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Zwischen den Jahren verirrte sich kaum jemand in Wollheims Laden. Ich machte dem einsamen Händler nun beinahe nachmittäglich meine Aufwartung, wir tranken Kaffee und plauderten. Einmal, als der Alte zur Toilette gegangen war, beriet ich einen späten Kunden bei der Kugelschreiberwahl, die mit dem ökonomischen Triumph endete, ein besonders teures und in den Schubladen des Geschäfts langgedientes Exemplar verkauft zu haben. Wollheim lächelte verlegen, ich schlürfte stolz meinen Kaffee. Wir waren ein gutes Team.

Politik war seine Leidenschaft. Welches Thema wir auch besprechen mochten, Wollheim bog es nach kurzer Zeit elegant, aber energisch auf die staats- und gesellschaftstheoretische Ebene, wo er als ein Mann geradezu enzyklopädischen Wissens brillierte. Er zerlegte mit kühnen Längs- und Querschnitten die Historie; skizzierte Entwicklungslinien quer durch die Jahrhunderte, bizarre Kurven, die aus dem Chaos der Geschichte eine Kombination von Gleichungen mit vielen Unbekannten machten, die der Geschäftsmann souverän löste. Alles, lehrte er, hänge zusammen, stehe im Wechselspiel von Ursache und Wirkung einerseits, mehr aber noch unter dem Zwang archetypischer Verhaltensmuster andererseits. Die Strategie eines Julius Caesar beispielsweise finde sich in zeitgemäßer Abwandlung nachweisbar bei Metternich und von Papen - "just to mention a few". Selbst der törichte Gedanke einer hiesigen lokalpolitischen Knallcharge, Asylbewerber von öffentlichen Plätzen fernzuhalten, um ihnen den Drogenhandel zu erschweren, sei von geradezu alttestamentarischer Provinienz, und er bewies es mir faktensicher.

Es lag nahe, davon auszugehen, daß dieser originelle Kopf in seinen jungen Jahren gegen manche Wand gerannt war und einmal so sehr den Kürzeren gezogen hatte, daß er einen dauerhaften Ortswechsel vornehmen hatte vornehmen müssen. War er Kommunist gewesen? Ich rechnete zurück - vierzig Jahre, 1957. Pankow klingt schlimmer als Auschwitz. Anarchist? Jeder intelligente Mensch ist Anarchist, doch wenn er gescheit ist, fürchtet er nichts mehr als Anarchie. Ein Idealist? Auf jeden Fall.

Die magischen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr: eine ereignislose Passage, wir schlittern von einer Scheiße in die nächste. Du vertreibst dir die Zeit, indem du sie streckst. Die Stunden bei Wollheim überzeugten mich von der Existenz spezieller psychischer Instanzen, die dich aus der Gegenwart befreien und im Rosarot einer Vergangenheit absetzen, die alles Mögliche gewesen sein mag - wild und weit, aufregend und geheimnisvoll -, eins aber bestimmt nicht: rosarot. Ich schaute Wollheim gerne zu, wenn er - es war nun einmal Jahresende - die Bestände seiner Unternehmung einer Inventur unterzog, Päckchen mit Heftklammern zählte, Stenoblöcke und Taschenkalender - Ich stellte mir vor, wieder achtzehn zu sein und alles anders zu machen. Eine wunderbare Schülerlaufbahn tat sich plötzlich auf - und zerbrach an Dianas Schreien. Ich war zurück in der Gegenwart.

Einmal kaufte ich ein Bündel Bleistifte und genoss es, in kleiner Schrift sehr akkurat zu schreiben, zu radieren, anzuspitzen, die Krümel vom Papier, vom Tisch zu blasen. Erwog die Anschaffung eines Stehpultes, am Fenster aufzustellen, mit Blick über den fernen Wald - 200 Jahre zurück - irgendwo kratzt ein Federkiel am Hinterkopf eines blässlichen Sekretärs oder eines feurigen Dichters - keine Ahnung, was ich lieber gewesen wäre -, eine Postkutsche rumpelt, bei Dunkelheit dreht der Nachtwächter seine Runden, und die Schlafmützen des horizontalen Bürgertums reiben traumgetrieben an den Kissen.

Teddybären. Seltsame Tage. Und alles endete wie gehabt im Tumult billiger Feuerwerke.

Auch der Umstand, daß mein Geschlechtstrieb erst kürzlich auf natürliche Weise abgeführt worden war und nicht nach freudscher Manier hatte sublimiert werden müssen, erklärt den lockeren Fluss meiner Gedanken, dieses Gleiten durch Imaginationen und die zur Gummizelle des Gemüts ausgepolsterte Wirklichkeit. Immerhin der erste Geschlechtsverkehr seit 1995, und an den erinnere ich mich noch genauso flüchtig wie er auf dem Beifahrersitz meines seligen Golf vollzogen worden war.

Eine Kurzschlussreaktion. Ich stand wenige Wochen vor meinem 40. Geburtstag und wollte das Lebensjahrzehnt als ein Mann in seinen potentesten Jahren beschließen. Kann sein, daß auch das Abenteuer mit Petra nur gewagt wurde, weil ich dem mönchischen 1996 kein gleich niederschmetterndes 1997 folgen lassen wollte.

Petra war am Tag darauf zu ihren Eltern nach Niedersachsen gefahren, um bei ihnen Weihnachten und Neujahr zu verbringen. Es war mir recht, sie außerhalb der Reichweite meiner auf den Geschmack gekommenen Lenden zu wissen. Zumal hatte ich eine Sekunde der Schwäche offenbart. Wir lagen nebeneinander, schlaflos und matt. Ich rauchte, sie erzählte mir, sie habe das Rauchen vor drei Monaten aufgegeben. Ich hörte die Nachbarn streiten und regte mich darüber auf, sie regte sich auf, als der Streit beendet und in sein nicht minder lautes Gegenteil gekehrt wurde. Ich erzählte ihr von den fünf Schlafzimmern der Frau Siebenlist, sie war zu ehrgeizig, zu sehr Journalistin, um zu verstehen, warum ich die Geschichte erzählte.

"Ein Bordell?"

Am 29. Dezember rief sie mich an.

"Ich habe Neuigkeiten!"

Sollte sie etwa...

"Ach, du Feigling! Seit wann weiss man denn schon sieben Tage danach, ob man schwanger ist. Aber jetzt mal ernsthaft: Ich war in Hamburg und habe recherchiert! Seeehr aufschlussreich! Dein Herr Wollheim" (mein Herr Wollheim?) "war früher Lehrer. Hat sich Knall auf Fall aus dem Schuldienst verabschiedet - wahrscheinlich weil man ihn verdächtigte, Mitglied der ja verbotenen KPD zu sein."

Wie vermutet. Kommunist und Lehrer? Herzlich willkommen in einem turbulenten Leben!

"Aber... halt dich fest: Die Frau Siebenlist stammt auch aus Hamburg!"

"Na und?" konterte ich ungerührt. "Als Wollheim Hamburg verlassen hat, dürfte die Siebenlist höchstens 17 gewesen sein. War sie seine Schülerin?"

Petra verdutzt. "Sollte mich wundern. Meines Wissens hat sie eine Lehre als Friseuse gemacht, wozu man bekanntlich keine weiterführenden Schulen zu besuchen braucht. Aber das, mein Schatz, ist nicht der Punkt! Das Mädel hat sich in die besseren Kreise hochgeheiratet: einen Toppmann aus der Wirtschaft geangelt. Vor etwa fünfzehn Jahren wurde die Ehe geschieden. Gehört ja dazu, aber normalerweise erledigen die Herrschaften solche Geschäfte mit Diskretion. Nicht so im Fall Siebenlist gegen Siebenlist. Er wollte nicht zahlen und hat ihr Ehebruch unterstellt. Du erinnerst dich: Schuldprinzip. Darauf hat sie in der Presse ausgepackt, daß er sie ... und jetzt kommts, halt dich fest: dass er sie fünfmal zur Abtreibung gezwungen hat! Was sagst du jetzt?"

Sie gab mir keine Gelegenheit, meine Sprachlosigkeit zu artikulieren, und plapperte weiter:

"Verstehst du? Fünfmal abgetrieben - fünf Schlafzimmer mit Teddybären. Der Rest ist dann wieder gute alte Großmannskost: Frau Siebenlist, wahrscheinlich von ihrem Mann finanziell beruhigt, zeiht den Journalisten der Lüge, der wird entlassen, die Zeitung entschuldigt sich - aus die Maus. Na, was sagst du? Bin ich nicht wunderbar?"

Hätte ich erwidern sollen, die zauberischen Bilder der Vorstellung würden nicht von ihrer Bestätigung durch die Wirklichkeit geadelt, sondern eher entscheidend geschwächt? Dass es mir großen Spaß machte, eine Postkutsche zu hören, wo keine Postkutsche sein konnte, wenn aber eine da gewesen wäre ich dem pseudoromantischen Kitsch nur einen Fluch entgegen gezischt hätte? Nein, so etwas sagt man nicht. Auch verkneift man es sich, von der Natur hochkomplexer Systeme zu sprechen. Je tiefer du gräbst, je fündiger du wirst, desto weniger weisst du. Du steckst einfach in einem tiefen Loch, guckst hoch und schnappst nach Luft. Du gräbst weiter, weil die Erde rund ist und irgendwo aus der Tiefe Höhe werden muss. Irgendwo zwischen Neuseeland und Australien. Aber, ehrlich, sagt man so etwas? Könnte sie es kapieren, wo man selber es nicht tat?

Ich antwortete ja, sie habe einen guten Job gemacht. Petra begann Gebäck zu knabbern und berichtete festtaumelnd von Weihnachtsbäumen, Lametta und Lebkuchenmännern, mich armes nüchternes Schwein bedauernd, das ich in meinen 2 ZKB abgeschnitten von allem Idyll säße. Na ja. Abermals jubilierte das Posthorn in der Ferne, über allen Wipfeln.

Wollheim, bald darauf mit der Hamburger Herkunft seiner früheren Mieterin konfrontiert, relativierte die Neuigkeit und Petras professionelle Recherche: Frau Siebenlist sei eine geborene Ellermann und stamme von hier. Dieser Familie habe das Haus gehört, in dem wir uns jetzt befanden. Es sei - die kleine Heidemarie war sieben oder acht - verkauft worden, denn der Vater habe eine Anstellung in Hamburg gefunden. Nach ihrer Scheidung sei Frau Siebenlist in die Heimat zurückgekehrt, das sämtlich stamme aus ihrem eigenen Munde.

"Sie ist gelegentlich in meinen Laden gekommen, um zu erzählen. Sie war allein, schrecklich allein. Zuhören war ihre Sache nicht, auch dem Diskutieren - über Politisches gar - konnte sie nichts abgewinnen. Wenn ich es korrekt verstanden habe, war ihr Ehemann ein Misantrop, ein seltener Vertreter der Spezies fortpflanzungsunwilliger Menschen. Eigentlich zu begrüßen, doch von Verhütung hielt der Herr Direktor auch nicht viel. Ein Psychopath, wenn ich mir die Ferndiagnose erlauben darf. Schiffsmakler? Sagte sie nicht, er sei Schiffsmakler gewesen? Und katholisch?"

"Eine Hälfte Antichrist, eine Hälfte Katholik. Und so etwas nennen Sie einen Psychopathen? Den Normalfall?"

"Na ja. Gewisse Entartung der ursprünglichen katholischen Idee von der Fruchtbarkeit und ihrer Nutzanwendung. Ein guter Christ hat soviel Kinder zu haben wie er seiner Frau beigeschlafen hat. Wie er das macht, ist seine Sache, also überlässt ers seiner Frau."

"Und die Verbindung zu den Politikern? Fällt Ihnen etwas dazu ein?"

Wollheim kicherte. "Politik ist die weltliche Form der Religion. Glaube, Unfehlbarkeit, zeremonielles Brimborium, Worte wie Weihrauch, und nach dem Gottesdienst, der Bundestagsdebatte sind sie die alten Widerlinge wie zuvor. Beispiele gefällig?"

Karl-Olaf Horst Petra Malter Herr Wollheim
Karl-Olaf Horst
Petra Malter
Heidemarie Siebenlist
Herr Wollheim

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