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Von einem schüchternen Jüngling abgesehen, dem das Stetoskop lehrlingshaft vor der Brust baumelt, hat sich an diesem Tag noch kein Arzt um mich gekümmert. Und auch Hypokrates' Auszubildender begnügt sich damit, dreimal auf den Gips zu klopfen, vielleicht, weil so etwas Glück bringen soll.

Als man endlich den erbärmlich jammernden Boskonz samt Bett hinausrollt, schenkt mir der anwesende Chefarzt ein paar diagnostische Blicke aus der Distanz. Murmelt: "Das geht ja alles seinen Gang." und eilt dem Akutpatienten hinterher.

Schade. Nicht dass ich den dramatischen Abgang meines Zimmergenossen beweinen würde. Aber jetzt, so ganz allein, fühle ich mich isoliert, von sämtlicher Kultur und Zivilisation abgeschnitten. Mitten drin in einer modernen Robinsonade, schiffbrüchig an den Gestaden der Krankenkassengesellschaft: keine Zigaretten (ich darf gar nicht daran denken und denke an nichts anderes), kein gutes Buch, keine Zeitschrift, lediglich einige unsägliche Sexzeitschriften, Boskonzens mir augenzwinkernd gereichte Leib- und --- nun ja: Magenlektüre, verbinden mich via schlechtem Schlagzeilendeutsch und billigen Fotos nackter Mädels mit der Außenwelt.

Eigentlich habe ich nur mich und die Maschine in meinem Kopf, den unermüdlich Gedanken auswerfenden, von erschütterten Gehirnzellen umsummten Generator horribler Ideen. Eine davon ist die, daß ich nicht wie jeder andere normale Mensch eine Schlafanzughose werden tragen können. Wie soll ich die über den Gips kriegen? Nicht mal Unterhosen stehen als Bedecker meiner Blöße zur Debatte. Und meine Schlafanzugjacken und T-shirts sind zu kurz, um zu verbergen, was ich nicht jeder neugierigen Nonne zeigen möchte.

Mein Gehirn bosselt Lösungen. Aufgeschnittene Hosenbeine, ein Slip mit Reißverschluß an der Seite - ein besonders teuflischer Einfall der, man könnte es ja mit Windeln versuchen. Womit das Problem der Benutzung der Bettpfanne wenigstens aus der Welt wäre. Herr Horst trägt Pampers und ist auf dem Tiefpunkt seiner Infantilität angelangt. Ein hilfloses Baby.

Dann benutze ich fluchend die Bettflasche. Natürlich genau in der Sekunde, als Frau Doktor Krund mit K den Raum betritt.

Jedenfalls nehme ich an, daß sie es ist. Ihr Gesicht passt zu den Schattenschwimmereien des Morgens, und ich gebe zu mir vorgestellt zu haben, es sei kein auf Makellosigkeit getrimmtes Antlitz. Ich mag Frauen mit glatten, längeren Haaren, Frauen mit ovalen Gesichtern, in denen leicht missratene Nasen über nicht allzu schwulstigen Lippen keck das Leben beschnüffeln und von zwei Augen eskortiert werden, die nicht wie runde Mondscheiben still und starr leuchten. Das also ist Frau Doktor Krund. Und sie trägt exakt das, was sie mir am Morgen beschrieben hat. Offene Sandalen, barfuß.

"Nanu? Schauen Sie keinen Fußball?" überbrückt sie die Peinlichkeit. Zu spät, jetzt noch die Decke über dieses System der kommunizierenden Röhren zu werfen, das da unten fröhlich plätschert. Nehme auch an, das alles ist ihr nicht ganz unbekannt.

"Saudi - Arabien gegen Südafrika? So fußballverrückt bin ich nun doch wieder nicht!"

Eine glatte Lüge, selbstverständlich. Sie kommt ans Bett, runzelt die Stirn und tut erst gar nicht so, als wolle sie ignorieren, hier begegneten sich gegengeschlechtliche Menschen in einer sehr intimen Situation.

"Haben Sie überhaupt eine Karte?"

Sie dreht sich um und streckt eine Hand zum Fernseher hoch. Ich verneine.

"Wenn ich Ihnen eine besorgen soll... kein Problem. Apropos: Ihr Kollege hat angerufen und läßt Ihnen sagen, er könne erst später vorbeikommen. Es gab wohl Schwierigkeiten, in ihre Wohnung zu gelangen und - äh - dort die benötigten Gegenstände zu finden."

Sie geht zu den Wandschränken und öffnet eine Tür, hinter der deprimierende Leere verrät, es handele sich um den Aufbewahrungsort jener bei meinem Sturz getragenen Habseligkeiten. Ein paar Schuhe jedenfalls müssten da sein; die Kleider? Wahrscheinlich unbrauchbar geworden.

Aber was interessiert mich das momentan. Ich delektiere mich an Frau Doktors Rückansicht, die in geschätzten fünfunddreißig Jahren herangereifte Bestätigung der These, Fleiß und Intelligenz müssten einen Körper nicht notwendigerweise deformieren. Sehr sportlich, eher klein als groß - gut, gut, ich will mich nur von dem Gedanken an eine Zigarette ablenken. Eigentlich betrachte ich Frauen nicht mit solchen Augen. Eigentlich sind mir Zigaretten wichtiger.

"Hatten Sie nicht mal einen Hausschlüssel dabei?"

"Muß ich wohl beim Sturz verloren haben."

"Aja. Wird so sein."

Frau Doktor schaut auf ihre Uhr.

"Ich muß dann wieder. Wie ist das allgemeine Befinden?"

Es sei solala, den Umständen entsprechend.

"Schön."

Wendet sich zum Gehen, dreht sich noch einmal um, senkt leicht den Kopf.

"Sie können jetzt übrigens die Flasche wieder ans Bett hängen. Das heißt: Wenn Sie sie noch abziehen können. Wenn nicht, warten Sie einfach ein paar Sekunden und denken an Saudi-Arabien - Südafrika."

 

 

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