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Geschäftiger Spätherbst. Die dreißig Tage des traurigen Monats November erlebten mich mit überkreuzten Beinen auf Stühlen sitzend. Ich hörte zu und stellte sehr behutsam Fragen, beiläufige Fragen, hinter denen ein zufälliger Ohrenzeuge nichts weiter als kaschiertes Desinteresse vermutet hätte. Jeden Mittwoch gegen fünf besuchte ich Wollheim in seinem Geschäft. Wenn ich durch die Tür kam, empfingen mich Mädchengespräche in einer fremden Sprache. Mittwochs nämlich hatten die Töchter und Söhne russischstämmiger Spätaussiedler Deutschunterricht in einem Klassenzimmer des Gymnasiums. Bei Wollheim kauften sie Hefte und Zeitschriften, letztere allerdings nur selten, denn alles an den Jugendlichen verriet, daß die Segnungen des Kapitalismus noch nicht über sie gekommen waren. Ihre Kleidung roch nach Rotkreuzsäcken, nach Vorbesitzerinnen, die als fröhliche Sklavinnen mit ihren Ketten und Ohrringen rasselten und bei Durchmusterung ihrer Kleiderschränke gnadenloser Daumen senkten als Kaiser Nero im Kolosseum. So blieb den jungen Russinnen, die keine Russinnen mehr waren, der Genuß eines Trends, der kein Trend mehr war - das fügte sich also perfekt.

Sie waren hübsch; sie waren gut gekleidet; aber immer ein Jahr hinter der Gegenwart zurück. Mir fiel weiter auf, daß sie keine Regenschirme zu besitzen schienen. Regnete es - und es pflegte auch im 97er November reichlich zu regnen -, stürzten sie durchnässt in Wollheims Laden, das Wasser tröpfelte von ihrer Kleidung und ließ den Boden glitschig werden.

Wollheim schimpfte nicht. Er schimpfte sicher nie, und den jungen Mädchen - Jungs trauten sich selten herein, weiß der Teufel warum - hätte nur eine besonders harte Seele gram sein können. Manchmal schenkte ihnen der Kaufmann alte, unverkauft gebliebene Zeitschriften, die nicht an den Grossisten zurückgeschickt werden mussten. Ihre Schulsachen bezahlten die Mädchen mit Gutscheinen vom Sozialamt. Ein neuer Bürokratismus, den Wollheim souverän aushebelte, indem er - durchaus logisch - auch die Bravo als Lernmittel einstufte oder die Gutscheine umstandslos gegen Bargeld eintauschte, ein paar Schulhefte alibiweise und gleichermaßen zur Verhöhnung des amtlichen Unfugs gratis beigab.

So verstrichen die Mittwochnachmittage. Ich saß auf dem Stuhl neben dem Zeitschriftenregal und schaute den Mädchen zu, schaute Wollheim zu. Ich hatte an beidem mein unschuldiges Wohlgefallen. Ich schaute aus dem Fenster aufs Trottoir, wo gegen halb sechs die letzten Schülerpulks zum Gymnasium marschierten. Ich wartete auf etwas, ganz eindeutig.

Den Deutschunterricht hatte ein privater Förderkreis initiiert. "Für die Jugend" nannte sich ein Zusammenschluß nobler Damen, die, als sie selbst jung gewesen waren, eine vorzügliche Ausbildung genossen, wegen Heirats- und Gebärprioritäten indes nicht beruflich genutzt hatten. Jetzt, da die Kinder flügge geworden und die Umsorgung des Ehemannes routiniert erledigt werden konnte, besann man sich des Weltenelends, suchte es dort, wo ihm ein wenig Chic geblieben war und bekämpfte es mit den geringen Mitteln, die Privatmenschen zur Verfügung stehen, wenn es gilt, die erwarteten Jahre im Fegefeuer auf einen erträglichen Zeitraum herunter zu handeln.

Ich avisierte Meinsell eine Reportage über den Verein - "Endlich machst du mal wieder was Handfestes!" -, meldete mich an und wurde in die Büroräume von "Für die Jugend" bestellt. Sie liegen an einem Ort, den jede der Damen schockiert als "sozialen Brennpunkt" charakterieren würde: Türken, Drogensüchtige, Aussiedler und ledige Mütter hausen in jenem Teil der Altstadt, der dem Sanierungwahn bisher glücklich entronnen ist und allgemein "Der Warenkorb" geheißen wird, weil seine Bewohner beinahe zur Gänze von Sozialhilfe leben.

Frau Fänz-Ullert verwirklichte sich in einem Büro, das einem sofort bei Betreten ein kräftiges "geschmackvoll!" entgegenschleuderte und ästhetisch-kritische Widerreden nicht duldete. Das Mobiliar war der kreativen Ader eines Designers entsprungen, der eines Abends in der Kneipe mit dem Einfall schwanger gegangen sein dürfte, es sei ein Leichtes, Bauhaus und Barock miteinander kopulieren zu lassen. Ein Kind aus Nüchternheit und Opulenz, in sehr angenehmem Grau gehalten und auf der Höhe seiner Zeit. Auch die hinter erlesener Elektronik dezent lächelnde Dame war erkennbar für teuer Geld auf den neuesten Stand gebracht worden.

Sie gehörte zu den Zeitgenossen, die interaktive Konversation bevorzugen und jeglichen theoretisch-weltanschaulichen Gedanken aus einem biografischen Beziehungszauber entwickeln oder in anschauliches Belegmaterial ummünzen, das die eigene Vita zu einem Paradigma des Theoretisch-Weltanschaulichen deklariert.

"Dass mich die Not der Menschen anrührt, hängt mit meinem Studium der Geographie zusammen, wo ich..."

und hängte ihrerseits selbst eine Frage daran, die das Gegenüber ebenfalls zu biografischen Konfessionen nötigte:

"... zum erstenmal mit den sozialen Verhältnissen in der Dritten Welt konfrontiert wurde und ihren Einfluß auf solche Dinge wie Landwirtschaft, Ackerbau, Viehzucht und Klima beobachten konnte. Respektive umgekehrt. Haben Sie auch studiert?"

Ich rettete mich in den schalen Witz, außer dem Leben nichts studiert zu haben. Es biete einem den Vorteil, daß man bei Abschluß des Studiums niemals erfahre, ob man die Prüfung bestanden habe oder nicht.

Sie schaute mir lange in die Augen, fragte dann zögernd "Bitte?", dann hellte sich ihre Miene auf und sie hieb mit der Rechten jovial auf die Tischplatte:

"Ah, jetzt verstehe ich! Weil man ist ja tot sozusagen, wenn man ans Ende seines Studiums gekommen ist. Hahaha."

Frau Fänz-Ullert gehörte also auch zur Klasse der Ich-habe-die-Pointe-verstanden-und-sie-geht-folgendermaßen-Menschen.

Während wir uns über Wege und Ziele des Vereines unterhielten, wobei mir Frau Fänz-Ullert ihr Leben in kleinen Dosen verabreichte, rumorte es im Nebenzimmer. Die Vorsitzende verwies auf ein - sie nannte es tatsächlich so - Fräulein Bauer als die Quelle der Geräusche, "eine leider arbeitslose Diplomübersetzerin aus dem Englischen, die bei uns im Rahmen einer ABM tätig ist." Ich fragte, welche Art von Arbeit es wohl sein möge, die eine Diplomübersetzerin zum Vorteil des noch unmündigen Menschen ausüben könne, erhielt aber zunächst nur die Antwort, dies sei "nicht spruchreif, im Werden."

"Eine neue, notwendige und gewissermaßen spektakuläre Aktion, lieber Herr Horst, streng vertraulich, wie man so sagt, weil wir gewärtigen müssen, daß uns der Gegenwind tüchtig ins Gesicht blasen wird. Aber seien sie versichert, daß wir Ihnen rechtzeitig Bescheid geben, sobald..."

Frau Fänz-Ullert ließ den Satz unvollendet. Die Tür zum Nebenraum war geöffnet worden, und Fräulein Bauer, eine studentisch nachlässig gekleidete Endzwanzigerin, kam rotköpfig an den Schreibtisch der Vorsitzenden, knallte einen Stapel Papier vor diese, stöhnte "Ich kann nicht mehr!" und wurde von ihrer sogleich aufgehüpften Vorgesetzten unter tröstenden Worten und Umarmungen zurück in den Nebenraum geführt.

Nachdem sie das Fräulein dorthin verschafft hatte, eilte Frau Fänz-Ullert zurück, griff die ihr vorgeworfenen Papiere, lächelte mich entschuldigend an und begab sich abermals zum Fräulein, das sich inzwischen wieder an seinen Schreibtisch gesetzt hatte, um erbärmlich zu schluchzen.

Es brauchte eine Weile, bis die Vorsitzende, sichtlich mit ihrer Fassung ringend, wiederkam:

"Sie fragen sich sicher" begann sie, "warum sich das Fräulein Bauer so erregt hat. Nun, ich kann es Ihnen noch nicht sagen. Aber es gehört alles - alles! - zu der Kampagne, mit der wir in Bälde einen Missstand geißeln werden, der drauf und dran ist, unsere Jugend zu verderben. Denn sehen Sie, es ist doch so: Die Väter unseres Grundgesetzes haben ein soziales Netz geknüpft zu dem Zweck, jeden der fällt vor dem Aufprall weich aufzufangen. Dieses soziale Netz ist aus vielerlei Gründen brüchig geworden: Globalisierung, Digitalisierung, der Zusammenbruch des Kommunismus - Sie wissen schon. Aber das ist eben nur die materielle Seite. Es gibt über diese hinaus auch eine ideelle, eine moralische."

Ich lauschte. Mir lag der Einwand auf der Zunge, jenes berühmte soziale Netz sei meines Erachtens nur aufgespannt worden, damit es die Reichen vor den Armen schütze. Für die ersten ein Schutzgitter, für die letzteren ein Gefängnisgitter. Bleib unten, wir ernähren dich wenigstens. Komm hoch und du läuft Gefahr, ins Unendliche hinab zu fallen.

Ich blieb still und hörte mir an, wie Frau Fänz-Ullert von einem Oktobertag in den Sechziger Jahren erzählte, als sie, eine blutjunge Studentin, mit Kommilitonen nach Kalifornien gereist war. Dort wollte man den berühmten Andreas-Graben besichtigen und - "Vergnügen muss sein!" - auch das sagenhafte Hippieleben in San Francisco. Sie hätten aber nur blumig gewandete junge Menschen mit leeren Blicken angetroffen, die bettelnd hinter den Touristen hergerannt seien. Junge Menschen, deren einstmalige Schönheit trotz Promiskuität und hehrer Ideale einfach nicht mehr vorhanden gewesen sei.

"Damals, mein Lieber, habe ich einen ersten Eindruck vom Wert einer gewissen Basismoral bekommen. Diese Hippies waren vor lauter Liebe und Vietnam zu - Bestien geworden. Ja, zu Bestien. Zu Bestien im Sinne des Laissez-Faire-Gedankens, einer übermächtigen Liberalität. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bewunderte das. Ich bewunderte den Mut, die Zartheit der jungen Leute. Sie kämpften gegen das Böse und Falsche, aber sie taten es mit unzulänglichen Mitteln und waren am Ende selber böse und falsch. Nie werde ich das Plakat vergessen, das irgendwo an einer Straße in Hight Ashbury hing: Es zeigte eine in psychedelischer Manier gezeichnete Frau, nackt, üppig, mit gespreizten Beinen, und aus ihrem Schoß stieß der Kopf eines fetten Kapitalisten hinaus. Er hatte auch noch eine Zigarre im Mund, auf der 'Cuba' stand. Eine Abbildung von solcher Brutalität, daß ich mich zum erstenmal fragte..."

Wieder ließ sie einen Satz vor dem Punkt im Stich.

"Genug, mein lieber Herr Horst. Ich bin im Begriff, Ihnen schon zuviel zu verraten. Nicht dass ich Ihnen mißtraute. Aber der Feinde sind viele, sie haben ihre Augen und Ohren überall. Reden wir lieber von unserem Programm zur Integration jugendlicher Spätaussiedler in die deutsch-sozialmarktwirtschaftliche Gesellschaft. Unserem Verein gehören etliche Pädagoginnen an, die..."

Und so weiter. Ich vertraute auf die konservierende Kraft meines Diktiergerätes und beschloss, nicht mehr zuzuhören.

War das an einem Montag? Es muß an einem Montag gewesen sein. Dienstags schrieb ich einen langen Artikel über Pfauenfedern, obwohl ich wusste, daß Schiever und Meinsell mich dafür verfluchen würden. Ich schrieb ihn für SIE. Die Person. Saß mit überkreuzten Beinen vor meinem Computer, reflektierte über Schmuck und wie er den menschlichen Körper erheben konnte, aber auch hinabziehen. Ich schrieb von Pfauenfedern, die sich einer in den Arsch steckt.

Und am Mittwochnachmittag saß ich mit überkreuzten Beinen in Wollheims Laden. Der Alte hatte mich als stillen Beobachter akzeptiert. Ich gehörte zu seinen Mittwochnachmittagen wie die russischen Mädchen. Eher zufällig, daß wir miteinander sprachen. Von meinem Besuch beim Verein berichtete ich ihm, er kommentierte es mit einem ihm sonst fremden Sarkasmus, meinte, die Damen täten ihre guten Werke, ohne zu wissen, was gut und böse sei, vertiefte den Gedanken jedoch nicht.

Ein Mädchen, das sich durch die Zeitschriften las und unserem Gespräch zugehört hatte, lachte beim Hinausgehen, sagte:

"Dort drüben ist es wenigstens schön warm."

und schenkte mir einen schnippischen Blick.

"Das war Elena." erklärte Wollheim. "Sie wohnt in einer Obdachlosensiedlung und muß sich von Asozialen vorhalten lassen, sie sei asozial. Dabei hat sie eine ausgezeichnete Schulbildung, ist mathematisch begabt und träumt von einer Stelle als Bedienung oder Putzfrau. Ihre Hauptbeschäftigung ist es aber zur Zeit, keinem Zuhälter in die Fänge zu geraten."

Nicht der Wollheim, den ich kannte. Er beugte sich kopfschüttelnd über ein Radiergummisortiment und klebte kleine Preisetiketten auf jeden Artikel. Ich schaute durchs Fenster. Ein Wagen fuhr langsam vorbei, der rechte Blinker morste. Die Frau am Steuer drehte am Lenkrad. Sie war spät dran, viel später als gewöhnlich. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken.

 

Fortsetzung folgt

Karl-Olaf Horst Meinsell Herr Wollheim
Karl-Olaf Horst
Meinsell
Herr Wollheim

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