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Das Paar Krücken. Es fällt mir auf, als ich meinen Oberkörper nach links über die Kante meines Bettes schiebe, um - zwecklos, drumherum zu reden - einem toten Mann die ungerauchten Zigaretten zu stehlen. Dessen letzte Ruhestatt zu Lebzeiten ist wieder an ihren alten Platz gerollt worden, und die Krücken dürften schon vorher dort gelegen haben: unter dem Bett, so, daß jemand nicht darunter zu kriechen braucht, um sie aufzunehmen.

Zwei Lernschwestern in nichtkatholischer Krankenhausmontur haben das Bett gebracht und einfach über die Krücken geschoben. Die Rollen am Kopfende können mit Bremsen blockiert werden, was aber nicht geschehen ist. Ich stemme mich ganz leicht mit einer Hand von der Wand ab. Bewegt sich mein Bett? Es bewegt sich! Ein Hoch der schwesterlichen Fahrlässigkeit!

Draußen ist es dunkel geworden, so dunkel, wie es an einem Frühsommertag kurz nach zehn nur werden kann. Über die Station huschen undeutliche Stimmen, die aus Blechbehältern zu kommen scheinen: wild durcheinander, gedämpft und grotesk verzerrt, nicht von dieser Welt. Verliebte schmachten, bis die Zäpfchen im Schlund vibrieren, vom Tode Bedrohte jammern nasal, Killer brummen guttural, aber am lautesten schreit ein Sportreporter Spielzüge aus sich heraus. Ein ganz normaler Fernsehabend zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft.

Manchmal quietschen Rollstühle über den Flur, schlurfen Kranke, federn Gesunde vorbei. Wird eine Tür geöffnet, die die dahinter metallen bramabassierende Stimme für Sekunden zur Trägerin semantisch sinnvoller Wortketten: "die Viererabwehrreihe wackelt bedrohlich".

Wer spielt? Spanien gegen Bulgarien schätzungsweise, auch Nigeria gegen Paraguay (auf 3Sat) möglich. Gleiche Ausgangslage wie im Fall der Brasiliengruppe. Nigeria ist schon qualifiziert und dürfte bei der dieser Mannschaft eigenen Pomadigkeit und Arroganz den drängenden Paraguayanern nicht viel entgegensetzen. Pech für Spanien, das betrogene Marokko dieser Gruppe. So wird es kommen, aber das ist mir völlig egal. Mich interessieren die Krücken.

Ich muß ans Fenster. Es ist gekippt, und verräterischer Zigarettenrauch kann sich bequem durch den Spalt aus dem Staub machen. Zunächst muß das Nachtschränkchen aus dem schmalen Gang zwischen den Betten entfernt werden. Aber ich bin nur ein halber Mann, mit gargantueskem Oberkörper zwar und strammen Armen, doch das Ding bewegt sich schwerfällig auf seinen Rollen und gerät bald aus dem Machtbereich meiner Muskelkraft. Ich versetze ihm einen Stoß - ein Zittern durchläuft die Beine, ein krampfartiges Beben, das Schmerzen wie Billardkugeln aus den Unterschenkeln in die Leistengegend schiebt. Das Schränkchen verabschiedet sich in einer eleganten Kurve aus dem Gang. Ich werde es bei meiner Rückreise wieder aufsammeln und in seine ursprüngliche Position bringen müssen. Ein haarsträubender Akt, wenn ich nur daran denke; er liegt gottlob noch außerhalb meines Denkvermögens, das vollständig um den ekstatischen Moment des ersten Lungenzuges kreist.

Ich richte mich auf, lehne mich zurück, mit nach hinten gestreckten Armen, Handflächen gegen die Wand, verlagere die Kraftrichtung nach links und wandere quälend langsam mit meinem Bett dem des Verblichenen zu. Hinlegen, schnaufen, regenerieren. Gerade noch ein Spalt für meinen Arm, doch es ist hoffnungslos. Die Krücken liegen außerhalb der für mich greifbaren Welt, und meine Absicht, einer der beiden habhaft zu werden, sie als eine Art Paddel zu mißbrauchen, um mein Bettschiff zum Fenster zu manövrieren, scheitert grandios. Nichts zu machen.

Oberkörper wieder nach links, mit beiden Händen fest die eiserne Begrenzungskante des Nachbarbetts umfassen. Und nach vorne ziehen. Nach vorne ziehen. Nach vorne ziehen. Das Zimmer ist erfreulich klein. Stünde mein Bett mit seinem Kopfende am Fußende des anderen, wäre der Raum in seiner gesamten Länge verbarrikadiert. Es dauert gut zehn Minuten, bis ich diesen Zustand erreicht habe, den verfluchten entwurzelten Nachtkasten vor mir her schiebend. Irgendwann driftet er nach links ab, ist aus dem Weg.

Ich schwitze? Nein, ich bestehe aus Schweiß. Ausruhen. Nun muß ich mein Bett noch drehen. Eine lausige Vierteldrehung. Mit Schwung: so. Viel zu wenig. Das Fußende des Boskonzbettes fassend, zweiter Schwung: noch zu wenig. Die Wand neben der Tür: Handflächen drauf, zuerst etwas abstoßen, dann Verlagerung der Energie nach rechts. Fensterbrett in Griffweite: zupacken. Ziehen. Ziehen. Ziehen. Ich berge meinen Kopf in den roten Vorhangstoff, ich weine beinahe. Ich spüre den Luftzug, den gebenedeiten Luftzug. Zigarette, Feuer; Zigarette, Feuer. Ganz dunkel ist es, die Tür zu, keine Bewegung auf dem Flur.

Keine Bewegung auf dem Flur? Vorsichtige Schritte. Sie sollen vorbeigehen! Was solls, mir ist alles gleich. Ich stecke die Zigarette an, ich inhaliere, ich werde verrückt, die Tür wird geöffnet. Licht gemacht.

"Ha" lacht Frau Doktor. "Überschüssige, ungenutzte Kräfte hat der Herr. Warum haben Sie nicht geklingelt? Ich hätte sie doch zum Fenster geschoben."

Sie geht hinaus, kommt nach zwei Minuten mit einem Aschenbecher wieder.

"Haben Sie für mich auch eine?"

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