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"Lehn."

Frau Doktor sagt es ohne Emotion.

"Was?"

"Von Lehn wussten Sie doch sicher, daß Ihre ehemalige Freundin diesen Deutschunterricht gegeben hat."

"Ja. Der Verein gibt natürlich seine eigene Zeitschrift heraus, und unser Bibliothekar hat sie abonniert."

"Darf ich mal raten? Sie war es auch, die Ihnen die Fotos geschickt hat! Darum diese Mittwochnachmittage!"

Ich schicke ihr einen bewundernden Blick.

"Sie sind die geborene Schnüfflerin. Aber machen wir Schluss für heute."

Den Nachmittag habe ich verschlafen, die Ergebnisse der beiden Fußballspiele von einer witzigen Webseite geholt. Die heißt "Joes WM" und ist schon wegen des fehlenden Apostrophs liebenswert. Joe stellt seine Kommentare zu den Partien simultan zu deren Verlauf ins Netz, schreibt "Der blonde Holländer haut gerade dem blonden Mexikaner von hinten in die Beine, was der Schiedsrichter aber nicht ahndet, weil es ein zu offensichtliches Foul war." Holland schlägt Mexiko 4:1 (erwartetermaßen), Belgien tut sich schwer gegen Südkorea, 1:0. Wenn Deutschland heute abend gewinnt - Berichtigung: gewonnen hat (es ist halb zwölf), treffen wir im Viertelfinale auf die Belgier. Wie 94 in den USA. Bei Remis geht’s gegen Holland, bei einer Niederlage in den Urlaub.

"Ich will nicht in Ihre Intimsphäre."

Diesmal kapiere ich sofort.

"Die TV-Reporterin? Petra Malter? Rein beruflich."

"Geht mich nichts an."

"Kann jeder wissen. Solche Sachen - na, solche Sachen passieren halt. Ist wie rauchen, wenn mans eine Woche nicht getan hat. Belebt, beschwipst, Sex eben. Noch am Abend dieser denkwürdigen Veranstaltung. Petra kam vom Schneiden, wir hatten uns in einer Kneipe verabredet, sie kannte mich vom Sehen und log, ihr gefiele meine Arbeit."

"Und dann haben Sie geraucht."

"Haben wir. Aber ich war noch nie ein markentreuer Raucher."

"Sind Sie immer so - so kalt?"

"Im Moment? Keine Ahnung. Früher: ja. Dezidiert. Seit 73."

Und jetzt kann ich es doch nicht halten. Jetzt bricht es heraus.

"Schlusstrich gezogen. Sie hat es mir geschrieben. Einfach so, drei Sätze. Alles aus, könne nicht mehr, würde mich hassen, der Tod ihrer Schwester. Ich habs verstehen wollen. Damals, Frau Doktor, besaß ich noch ein Gefühl für die Psyche anderer. Ich hätte kein Richter werden können, weiß Gott nicht. Jeder Kindermörder hätte mich gedauert, ich hätte mich in ihn hineinversetzt und befunden, nicht er habe ein Verbrechen begangen, sondern ES hätte ihn zu einem Verbrechen benutzt. Vergessen Sies. Ich bin am nächsten Morgen in die Schule gegangen und wollte Diana in Ruhe lassen. Schau her, ich bin da, schau her, ich warte. Nicht mal bis ins Klassenzimmer kam ich. Mein Klassenlehrer hat mich auf dem Gang abgepasst und ins Rektorzimmer komplimentiert. Dianas Vater war da, er und der Rektor. Aschfahl. Das ist so eine Floskel: aschfahl. Man sagt: Er wird aschfahl, dabei wird er eigentlich nur blass. Dianas Vater war aschfahl. Er hat mich angeguckt, als sei ich ein ganz besonders widerwärtiges Ungeziefer. Nichts gesagt. Angeguckt. Der Rektor schlägt mir einen Deal vor: Entweder sofortiger Schulabgang oder Anzeige. Anzeige? Wieso denn! Der Rektor: Sie haben die kleine Judith belästigt, und die hat sich deswegen... Hat den Vater angeschaut und nicht weiter gesprochen. Der Vater muß sich unheimlich beherrscht haben. Sieht mich an und schlägt mich in Gedanken tot. Ich stehe da und denke nur: Aufwachen! Naja. Es gab da wohl ein Tagebuch. Und in dem soll stehen, ich hätte... Was nicht stimmte. Kein Wort. Judith war ein kleines, nettes Mädchen, das einem manchmal auf die Nerven ging. Intelligent, phantasiebegabt. Ich nehme an, sie hat sich das alles ausgedacht. Mein Gott, sie war in der Pubertät! Ich wollte mit Diana sprechen, und da macht der Vater den Mund auf. Wenn ich Diana noch einmal zu nahe käme, würde er mich umbringen. Ich renne raus in den Klassensaal. Diana nicht da. Ich schwinge mich aufs Moped und fahre zu ihr nachhaus. Klingele, sie öffnet, sie schreit. Sie schreit. Ihre Mutter kommt. Greift sich - irgendwas; einen Besen, glaub ich, und schlägt nach mir. Trifft mich an der Schläfe. Tür wird zugeschlagen, Diana schreit weiter, Diana schreit weiter. Wissen Sie, daß ich noch Jahre später Diana habe schreien hören, wann immer ich einen Besen gesehen habe? Kurz: Ich bin weg von der Schule. Mein älterer Bruder wohnte in Köln. Ich bin zu ihm gezogen und habe dort mein Abitur gemacht. Studiert. Abgebrochen. Studiert. Abgebrochen. Gejobbt. Arbeitslos geworden. Gejobbt. 1988 bin ich zurückgekommen. Meine Eltern waren schon gestorben, ein bisschen Geld war da für die erste Zeit. Gejobbt, arbeitslos, gejobbt, arbeitslos. Die Stelle jetzt. Diana ist Lehrerin an unserem Gymnasium geworden und hat einen Kollegen geheiratet: Herrn Oberstudiendirektor Hanns-Lothar Weber. Wir hätten uns begegnen können, wir sind uns nicht begegnet. Im Körper gibt es Viren, die laufen sich niemals über den Weg. Die kennen sich nicht, aber sie meiden sich. Besser so."

"Verzeihung, aber das ist ein blödsinniger Vergleich."

Recht hat sie.

"Wollten Sie niemals herausfinden, was hinter dem Selbstmord des armen Mädchens gesteckt hat?

"Hätte es irgendetwas geändert? Versetzen Sie sich bitte in meine Lage. Die Geliebte hasst dich einiger Tagebuchzeilen wegen. Sie schreit, wenn sie dich sieht, sie ekelt sich vor deinem Anblick. Wie lässt sich das rückgängig machen? Vergessen? Für mich war es eine Fügung des Schicksals."

Sie beugt sich zu mir. Dunkelheit, Sternenlicht, das Betätigen einer Toilettenspülung in der Distanz: perfekte Romantik. Beugt sich zu mir, spricht mit Nachdruck:

"Und deshalb sind Sie zum Zyniker geworden."

"Mein liebes Fräulein!" (Natürlich zuckt sie zurück! "Mein liebes Fräulein" aber auch. Tz.) "Zynismus entsteht, wenn enttäuschte Liebe und Erkenntnis sich in einem ansonsten heiteren Gemüt festsetzen. Das zugrunde legend, bin ich zynisch."

"Sie basteln sich Ihre Definitionen ganz nach Bedarf."

"Das sind die angesprochenen erkenntnistheoretischen Kräfte in mir."

"Also ich weiss nicht..."

"Sind Sie etwa nicht zynisch?"

"Hätte ich Grund dazu?"

"Nun ja, wenn ich zitieren darf: 'Vielversprechendes wissenschaftliches Talent... Doktorarbeit..."

"Aha. Der mir langsam unheimlich werdende Lehn, vermute ich. Verstößt das übrigens nicht gegen den Datenschutz?"

"Keineswegs. Nur öffentlich zugängliche Informationen. Aber lenken Sie nicht ab. Zynikerin oder nicht?"

"Nicht zynisch. Achselzuckend pragmatisch. Meine Dissertation ist schließlich mit großem Erfolg veröffentlicht worden. Wenigstens in ihren Kernpunkten. Nicht unter meinem Namen, sondern unter dem meines Doktorvaters. Ich war nur die kleine Assistentin und bekam eine lobende Erwähnung im Vorwort. Was hätte ich tun sollen?"

"Kämpfen."

"Das von Ihnen zu hören, entbehrt nicht einer gewissen Ironie."

Ich ziehe ihren Kopf an meinen, beide Stirne verschwitzt. Atme in ihren Mund: "Warten Sies ab. Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende."

 

Karl-Olaf Horst Gesine Krund Lehn Petra Malter Diana Weber Diana Weber Herr Weber
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Gesine Krund
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Petra Malter
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Herr Weber

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