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"Wie das Kaninchen vor der Schlange!" Petra probiert einen irren Blick, der ihr misslingt. "Oh, was macht einen das sauer! So ne Alte! Grauhaarige! Gut konserviert, das muss der Neid ihr lassen! Hat sie dich wenigstens ordentlich mit Haut und Haaren verschluckt?"

Natürlich gefällt es mir, wie sie sich aufregt und die Wut von damals originalgetreu in Mimik, Gestik und Tonfall wiedergibt.

"Kindisch. Ich musste nachhaus laufen, weil du ja mit Egbert abgezogen bist."

"Er hat mich gefragt, in welche Richtung ich fahre. Und weil er selbst kein Auto dabei hatte -."

"Sei dir verziehen. Obwohl wir auch zu dritt hätten im Wagen sitzen können."

"Hat deine Tussi - hat deine Tussi -." Endlich fehlen ihr die Worte, sie sackt in sich zusammen. Ich streichele jedes erreichbare Stück ihres unbedeckten Fleisches.

"Das Dumme ist: Du weisst nicht, um was es geht."

"Dann sags mir doch endlich!" bettelt sie.

"Es ist zu gefährlich. Eine brisante Story, und DU wirst sie publik machen. Ich verspreche es beim Leben meiner ..."

"Och, hör auf. Sind doch alle tot bei euch!"

"... bei meinem eigenen Leben."

"... nach dem man dir doch eh trachtet. Das Auto am Abhang, dein Treppensturz - und drunten an der Rezeption lümmelt so'n Kerlchen von den Privaten und fragt die Leute aus. Mysteriöser Todesfall, die trauernde Witwe klagt an. Hat nicht zufällig etwas mit dir zu tun?"

Ich reportiere die Leiden des armen Boskonz.

"Mein Gott! Und du liegst hier so seelenruhig rum?"

"Soll ich aufstehen? Gerne!"

Sie winkt ab. "Spiel nicht schon wieder den Deppen. Wann erfahre ich deine Story? Vor allem: von wem? Von der Mordkommission?"

"Ich hoffe nicht. Pass auf: Ich habe die Sache im Griff. Was du tun könntest: Wäre es dir möglich, mit großer Besetzung vor Egberts Bungalow aufzukreuzen und zu filmen? Aber gaaanz auffällig. Und vergewissere dich vorher, daß er zu Hause ist."

"Dürfte gehen. Und was erzähle ich ihm, wenn er mich fragt, warum ich mit Kameramann, Tonmann und Ausleuchthelfer angerückt bin?"

"Sag ihm einfach, du wüsstest es nicht genau. Irgendein freier Mitarbeiter hätte ein Porträt über Lokalpolitik geplant und bräuchte Archivmaterial zum Unterlegen seiner Texte."

"Klingt unglaubwürdig."

"Umso besser."

"Und dann?"

"Nichts 'und dann'. Jetzt. Jetzt gibst du mir einen Kuss und leierst die ganze Chose an. Wenn es gelaufen ist, besuch mich wieder. Und lass mir das Dossier hier. Da fällt mir ein - du hast doch eine Kopie?"

"Bin ich Anfängerin?" schnaubt sie.

"Wunderbar. Sag Egbert - und tu so, als sei es dir gerade eingefallen und eigentlich nicht von Bedeutung - sag ihm, daß du für diesen freien Mitarbeiter auch seine Bio recherchiert hättest. Er soll dir anhören, wie lästig dir das alles ist. 'Irgendso ein Kollege der schreibenden Zunft...' könntest du sagen, wenn er dich nach dem Namen fragt. Und 'Merkwürdig, daß er sich noch nicht mit Ihnen in Verbindung gesetzt hat. Na ja, diese Amateure...'. Gib ihm die Kopie seines Dossiers und bitte ihn, es bei Gelegenheit zu ergänzen. Euer Pressearchiv sei leider chronisch unterbesetzt und nicht auf dem neuesten Stand. Vergiss nicht, mir Zigaretten mitzubringen, wenn du wieder kommst."

Sie steht auf und streicht sich den Rock glatt.

"Und das heisst: adieu Furzfilmchen? Hello kritischer Journalismus?"

"So heisst das. Such dir schon mal einen aus, der dir in Zukunft den Kaffee kochen wird."

Das Egbert-Dossier ist schnell überflogen und wie erwartet weit oberflächlicher als die vom Bibliothekar gerafften Fakta. Das Stadtratsmitglied verdient sein Geld als Geschäftsführer einer Stiftung zur Förderung angehender Ökonomen; strebsame Mittelschichtsprösslinge, in deren Rücken nicht Vaters Verrechnungsscheck weich polstert. Ihnen finanziert die Stiftung Praktika im Ausland, organisiert Sprachkurse für Wirtschaftsfranzösisch und Menschenführung, vergibt Stipendien für besonders vielversprechende BWL-Studenten. Löbliches Unterfangen.

Egbert ist ehrgeizig, doch ein potentiell unsicherer Kantonist. In einem schwachen Moment traut man ihm die Wahrheit zu. Er besitzt die typischen Charakteristika von Hoffnungsträgern: Man unterstützt sie, weil ihnen Wählerstimmen zuströmen, man stutzt und feilt sie sich zurecht, man sammelt die Stimmen bei der nächsten Wahl ein, installiert den Hoffnungsträger kurzfristig an verantwortlicher Stelle und sägt ihn dann ab, um die gewöhnlichen alten Schlawiner in die Höhe der Macht zu liften. Der Hoffnungsträger, melancholisch geworden, was oft mit weise verwechselt wird, tingelt durch Talkshows und spielt die intellektuelle graue Eminenz seiner Partei. Arme Sau.

Pünktlich um eins verfinstert sich der Himmel. Ich höre eine CD, was meinem erschütterten Gehirn nicht gut bekommt, ich höre den heranrollenden Donner und warte auf den Blitz.

"Ich mache die Fenster zu." verkündet die Lernschwester, geräuschlos ist sie hereingekommen. Nein, bitte ich sie, offen lassen. Wieder allein. Das Fernsehprogramm ist die Strafe dafür, daß wir freitagsnachmittags fernsehen. Etwas lesen. Aber ich bin nicht richtig bei der Sache. Es ist nicht das Gewitter. Obwohl es eines von der hartnäckigen Sorte sein muss, das anschwellende, abklingende Drohen, endlos, nicht in einem gewaltigen Knall sterbend. Ich warte auf die Nacht - um zu rauchen; das auch. Um meinem Frau Doktor Geschichten zu erzählen, aber die von Petra und mir besser nicht.

Ich dürfte eingeschlafen sein. Ich erwache, schaue zu Uhr: viertel vor sechs. Fernseher an, Argentinien gegen Kroatien, 0:0, ein müder Kick, denn beide stehen bereits im Achtelfinale. Ausmachen.

Auch Joe schleppt sich auf seiner Webseite lustlos von der Beschreibung eines Fehlpasses zum nächsten. Er kramt in seinem Vorrat an fußballhistorischem Wissen, erinnert sich an die bis dato grausligste Weltmeisterschaft, 1978 in Argentinien, als nicht nur Deutschland gegen Österreich verlor, sondern die Gastgeber nach undurchsichtigen Operationen auch zum erstenmal Weltmeister wurden. Gegen Holland; das wenigstens ein Trost. Oder Maradonnas "Hand Gottes", 1986 in Mexiko. 82 in Spanien? Joe und ich wissen es nicht mehr so genau.

Über die Kroaten schimpft Joe, sie seien eine Truppe von Schwindlern und Tretern, man entsinne sich bloß der 96er Europameisterschaft, als sie unseren Klinsi ins Krankenhaus getreten haben und bei jeder zärtlichen deutschen Berührung den sterbenden Schwan gaben. Ich schicke Joe eine E-Mail und verweise auf die Tradition solch sportlichen Vandalismus und solcher Gaukelei. Schon im Dreißigjährigen Krieg waren die Kroaten gefürchtete Landsknechte, die bis in unsere Gegend hier vordrangen, sengten und plünderten, notzüchtigten und Blut soffen. Dem verwüsteten Landstrich hinterließen sich eine Vokabel für den Dialektwortschatz: Krumbier. Das heißt Kartoffel. Joe mailt zurück: "Very interesting. Wir sind uns also einig, daß Kroatien eine Abreibung verdient hat."

Zwei Minuten später fällt das 1:0 für Argentinien durch Battistuta, und Davor Suker, Kroatiens ganzer Stolz, wird mit gerissener Achillessehne vom Platz getragen.

Wieder eingeschlafen, durch einen Traum gejagt. Frau Doktor sitzt auf der Fensterbank vor funkelnder Schwärze, und jedesmal wenn es blitzt, brennt sich eine Korona um das frauliche Profil. Sie bewegt sich nicht. Jemand spricht, und das muss im Zweifelsfalle ich sein. Wo steht mein Bett? Am Fenster? In der Mitte des Zimmers. Was ich sage, beeindruckt sie nicht. Dann ist sie einfach weg. Mein Bett rollt zurück an die Wand. Und plötzlich explodiert mein Bein.

Sämtliches Blut meines Körpers kocht in seinen Bahnen, die Strömung erwehrt sich einer Gegenströmung, für einen Moment paralysieren sich beide, herrscht Stillstand, bevor der unheimliche Sog, den ein vampiröses Maul an einer Öffnung in meinem Bein ausgelöst hat, obsiegt und die Fließrichtung des Blutes umdreht. Ich schreie. Mein Herz schlägt nicht mehr, es ist ein einziger konstanter Trommelwirbel. Ich schreie, ich muß aufwachen. Ich muß aufwachen, ich schreie. Aber das ist kein Traum.

Info zu Werner Boskonz Egbert Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Gesine Krund Lehn Petra Malter Diana Weber
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Egbert
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