25/54

Die Praktikantin, dynamisch/drahtig, hat endlich die Bücher und CDs aus meiner Wohnung gebracht, selbige bei dieser Gelegenheit auch "besenrein" gesäubert. Heisst schlicht: Jetzt kennt sie alle meine Geheimnisse. Fahriges Querlesen vertreibt den Vormittag, eine stumpfe Waffe gegen den erneuten Angriff der Nikotinsucht, doch dies wie alles andere schleift sich allmählich zur Routine ab. Sogar die Benutzung der Pfanne gelingt als scheinbar seit langem eingeübtes Ritual. Und dann kommt sie.

Ich gehöre nicht zu den Männern, die eine Frau mit den Händen beschreiben und dabei nie über die Umrisszeichnung einer Geige oder einer Bratsche hinauskommen. Lasst uns aus dem Brunnen der Wörter schöpfen und die alten Vokabeln des Machismo aus dem Eimer fischen. Petra zu beschreiben, ohne ihren Körperbau zwar schlank, bei genauer Betrachtung aber üppig zu nennen, weil Brust- und Hüftvolumen so aus- wie einladend sind, es kann nicht gelingen. Die Beine stehen einigermaßen parallel zueinander, sind kräftig, eher durchtrainiert als mit Fettgewebe im Übermaß besetzt. Zur Zeit trägt sie die Haare kurz, ein energisch geführter Pinsel hat sie ihr in zwei kräftigen Strichen schwarz um den Kopf getuscht. Sie sind gelvermengt und starr, hüpfen bei jeder Bewegung als hingen sie an elastischem Band.

Für gewöhnlich kleidet sich Petra so, daß männliche Phantasien angeregt werden, aber kaum den Platz für Interpretationen des unter Stoffen Verborgenen bleibt. Verdeckt nämlich wird nur, was aus Gründen des Strafrechts und allgemeiner Sitten nicht gezeigt werden darf.

Petra bleibt in der Tür stehen und ergötzt sich am putzigen Genrebildchen: Krankenzimmer, Krankenbett, kranker Mann. Sie trägt einen kurzen, cremefarbenen Rock, allemal eng genug, daß ich mich glücklich schätze, gerade nicht in die Flasche zu pinkeln. Dazu eine zartblaue Bluse aus semitransparentem Material (will sagen: du siehst was / du siehst nichts), halb zugeknöpft (du musst sie dazu bringen, sich vorzubeugen). Die Schuhe kann ich nicht sehen, vermutlich sind es dunkle Hochplateausandalen, orthopaedist's choice. Ende der Modeberichterstattung.

"Du machst Sachen!" wird sie gleich sagen.

"Sachen machst du!" sagt sie und löst sich endlich vom Türpfosten.

"Zeig mal."

Ich schlage die Bettdecke zurück.

"Ist alles eingegipst?" Sie lüftet mein Kittelchen und pfeift erleichtert Luft aus dem Lippenrund. Bewundert auch gebührend die sinnreiche Vorrichtung zum Absaugen des verunreinigten Blutes ("Wie kommt denn das? Ach so: winzige Knochensplitter.").

"Erzähl mal. Darf ich mich setzen? Aufs Bett? Oder soll ich dir erst zeigen, was ich mitgebracht hab?" Sie stemmt eine Plastiktüte in die Höhe.

Ich will nicht, daß sie sich aufs Bett hockt und mich in den Stand versetzt, für meinen kleinen Modebericht die Details ihres Unterhöschens nachliefern zu können. Noch weniger möchte ich erzählen, also sende ich begehrlich sein sollende Blicke zur Tüte. Ihr entnimmt die Besucherin sukzessive das folgende: eine Tafel Haselnußschokolade, eine Flasche Apfelsaft, ein Taschenbuch "Kraft durch Ruhe. Vom Umgang mit dem Nichtstun.", eine hübsch eingepackte gelbe Rose, für die sofort eine Vase beschafft werden muss ("Klingel mal der Schwester!") sowie einen Din A 5 - Umschlag, dem seinerseits zwei gefaltete Blätter Din A 4 entnommen werden.

"Viel zu tun gehabt?" lenke ich ab.

"Oh" säuselt sie, "entschuldige. Ich war dauernd unterwegs. Deine Frau Doktor" (deine? Achtung!) "hat mich erst heute morgen erreicht. Wie ist sie eigentlich? Jung? Ansehnlich? Ausgehungert?"

"Jung. Ansehnlich. Wir reden nicht über ihre eventuellen Ernährungsprobleme."

"So, so." Sie schaut versonnen auf einen ganz bestimmten Punkt der Bettdecke. Ich glätte das Hügelchen.

"Optische Täuschung, sorry, mein Schatz."

"Aber jetzt erzähl doch mal!"

"Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin -"

"Weiss ich!" winkt sie ungeduldig ab. "Keinen Zwanzig-Zeilen-Bericht, please. Die hard facts, Background. Wieso treibst du dich nachts in fremden Treppenhäusern rum?"

"Amnäsie."

"Hä?"

"Amnäsie. Das ist das Fremdwort für 'keine Ahnung'."

"Gut. Stellen wir die Frage zurück und schreiten zur nächsten. Wie bist du gefallen?" Sie fächelt sich Luft mit den gefalteten Blättern, hält sie mir hin, zieht sie sofort zurück. "Hat es damit zu tun?"

"Womit?"

"Mit diesem süßen kleinen Dossier. Sag nicht wieder 'Amnäsie'. Sonst sag ich 'Arschloch'. Ist das deutsche Wort für 'fucking journalist'."

"Ah, du hast es? Darf mich mal sehen?"

Darf ich nicht.

"Darfst du nicht." Flötet gekünstelt: "'Oh, mein Goldstück, ob du wohl die Liebenswürdigkeit hättest, deine immens sprudelnde Quelle anzuzapfen und sämtliche Interna bezüglich eines gewissen Politikers zu eruieren?' - Ich habe gezapft, ich habe eruiert. Und der Herr beliebt einen Fall zu tun. Sehr denkwürdig."

Die Lernschwester erscheint, wird um eine Vase gebeten und verschwindet grinsemäulig. Ich nasche von der Schokolade, um gestärkt dem Orkan zu trotzen, der sich in Petras hübsch rundem Gesicht zusammenzieht. Erst einmal ist sie mit dem Drappieren der Rose beschäftigt, hat doch die Lernschwester die Vase gebracht und süffisant "bitte sehr" gesagt, das Maltersche Gebein begutachtend.

"Du sagst nichts?"

"Ich denke nach."

"Dann sag ich dir was. Ihr Männer haltet euch für Kopfmenschen, die die Welthändel unter sich ausmachen. Dabei seid ihr absolut bauchgesteuert - nicht mal schwanzgesteuert, pah, das wär ja immerhin ein Trost. Ihr seid verjammert, unmotiviert impulsiv und repariert ständig die Scheisse, die ihr produziert habt. Du widersprichst?"

Ich denke nicht daran und hebe die Arme.

"Nie und nimmer."

"Schön. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Journalistin, die vor drei Jahren ihr Volontariat bei einem Popelsender gemacht hat und nur deshalb übernommen wurde, weil sie Kaffee kochen und Männerschweife zum Gedankenspielen bringen konnte. Bon. Kleine Opfer. Seitdem drehe ich Filme. Ach was! Furzfilmchen! Frauenthemen, Kinderthemen. Klatsch- und Tratsch, Gesundheit, so lange es um Heuschnupfen, nicht um Gesundheitspolitik geht. Ich sehe, wie meine ehemaligen Mitvolontäre sich gemach, gemach hocharbeiten. Wie sie in der Kantine die Köpfe zusammenstecken und Pläne schmieden. An ihren Schreibtischen rumgrübeln, als hinge die Weltordnung davon ab, 'Petra, has' noch'n Kaffä?' rufen. Bon auch das. Ich kann ja warten. Sobald Männern das Sperma ausgeht, stellen sie meistens auch fest, daß ihr Hirnschmalz verbraucht ist. Dann, oh herrlicher Wintermorgen, lerne ich einen Mann kennen, den man, 's wär möglich, nicht oberhalb des Bauchnabels vergessen kann. Einen Mann, nun schön, das ist sein Problem, nicht meins. Er kann was, der Typ. Er kann schreiben, er kann, bevor er schreibt, sogar nachdenken. Und was macht er? Karriere? Nicht im mindesten. Er schreibt Furzartikelchen. Er denkt Furzgedanken. Au fein, endlich ein Mann, der sich selbst so behandelt, wie Männer Frauen behandeln. Weiter. Wir schlafen miteinander. Der Kerl ist etwas aus der Übung, aber die soll er kriegen. Er erzählt mir von fünf Schlafzimmern - ganz melancholisch tut ers - und fast wäre ich drauf reingefallen. Ich recherchiere ein bisschen und siehe da: Ist vielleicht wirklich eine melancholische Story und nicht die heisse Bordellnummer, für die ich dem Chef vom Dienst zehn Minuten Film herausleiern könnte. Aber - wir Frauen haben - wow! - Köpfe. Köpfe mit kleinen Maschinchen zum Denken drin. Und das beginnt bei mir zu arbeiten. Was will der Mann eigentlich? Was sucht er andauernd bei einem alten Zeitschriftenhändler? Wieso interessiert er sich für die dämlichen Kreuzzüge einiger Weiber, die permanent in den Wechseljahren sind? Es kommt der Januar, es geht der Januar. Es gibt eine Pressekonferenz, und sie ist ein Witz. Wir gehen beide hin. Ich langweile mich, bin stinksauer und beobachte lieber meinen Schatz. Was macht aber der? Er starrt nach vorne, wo drei Figuren sitzen und quatschen. Er starrt auf eine Frau. Und wird plötzlich ein ganz anderer."

Karl-Olaf Horst Gesine Krund Petra Malter
Karl-Olaf Horst
Gesine Krund
Petra Malter

Folge 24 Hauptseite Folge 26