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3 Versuchsreihen

 

Mit dem Abendessen hat Schwester Benedikta, ein Wesen ohne Drang zum Feierabend, die TV-Karte serviert. Raunt: "Ein Geschenk von Frau Krund", fügt hinzu: "Für zehn Stunden fernsehen, dann können Sie die Karte auf eigene Kosten neu aufladen lassen." und schließt ihre Rede mit der völlig deplazierten Ermahnung, ich solle aber vorher die Pfanne einweihen.

Tatsächlich hat sich seit dem späten Nachmittag die anstehende Darmentleerung zu einem quälenden Problem entwickelt. Der Druckphase konnte dank Muskelkraft ein Riegel vorgeschoben werden; die sich anschließende, hauptsächlich horizontal wirkende Expansionsphase hat zu einer schmerzhaften Belastung der Enddarmwände geführt, um es mit den Worten eines Laien zu sagen. Da man ihm sowohl nach unten als auch zu den Seiten hin den Austritt verwehrt und Schwerkraft die Rückreise empor vereitelt, übt sich der Stuhl nun in Verfestigung. Das ist unangenehm und wird von Minute zu Minute bedrohlicher. Ich werde an Verstopfung leiden, man wird mir übelriechende Medizin einflößen, am Ende mich klistieren - obwohl ich keine Ahnung habe, wie das funktionieren soll.

Wird man mich mit einem Flaschenzug hochhieven?, Schwester Benedikta ihren Kopf unter meinen gelüfteten Allerwertesten strecken, die Klistierspritze einführen? Meine zugegipsten Beine verharren in einem sich zur Schamgegend verjüngenden Winkel, so daß zwischen die Oberschenkel prima die Pinkelflasche geklemmt werden kann. Fein mitgedacht, Frau Doktor. Beim Abgang der festen Stoffe jedoch dürfte es heikel werden.

Mit solchen Fragen und Szenarien habe ich mir den späten Nachmittag versüßt. Der Ernst meiner Lage wird dadurch eindrucksvoll unterstrichen.

Ich lächele.

"Danke, Schwester. Ich melde mich schon."

Sie lacht und - "ach, bevor ich's vergess!" - repetiert, was Frau Doktor ihr an Informationen aufgetragen hat: Daß sich nämlich Saudi-Arabien und Südafrika 2:2 unentschieden getrennt haben, Dänemark gegen Frankreich eine 1:2-Niederlage hat hinnehmen müssen, dennoch den Einzug in die nächste Runde feiern könne. Sie, Frau Krund, vermöge das nicht nachzuvollziehen, und sie, Schwester Benedikta, gleich gar nicht. Noch liegt die nächtliche Landschaft idyllisch und ruhig, kein Lüftchen regt sich.

Und dann passiert es: Der Fernseher will nicht anspringen.

"Das kommt öfter vor." weiß die Schwester und rät - "Morgen schicke ich den Techniker." - zur Lektüre eines guten Buches. Sie sei bereit, mir eins zu leihen. Da ich aber genau weiß, welches es sein wird, schütze ich die Heranziehung eigenen Lesestoffes vor. Abgang Benedikta, Aufbau Internet.

Ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, die sofort nach jeder unterhaltungselektronischen Errungenschaft süchtig werden. Für mich ist Internet gleichbedeutend mit Recherche, alles Spielerische, das ins Kindische abgleitet, ist mir abhold. Ebenso halte ich den Begriff der Interaktion im Zusammenhang mit dem Netz und seiner angeblichen multimedialen Vielfalt für unangebracht. Aber, ehrlich, ich habe in diesem Moment keine Lust, über das Internet zu räsonnieren, ja, nicht einmal Lust zum Surfen habe ich und breche den Aufbau vorzeitig ab. Mich plagt die Verfestigung der verdauten Nahrung. Um es mit Meinsell zu sagen: erstens. Zweitens: Ich muß eine rauchen, koste es, was es wolle. In Boskonzens Nachttischschublade habe ich ein angebrochenes Päckchen Zigaretten entdeckt - nicht meine Marke - und mir eine rausgenommen, die ich wie einen Schatz unter dem Kopfkissen hüte. Ich werde sie ihm erstatten, keine Frage. Ebenso die Benutzung seines Feuerzeuges.

Rasch verzehre ich Brotscheiben und die saisonangepasst schwitzende Salami, obwohl es mich der verfluchten Pfanne näherbringen wird. Und warte, bis Benedikta zum Abräumen kommt.

Eine halbe Stunde. Etwas bedrückt meine Schwester, und bevor ich sie fragen kann, erzählt sie es mir:

"Ihr Zimmernachbar ist eben gestorben."

Es gibt Dinge, die kann man sich nicht erklären. Ich habe Boskonz nur flüchtig gekannt, und es war keine Seelenfreundschaft, die uns verband. Der große Zufall hatte unsere Biografien für einige Stunden zu räumlicher und zeitlicher Kongruenz gebracht, Boskonz war mir auf die Nerven gegangen, ich glich den entstandenen Schaden durch den Diebstahl einer Zigarette und eines billigen Einwegfeuerzeuges aus. Jawohl: Ich werde ihm die Zigarette nicht mehr zurückgeben können, vielleicht sogar habe ich einen schon Toten beraubt. Leichenfledderei.

"An was ist er denn gestorben?"

"Wahrscheinlich an - ach, ich weiß es nicht. Er hat Blut erbrochen, immer nur Blut, ohne Unterlass. Bestimmte Tropenerkrankungen haben solche Symptome, aber Herr Boskonz war doch gar nicht in den Tropen."

Nein, er war ein gewöhnlicher Angestellter, er arbeitete auf einem Amt und hatte eine Frau, die ich morgen kennenlernen sollte.

"Seine Magensache?"

Schwester Benedikta wackelt unschlüssig mit dem Kopf.

"Das ist alles sehr mysteriös. Am Anfang haben wir eine Lebensmittelvergiftung vermutet, können das inzwischen aber ausschließen. Denn nur der arme Herr Boskonz ist krank geworden. Oder hat er vielleicht etwas gegessen, das er sich unten am Kiosk gekauft hat? Etwas, das ihm jemand mitgebracht hat? Wissen Sie etwas?"

Ich sage nein, und das stimmt ja auch irgendwie.

"Und jetzt?"

"Man wird ihn gerichtsmedizinisch untersuchen."

"Aufschneiden? Obduzieren?"

"Ich denke es wohl. Das ist ein rätselhafter Todesfall, und die Polizei wird kommen."

Ich halte das für übertrieben.

"Aber man muß doch wissen, woran er -."

Ich lege meinen Kopf zurück auf das Kissen und stöhne. Schwester Benedikta wünscht gute Nacht und verläßt das Zimmer. Mir egal, daß jetzt die Zigarette zerkrümelt sein wird. Ich habe noch ein angebrochenes Päckchen im Nachttisch eines Toten.

 

Fortsetzung folgt

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