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Noch Dezember und fast Weihnachten. Es hatte auf gefrorenen Regen geschneit, und die über allem dräuende Flüssigkeit überlegte noch, in welcher Gestalt sie demnächst niederkommen sollte. Wetter, am besten auf der wärmeren Seite des Fensters zu genießen, zumal die Innenstadt von dicklichen Brieftaschen verstopft war, hinter denen Herzen heftig pochten, als schnappten sie nach Sonderangeboten. Da lobt man sich das gemütliche Heim.

Schöne Theorie. Ich fror vor "Kuntze's CD-Shop" und schaute zur Uhr. Zehn. Kurzgeschorenes marschierte in den Laden, aus dem Musik kam, Musik, wie sie unsereiner als Langhaariger gerne gehört hat, Musik aus sechs Saiten Gitarre, vier Saiten Bass und einer Batterie Trommeln, ein Tätowierter plärrte gegen die heulende Wand.

Ja, zugegeben: Etwas melodischer hatte das früher schon geklungen. Außerdem ist man zu alt. Bist du erst mal über dreißig, gibt es Wichtigeres als gute Musik in deinem Leben. Phil Collins zum Beispiel.

Mir war an diesem Morgen nicht nach Heavy Metal zumute. Ich verließ meine Wohnung fluchend, sagte bye-bye Zentralheizung, schlug den Kragen meiner Winterjacke hoch und erinnerte mich an Frau Fänz-Ullerts gestrige Stimme am Telefon. Aufgekratzt war sie, keck kicherte die Vorsitzende, ihre Wangen seien, dem Fräulein Bauer zufolge, glühend vor Aufregung, sie persönlich tippe eher auf profane Nervosität.

"Morgen, Herr Horst, morgen um 10 Uhr."

Ob ich noch unser Gespräch im Kopf hätte? Das... sie kicherte abermals - mysteriöse und das Fräulein Bauer, die Diplomübersetzerin?

"Sie hat es nicht leicht gehabt, das arme Ding. Wegen der Texte, wissen Sie?"

Ich gab den Lehnschen Antipoden und wusste nichts.

"Na, Death Metal! Diese Scheusslichkeiten! Dagegen starten wir unsere Aktion morgen früh, vor Kuntzes CD-Shop. Wissen Sie, wo das ist?"

Ich wusste es diesmal und liess es mir umständlich erklären. Bat - ich bin Sadist - um eine Kostprobe der Texte und erledigte damit Frau Fänz-Ullerts freudige Erregung prompt. Nein, nein, das übersteige ihre Kräfte. Aber das Fräulein Bauer, Moment mal.

Nach ein paar Augenblicken meldete sich, gefasster als bei unserem ersten Zusammentreffen, das Fräulein Bauer.

"Also ich les dann mal, ja? Nur einen Ausschnitt." Flüsternd: "Ich schneide deiner Puppe den Kopf ab / du steckst ihn dir rein. / Ich drinke dein Blut / wie billigen Wein. - Genügt das?"

"Sind die Endreime von Ihnen?" fragte ich interessiert, und die Übersetzerin bejahte stolz.

"Ich bin eigentlich Spezialistin für Viktorianische Lyrik. Aber wie es halt so geht."

Ich bedauerte sie aufrichtig. Zehn nach zehn - sie bogen um die Ecke, schwankende Gestalten.

Das Fähnlein Frauen knirschte zweireihig auf dem Schnee, in den Fäusten Holzlatten, zwischen die Bettlaken gespannt worden waren. Deren Beschriftung verkündete, Death Metal sei der Tod des Moralischen, "Gewalt reift immer zuerst in Worthülsen.", ihr dürfe keine Chance gegeben werden, "Musik ja - Zynismus nein.", und den Anfängen müsse man wehren, die Verführer aufhalten. Reihum wurden die Parolen skandiert: dünnstimmig, zögernd. Ein Kameramann umrundete die Protestierenden, setzte sich schließlich rückwärts gehend an die Spitze des Zuges, daneben eine Frau, die ein Mikrofon in die Schallwellen hielt.

Leicht abgesetzt folgte eine ungeordnete Ansammlung von scheinbar aus Neugierde dem Tross hinterher stapfender Passanten, Kinder, Heranwachsende zumeist, die es eher mit Boygroups denn mit Todesmetallern halten durften. Man bewegte sich der Schnee- und Eisunterlagen wegen langsam, auch blieb der gewünschte, weil Entschlossenheit demonstrierende Gleichschritt ein Kind des Zufalls und daher die Ausnahme, bei der unbeteiligten Nachhut sowieso, die etliche ihre Mitgänger peu à peu an den Reiz der Schaufensterdekorationen verlor. Ich erkannte Frau Fänz-Ullert in der Avantgarde. Sie stieß ihre Latte wie ein Lichtschwert empor, etwas höher als die andere Hälfte der Zweierbeziehung, so daß die Beschriftung "Nieder mit Death Metal" auf dem Laken von unten nach oben lief, was - so hätte es Dorsten ausgedrückt - einen konterkarierenden Subkommentar zur Hauptthese abgab.

Natürlich winkte die Vorsitzende, als sie mich erkannte; war zu befürchten gewesen. Vor Kuntzes CD-Shop formierte sich die Truppe zu einem Halbkreis um die Vorderfront des Ladens, in dem die Musik nicht mehr spielte. Frau Fänz-Ullert hob ihren freien Arm, das Skandieren brach ab.

"Wir sind hier -" - sie suchte die Kamera - "um gegen die menschenverachtende Praxis aufzubegehren, durch den Missbrauch des Mediums Jugendmusik Profite zu erwirtschaften. Sie da drin - Wollen Sie wirklich ihren Lebensunterhalt weiterhin damit verdienen, zur Verrohung unserer Jugend beizutragen?"

Ich hätte eigentlich ein ekstatisches "Ja!" erwartet, doch es blieb ruhig. Frau Fänz-Ullert verschaffte nun den Anwesenden einen Einblick in die Geschichte der Rockmusik, wobei sie nicht zu erwähnen vergaß, daß sie einstmals ja selbst in San Francisco gewesen, um den Schauplatz zu begutachten, an dem ihre Idole lebten und liebten: The Mamas And The Papas, Scott McKenzie -" Sie ließ eine bedeutungsvolle Pause: " - sogar Jefferson Airplane." Sie fuhr fort, es sei bald die Schere auseinander gegangen: man selbst älter geworden, die Musik härter. Tolerante Menschen hätten aber kein Problem damit gehabt. Irritiert habe sie dann, Anfang der Siebziger, das Auftauchen eines gewissen Alice Cooper, welcher mit Guillotinen umgegangen sei und auf diesen mit Vorliebe Puppen geköpft hätte. Gut. Auch diesen Herrn schützten noch die weiten Arme der Toleranz. Desgleichen Black Sabbath, "obschon der Name hier irgendwie Programm gewesen ist."

Hinreichend bewandert in Popgeschichte, konzentrierte ich mich auf die Gesichter der Protestierenden --- nee, Frau Doktor, streichen Sie das. Ist nicht die Wahrheit. Es war nämlich so: Keine Frauenprozession hätte mich an diesem Morgen normalerweise aus dem Haus holen können, kein Hundertzeilenbericht, keine nette TV-Reporterin (Sie war mir während des Fänz-Ullertschen Vortrags immer dichter auf die Pelle gerückt, Mikro am ausgestreckten Arm, und irgendwann könnten wir nicht anders, als einander zu begutachten.) Nichts, Frau Doktor, glauben Sie mir, nichts wäre verlockend genug gewesen, mein Bett im Stich zu lassen. Warum also? Weil ich doch hoffte, SIE müßte da sein.

Sie hielt sich im Verborgenen, geduckt hinter dem breiten Kreuz einer Genossin, doch als man sich im Halbkreis aufstellte, hatte es ein Ende mit der Unsichtbarkeit. Ich sah sie, und sie sah mich.

Ich hatte sie seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Mir oft vorgestellt, ihr auf der Straße zu begegnen (obwohl ich fünfzehn Jahre in einer anderen Stadt gelebt habe), bei einem Klassentreffen (zu dem, ehrlich gesagt, man mich aber nicht einlud). Na - schon wieder nicht ganz die Wahrheit, Frau Doktor. Ihren Kopf, Teile ihres Oberkörpers im Auto: wenn sie an den Mittwochnachmittagen zum Gymnasium fuhr, auf Höhe von Wollheims Laden abbremste, den Blinker setzte; ein kurzes Bild wie eine Explosion, die mir die Haut vom Rücken pellte.

Sie mühte sich, durch mich hindurch zu schauen. Bekam einen starren Blick, bis ihr die Augenlider außer Kontrolle gerieten, im Stakkato aufeinander schlugen. Dann drohten mir diese Blicke: "Sprich mich nicht an. Lass mich in Ruhe. Hau ab." Ich konnte nicht. Also ging sie. Machte einfach die Faust auf, die Latte fiel auf den Boden (Frau Fänz-Ullert stolperte für einen Halbsatz aus ihren musikhistorischen Exkursionen), drehte sich um, verschwand. Diana.

Heute abend nicht. Ersparen Sie mir das. Traurige Geschichte. So viel, nicht mehr: Wir waren ein Jahr lang glücklich gewesen, die ganze Packung Teenagerglück eben. Beide achtzehn, und dann, im Oktober 1973, hat sich ihre kleine Schwester Judith aufgehängt. Dreizehn. Am Kellerfenster. Entschuldigung, ich kann nicht weitererzählen.

Auch vor dem CD-Shop hätte ich nichts sagen können. Anschauen wollte ich sie. Ich stand einfach da, und diese TV-Reporterin flüsterte mir ins Ohr, gleich falle ihr der Arm ab, aber vorher müsste sie sich die Eisbeine amputieren lassen. Das sind so die Gelegenheiten, tja. Hat mir auch gleich ihre Visitenkarte zugesteckt. Petra Malter - genau die, Frau Doktor. Haben Sie sie erreicht? Noch nicht? Versuchen Sie es bitte noch einmal, wenn Sie Zeit haben? Danke. Aber zurück zur Demonstration.

Frau Fänz-Ullert hatte endlich den Ausgang im Palast des Rock'n'Roll gefunden. Sie forderte, alle Händler sollten auf den Verkauf der jugendverderberischen Produkte verzichten, gab dem Fräulein Bauer, das mit einem riesigen Radiorecorder vor dem Bauch auf seinen Einsatz wartete, ein Zeichen, und das Fräulein Bauer stellte das Gerät auf den Boden, bückte sich und drückte eine Taste.

"Wir spielen ein Stück der Handicaped Barbies." kündigte sie an, und die Musik preludierte apokalypisch. Sie war nicht schlecht, ein cleverer Brei aus Punkattitüde und Metalriffs, der Sänger allerdings typisch Vorstadtbubi mit einem fatalen Hang zur Melodramatik.

Fräulein Bauers Recorder verfügte über eine sogenannte Karaoke-Funktion, die es ihr erlaubte, vermittels eines Mikrophons die deutsche Übersetzung des englischen Textes hörbar über diesen zu sprechen.

"Wahrheit ist das Deo der Lügner, Stärke die Scheiße in deinem Hirn. Die Schönheit behandelst du mit einer Rasierklange, die Stärke brennst du nieder. Also blute und brenne. Sei hässlich und schwach, treib es mit Handgranaten, schlafe auf Tellerminen. Wenn sie hochgehen, bist du high. Wenn dir aber deine Schönheit, deine Stärke etwas bedeuten und du sie nicht verlieren willst, schneidet die Rasierklinge tiefer, verbrennt dich das Feuer ganz. Und ich tanze Tango mit deinem verfluchten Skelett."

Hm. Gemahnte mich stark an glücklich vergangene Zeiten, als jeder Primaner Bukowski war. Immer noch besser als "Deutschland / schlägt die / UdSSR / mit 3:0 / im / Endspiel / der Europa / Meisterschaft", ein lyrischer Geniestreich, mit dem man 1972 tatsächlich in ein renommiertes Literaturheft kommen konnte.

Die von der Sensation eines leibhaftigen Protestzuges mitgerissene Jugend hatte mit den Füßen gewippt, im Laden war eifrig und laut mitgesungen worden. Der Song endete in einer Detonation, Stille trat ein, und Frau Fänz-Ullert, sichtlich erschüttert, hob die Versammlung auf.

"Wir kommen wieder! Wir kommen immer und immer wieder!"

Ich zündete mir eine Zigarette an, nickte der Vorsitzenden zu, die pantomimisch einen Telefonhörer ans Ohr hielt. Ich nickte noch einmal. Die TV-Reporterin rief ihrem Kameramann zu, er solle den ganzen Kram zum Funkhaus bringen, sie komme sofort nach. Machte "puh", schüttelte ihren Arm aus.

"Schlimm, gelt?"

Dann verlangte sie eine Zigarette, und wir rauchten. Als wir fertig waren, standen wir allein vor dem Geschäft.

 

Karl-Olaf Horst Petra Malter Diana Weber
Karl-Olaf Horst
Petra Malter
Diana Weber

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