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4 Fundamentales

Am 25. Juni wird Deutschland ungeduldig. Selbst Schwester Benedikta, das Frühstück vorm Busen, hat ihre fröhliche Demut einer erwartungsvollen Nervosität geopfert.

"Heute kriegen die Ayatollahs eins auf die Mütze!"

Richtig, fast vergessen: Deutschland gegen Iran. Und ob ihrer Prognose hinsichtlich des östlichen Konkurrenzunternehmens kichernd, bebt Benedikta wie ein ertappte kleine Sünderin.

"Den Fernseher haben Sie heute abend tipptopp!" verspricht sie, schnüffelt - "Sie haben doch nicht etwa...?" - Ich schüttle tapfer lügend den Kopf und verweise auf den Zustand meiner Beine.

Wie gesagt: Ich habe nicht geschlafen. Als schon die ersten dienstbaren Geister thermometerschüttelnd in die Krankenzimmer einfielen, senkte mich die Müdigkeit knapp unter die Krume des Bewußtseins. Ich döste, dämmerte vor mich hin, montierte Sein und Schein zu skurrilen Bildern. Eine Medikamentenkapsel fiel aus gelockerter Faust; ein Löffel rührte im Brei. Die Faust hing aus einem Arzt- oder Pflegerkittel, weiß jedenfalls war er, weiß und sauber, die Faust blutleer, durchsichtig, blau durchadert.

Wie hätte das möglich sein sollen? Frau Doktor, ich frage Sie und appelliere an Ihren Verstand! Bedenken Sie, welch vorausschauenden Aufwand jemand treiben müsste! Helfershelfer im Krankenhaus, die auch vor Mord nicht zurückschrecken! Menschen, die Gutes tun sollen! Frau Doktor? Hören Sie mich? ---- Ganz erschreckt aufgewacht.

Ich inspiziere mein Frückstück, die ewige Marmelade auf dem ewigen schlaffen Brötchen, durch einen dünnen Film Halbfettbutter voneinander getrennt, die "Du darfst!" lockt. Etwas in mir mahnt: "Du solltest eigentlich nicht."

Sorry; ich bin wahrlich kein Mann für das Existentielle. Bevor ich einen Berg hinunter zu stürzen beabsichtige, überlege ich mir die Konsequenzen in etwa so lange wie beim Kauf einer Büchse Ölsardinen mit chemischen Zusatzstoffen. Schrecklich, nicht wahr? So wird das Frühstück verputzt, und die Lust nach dem abrundenden Nikotin ist so obszön wie gestern.

Gegen neun erscheint der Fernsehtechniker, steigt auf einen Stuhl, dreht die Mattscheibe zur Wand, öffnet die Rückfront des Gehäuses und wechselt Röhren aus. Komme nicht daran vorbei, ein patriotisches Zehnwörtergespräch zu führen, in dem der deutschen Fußballnationalmannschaft Absolution für den Fall in Aussicht gestellt wird, daß sie den Iran in die ihm gebührende Steinzeit der Kickkunst zurückbombt.

Gegen die Amis, analysiert der Techniker, habe es die üblichen Anlaufschwierigkeiten gegeben, wie 1974 gegen Chile, nicht so schlimm wie 1970 gegen Marokko oder gar 1982 gegen Algerien. Von wirklich gelungenen Eröffnungsspielen der Deutschen war ihm nur das 5:0 gegen die Schweiz 1966 in Erinnerung geblieben, und ich fügte seinem Wissen das 4:1 gegen Jugoslawien 1990 hinzu.

Ha, Jugoslawien! Am letzten Sonntag! Über weite Strecken eine Bankrotterklärung. Wenigstens habe die deutsche Elf endlich doch noch, um im Bilde zu bleiben, in ihrer Hosentasche einen dort gar nicht vermuteten Tausender aufgestöbert und mit diesem Pfund zwanzig Minuten und zwei Tore lang gewuchert. Eine Turniermannschaft, Deutschland. Die drei deutschen Tugenden: Kampf, Kampf, Kampf. Armer Iran. Was solle man auch von einer Mannschaft halten, in deren Reihen zwei Spieler von Arminia Bielefeld stehen?

"Die Höchststrafe diesmal!Da! Der Kasten geht doch!"

Ich schaue mir den Schluß einer alten Folge der Sesamstraße an und gerate anschließend ins Schulfernsehen, wo man einen Zylinder um die y-Achse rotieren läßt und das Volumen der verdrängten Masse - oder so ähnlich. Schwester Benedikta, wieder christlich-nüchtern, streckt den Kopf ins Zimmer - "Fernseher aus! Visite!" - und auf dem Korridor naht die heilende Schwadron.

Viel zu sehen gibt es nicht. Der grauhaarige Chefarzt hält Röntgenaufnahmen gegen das Sonnenlicht, sieben Chargenköpfe recken sich hoch und nicken die lateinischen Kommentare des Alten ab. Ich füge mich, überzeugter Fatalist, in mein Schicksal.

"Sie werden" belehrt der Arzt "links möglicherweise einen Knieschaden zurückbehalten. Der aber weder ihre Schönheit noch ihren Radius empfindlich beeinträchtigen wird. Nichts was eine ordentliche Krankengymnastin nicht in den Griff bekommen könnte. Der Schlauch?" Er bückt sich. "Verunreinigtes Blut im Knie, leider. Wird abgesaugt. Sehr wichtig. Kann bald entfernt werden."

Schüchtern wage ich die Frage, wann ich eventuell mit Entlassung rechnen könne? Oder wenigstens dem Aufstehen?

"Wenns an der Zeit ist, ist die Zeit gekommen. Ruhe, Ruhe, Ruhe! Hämmern Sie sich das ein. Jeder Tag, der in Ruhe vergeht, ist ein gewonnener Tag. All der andere Kram - Gehirnerschütterung, Prellungen, Verstauchungen, Abschürfungen, Verrenkungen - Kinderkram, selbstheilend. Also: Ruhe." Und hebt einen imperativen Zeigefinger. "Gehen Sie mal davon aus, daß Sie das WM-Finale als Bettlägriger genießen dürfen. Klare Sache heut abend, ja?"

Die Visite, kurz/knapp/enigmatisch, befeuert doch immerhin den Furor in meinen Gedärmen. Wir beide, meine Verdauung und ich, haben seit dem Suchtabenteuer mit Frau Doktor einen wunderbaren Waffenstillstand geschlossen. Der ist mit sofortiger Wirkung aufgekündigt. Ich klingele.

Eine mir unbekannte Schwester von Benedikta-Ausmaßen trippelt herbei, und mein grimassiertes Gesicht versetzt sie in Panik.

"Oh, oh, oh!"

Enteilt aber beruhigt, als sie die Ursache meines Ungemachs erfahren hat und kehrt mit zweierlei zurück: der Pfanne (blaugesprenkelter heller Emailletopf mit Deckel) und einer Lernschwester (blaue Strähnchen im Blond). Moralische Bedenken sind mir einerlei: Bettdecke zurückschlagen, Kittelchen hoch. Meine Helferinnen beseitigen Koordinationsschwierigkeiten: Die Alte wird mir unter die Arme greifen, die Junge das Gefäß positionieren (ist aufgeregt, kriegt rote Stressflecken um die Nase. Sehr nett.)

"Brauchen Sie auch die Flasche?"

Ich fürchte: ja. Oh, mein Gott.

 

Karl-Olaf Horst Gesine Krund
Karl-Olaf Horst
Gesine Krund

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