brüllt Herr X. und pfeffert die Zeitung zum Altpapier. So stellte ich es mir vor, und es beruhigte mich. Dieser Text war nur für eine Person bestimmt, und sie würde ihn lesen.

Sie.

Telefon.

"Ja?"

"Sag mal: Wo bleibst du eigentlich?"

Schievers majestätisches Organ, im Hintergrund lachte eine fidele Gesellschaft gegen plärrende Tanzmusik.

"Ich schreibe über Teddybären."

Das machte sogar Schiever sprachlos. Nicht für lange.

"Über Teddybären schreibst du. Soso. Und ich soll den Mist wahrscheinlich veröffentlichen. Hör mal, mein Lieber: Deine Ergüsse in allen Ehren, ich weiß sie durchaus zu schätzen. Die Mallorca-Story war ne feine Sache, wir haben eine Menge Reisebüro-Inserate reingekriegt, doch, doch. Aber dieser penetrante moralisierende Ton! Das mit der Alten! Hättest du weglassen sollen. Keine gute Idee. Das geilt Studienräte und übriggebliebene alte Mädchen mit Mittlerer Reife auf, aber die sind nicht unsere Zielgruppe. Der dämliche Normalbürger von der Straße - that's it! Dem mal ab und an was Intellektuelles hingeworfen, und schwupp fühlt er sich wien Gebildeter im Refugium einer geschmackvollen Bibliothek. Lesen wird er den Schmonzes wahrscheinlich nicht. Mir doch egal. Hauptsache, er hält den Maxmarkt für was Besonderes, das an seine verschütteten edlen Instinkte appelliert. Und jetzt komm saufen."

Er legte auf, ich legte auf, und wahrscheinlich blieb Schievers noch eine Weile am Telefon stehen und horchte fasziniert seiner Rede nach.

Ich seufzte und machte mich ausgehfertig. Ging auf die Straße, lief ziellos, wußte, wohin ich zu gehen hatte, tat es nicht. Und stand - schon dunkel - vor Haus 14. Bei Wollheim im zweiten Stock brannte Licht. Ich ging zur Haustür, verharrte dort unschlüssig. Drehte mich um und ging weiter die Straße entlang, am Gymnasium vorbei, das still und finster hinter der Mauer mit dem niedrigen Zaun darauf lag. Und traf vor dem Bistro ein, just als Schievers einen Witz auf meine Kosten riß.

 

Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Wilfried Schiever
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
Wilfried Schiever
Heidemarie Siebenlist

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