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Hurtig Augen zu bei Witwen in zu weiten Kleidern. Nur mal kurz blinzeln. Und sie, von der schieren Wucht des Unglücks betäubt, trägt denselben schwarzen Stoff, in dem schon die Mutter den Vater betrauert hat. Ich kann so was nicht sehen, will mir auch nicht vorstellen, wie Mutter und Tochter ratschlagen, ob es das alte Trauergewand noch tut oder ein neues anzuschaffen ist, wo doch so hohe Kosten zu erwarten sind und das Häuschen abbezahlt werden muss.

Also lerne ich des Boskonz hinterbliebene Frau nur akustisch kennen. Höre sie den Kleiderschrank ausräumen, eine beileidige Nonne im Kielwasser, deren tröstendes Repertoire beständig gegen das monotone "Danke, Schwester" der Witwe prallt. Die Schublade des Nachttisches ächzt, und ich schäme mich sehr ob der stiebitzten Zigaretten. Sie hätte sie bestimmt weggeworfen. Trotzdem.

Nach dem Mittagessen telefonieren mit Lehn. Jovial meldet sich der Herr über sämtliche Bücher der Stadtbibliothek, knallt sein "Ich weiss alles!" durch die Leitung, und tatsächlich stapelt das Gedächtnis meines Freundes mehr als jede andere Festplatte des Universums. Würde mich nicht wundern, wenn er die Anzahl der Stufen jener vermaledeiten Treppe bereits per Augenschein oder Nachfrage - "Herr Wollheim, auf ein Wort" - recherchiert hätte und die Information meiner biografischen Akte beigefügt. Denn Lehn hat eine Obsession: Er hortet unnütze Daten.

Ein Asket mit Großvaterbart, halb Rentner, halb Revoluzzer, kurz: verbeamtet. Ziemlich jung noch, aber kein Mensch weiss wie jung oder vermag irgendein Alter aus Lehns Aussehen, Benehmen, Charakter oder Stimme zu deduzieren. Er gebietet über mächtige Sprechwerkzeuge, Drumms, die man einem solch mickrigen Behälter kaum zutrauen würde, rhetorische Zangen packen jedes Thema und bringen es zum Reden.

Drei Dinge sind ihm wichtig: ein reibungsloser Bibliotheksbetrieb, Leben und Wirken der deutschen Beatgruppe The Lords sowie biografische Dossiers zu allen exponierten Bewohnern unseres Ländchens. Diese vor allem machen Lehn zu einem gefragten Mann, und das Hinterlistigste an ihm ist seine Freundlichkeit, seine natürliche Menschenliebe, für die man ihn nur hassen kann, sofern man nicht selbst gerade von ihr profitiert.

Jeden Morgen schlurft Lehn (so'n drahtiger Kerl - und schlurft!) eine Stunde vor Dienstbeginn in sein Büro. Stramm stehen die akkurat bestückten Regale beim Defilee. Schlurft, schnieft, einen Packen Bedrucktes unterm Arm. Das hierzulande frühmorgens gereichte, monopolistisch herausgegebene Kompendium provinzieller Tagesschriftstellerei als tägliche Konstante, dazu die Wochen-, Monats- und Einmalpublikationen: den gelobten Maxmarkt, knallbunte Zeitgeistmagazine, Veranstaltungskladden, obskure Pfarrblätter- und briefe, Firmenporträts, Parteiprogramme, Werbebroschüren, Sektenfangschriften, Pamphlete. Woraus sich Namen und Daten exzerpieren und dem großen biografischen Archiv einpflanzen lassen, beschäftigt Lehn manisch, das Leben als Dehydrat, die Existenz ein Suppenwürfel. Gieß Wasser drauf.

Lehn schnippelt mit flinker Schere; Lehn trennt mit dem Textmarker die Spreu vom Weizen; Lehn wirft seinen Dienstcomputer an (früher wurden Karteikarten in Tausenderpacks geordert); Lehn ergänzt ein Leben oder erschafft es. Lehn ist der liebe Gott, aber fleißiger; Lehn ist der Teufel, wenn der Gott wäre; Lehn, meine Damen, meine Herren, weiss alles über sie, und weiss er nichts, dann können sie nicht sein.

"Ich weiss alles! Habs schon in deiner Bio vermerkt: '23. Juni 1998: mysteriöser Sturz von einer Treppe Mörickestr. 14, in Klammern: siehe Wollheim, Alexander. Gut, daß du anrufst. Sag mir Genaueres über deine Blessuren. Ich hab bis jetzt nur 'doppelter Beinbruch, Gehirnerschütterung'. Mehr hat Meinsell auch nicht gewusst. Wieso hast du eigentlich nichts an den Armen? Oder doch?"

"Schreib noch 'seelischer Knacks'. Und das mit den Armen ist eine gute Frage."

"Seelisch, aha. Richtig. Du kannst ja nicht mehr rauchen. Bitte gib mir Bescheid, wenn ich das entsprechende Kästchen 'Raucher / Nichtraucher' aktualisieren kann."

"Du bist ein obsessives Scheusal. Schreibs in deine Bio."

"Tut mir leid. Über mich selber sammele ich nichts."

"Und wie gedeiht dein Lordsbuch?"

"Hab vorige Woche mit Lord Ulli telefoniert. Reizender Mensch! Und hilfsbereit. Am 16. März 1966 haben die Jungs im "Dorfsaal" von Holzwickede gastiert. Ulli schaut nach, ob er die Set List aus dieser Zeit noch irgendwo auftreiben kann. Reizend!"

Man muss ihn reden lassen. Er hört nach geraumer Zeit auf, fragt: "Und womit kann ich dir heute aus der Patsche helfen?"

"Krund mit K, Gesine."

"Krund mit K, Gesine" wiederholt Lehn und tippt den Namen ein.

"Aja. Nicht viel. Bisschen was aus Unijournalen. 1961 geboren, Landau in Bayern. Nimmt am gesellschaftlichen Leben ganz offensichtlich nicht teil, sonst wüsst ich längst, mit wem sie pennt und hätts als Querverweis."

"Überhaupt keine Querverweise? Etwa zu Walter Dorsten?"

"Dorsten? Über den wolltest du doch auch schon alles wissen!"

Stimmt. Gleich nach dem Brustschwimmen im brain pool.

"Nee. Nix." Lehn klingt frustriert. "Laut Pressebericht zur Renovierung des Elisabethenkrankenhauses arbeitet die Krund dort seit fünf Jahren, vorzugsweise im Notdienst, nachts. Nicht gerade eine Karriere. Und nenn sie nicht Frau Doktor. Sie hat nämlich nicht promoviert. - Was, ich sehs erst jetzt, recht merkwürdig ist. Denn die Unipostille spricht von einem - Zitat - "vielversprechenden wissenschaftlichen Talent, dessen Doktorarbeit über das Zustandekommen von Abwehrreaktionen bei einer Schwächung des Immunsystems...undsoweiter. Muss ich gleich vermerken: 'offensichtlicher biografischer Bruch'. Kannst was beisteuern? Is das die Tussi, die dich verarztet?"

Ich schütze eine Visite vor und verabschiede mich vom neugierigen Lehn. Halb eins, die Malter meldet sich nicht.

 

Info zu Werner Boskonz Walter Dorsten Karl-Olaf Horst Gesine Krund Lehn Petra Malter Herr Wollheim
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