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Frau Doktor sitzt auf der Bettkante. Wenn ich atme, hebt sich, senkt sich der Aschenbecher. Vollgeraucht. Längst stehen alle Fenster weit offen, trotzdem qualmt das Zimmer wie eine Kaschemme. Zwei Uhr? Drei Uhr? Unwesentlich. Die schönste, weil ruhigste Zeit, und Frau Doktor verdient sich ihr Geld in anderer Leute Schlaf.

Sie hat auch schon runter zum Automaten gehen müssen, Zigaretten ziehen. Bringt mit, was ich schon wusste: Paraguay schlägt Nigeria, Spanien hilft auch der schönste Sieg gegen Bulgarien nicht die Bohne.

Ich habe ihr eine Geschichte erzählt, die mit einem Treppensturz beginnt und mit dem Blick auf eine Frau endet, die ihr Auto auf den Hof des Gymnasiums steuert. Meine Rauchgefährtin denkt nach, Kanäle des Tiefsinns über dem Stirnfeld. Was wollte die Frau auf dem Schulhof? Wer ist sie? - Sachte, Frau Doktor. Die Geschichte geht weiter, morgen nacht.

"Wegen dem Rauchen? Abgemacht. Sie rauchen nur nachts, versprochen? Wenn ich dabei bin. Tagsüber bleiben Sie stark."

Wie sie mich dabei anschaut, ist ihr nicht zu widersprechen. Obwohl es ein Fehler gewesen sein dürfte, sie einzuweihen. Einzuweihen? Warum so konspirativ? Na, jeder Feldwaldwiesenpsychologe würde einem jetzt einreden, man habe halt Nähe herstellen wollen. Und das stimmt natürlich. Frage mich niemand, was ich fühlte, als sie sich auf die Bettkante setzte und mir den Aschenbecher auf den Bauch stellte. Ein schematischer Frauenkörper im Restlicht der Nacht. Ich unten eingegipst, aber nicht ganz. Wir rauchen und hören den Lungenzügen des anderen zu. Dann, nachdem sie ihre Kippe rabiat im Aschenbecher ausgedrückt hat (ich wiederhole: der auf meinem Bauch steht!), sagt sie:

"Boskonz. Der arme Kerl galt als gefräßig. Sie haben ihm nicht zufällig...?"

"Na ja, den Haferschleim halt."

"So. Den Haferschleim."

"Wurde er denn...?"

"Keine Ahnung. Seine Magenwände waren praktisch nicht mehr vorhanden. Gut, er war kränker als er glaubte. Krebs. Der aber bekanntlich eher schleichend tötet. Krebs im Zeitraffer war das. Ein furchtbarer Tod. Haben Sie übrigens Ihren Wohnungsschlüssel wieder?"

Ich versuche abzulenken.

"Wo wohnen Sie eigentlich?"

"Lenken Sie nicht ab. Für eine Frau ist es nicht gerade ein Kompliment, wenn sie nur angemacht wird, um sie zum Schweigen zu bringen. Aber bitte. Sie haben geraucht. Ich rolle Sie jetzt an Ihren Platz zurück. Schlafen Sie gut."

Und nimmt mir den Aschenbecher vom Bauch.

Ein Fall von Erpressung.

"Sie haben gewonnen, Frau Doktor."

Stellt den Aschenbecher zurück.

Ich erzähle ihr die Geschichte, damit ich rauchen kann. Sie hört zu, ohne mich zu unterbrechen. Sie sammelt die Puzzleteile und stellt schließlich fest, das Bild sei nicht komplett.

"Kann ich Ihnen nicht ersparen. Je mehr ich Ihnen erzähle, desto weniger werden Sie verstehen. Mir geht es genauso."

"Und die Fotos? Man hat doch Ihre Wohnung durchsucht. Sagen Sie jetzt nicht, Sie seien ein unordentlicher Mensch. Sie SIND ein unordentlicher Mensch. Aber nicht SO."

"Die Fotos. Sollte man sie tatsächlich gesucht haben, hat man sie nicht gefunden."

"Sie haben sie gut versteckt?"

"Ich habe sie zurückgegeben."

"Aha. Sie haben diese.... Person also ausfindig gemacht? Kennengelernt?"

"Ich kannte sie schon."

"Dachte ich mir. Und Sie haben erfahren, wer da mit der Feder im..."

"Natürlich. Aber nicht von dieser Person. Können wir jetzt einen Schnitt machen? Ich werde Ihnen alles erzählen, was ich weiss. Aber nach meinen Vorstellungen vom Aufbau einer dramatischen Handlung."

"Die Mordversuche..."

"Pappalapapp! Vergessen, eine Handbremse anzuziehen. Zu unachtsam beim Treppengehen."

"Gift im Haferschleim."

"Hm."

"Wie werden Sie es denn künftig mit den Mahlzeiten halten? Soll ich veranlassen, daß Ihnen eine Person Ihres Vertrauens private Speisen bringt?"

"Ich bin eh zu fett und bräuchte eine Diät. Nein, im Ernst: Wer es einmal mit dieser Methode versucht hat, wird sich beim nächstenmal etwas anderes einfallen lassen. Ich weigere mich einfach zu glauben, daß mich phantasielose Stümper um die Ecke bringen wollen."

"Sie haben den Konjunktiv vergessen: würde mich einfach weigern, daß..."

"Genau. Rauchen wir noch eine?"

Wir rauchen. Ich möchte gerne etwas aus Frau Doktors Leben erfahren.

"Nein, nicht um abzulenken. Finden Sie es nicht auch fair, mich wenigstens kursorisch an den wichtigsten Episoden Ihres Daseins teilhaben zu lassen? Sind Sie verheiratet?"

"Nein."

"Waren Sies?"

"Nein. Und ich werde es auch nicht sein."

"Warum sind Sie Ärztin geworden?"

"Reiner Idealismus und Geldgier."

"Ich merke schon: Wenn Sie eine Geschichte zu erzählen hätten, würde selbst die Androhung von Nikotinentzug nichts nützen. Mit was könnte man Ihnen wirklich drohen?"

"Mit Dummheit."

"Tun Sie mir einen Gefallen?"

"Nichts Erotisches. Ich verteile keine Gutenachtküsse an meine Patienten."

"Halten Sie Gutenachtküsse für erotisch? Frau Doktor, Sie interessieren mich immer brennender. Aber nein. Könnten Sie in die Redaktion gehen, sich meinen Schreibtisch zeigen lassen? In der mittleren Schublade links liegt ein Päckchen."

"Und das soll ich Ihnen bringen?"

"Nein. Mieten Sie ein Bankschließfach auf Ihren Namen. Deponieren Sie das Päckchen. Behalten Sie den Schlüssel. Schauen Sie nicht nach, was sich in dem Päckchen befindet."

"Sie vertrauen mir?"

"Habe ich eine Wahl?"

"Sie könnten einen Ihrer Freunde - oder haben Sie keine?"

"Haben Sie welche?"

"Na schön. Ich machs. Und?"

"Können Sie dann eine gewisse Petra Malter anrufen? Steht im Telefonbuch. Einfach nur ausrichten, daß ich hier liege."

Ist sie zusammengezuckt? Schwer zu sagen.

"Gut, gut, gut. Und jetzt schiebe ich Sie zurück."

Zwanzig Minuten später. Irgendwo da draussen kräht ein Hahn wider die aufgehende Sonne. Ich liege da; nikotinvergiftet, mit schmerzenden Beinen und schmerzendem Kopf. Schlafen? Etwas rät mir, es nicht zu tun.

 

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