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6 Orpheus

"Nein" sagte Schorsch Lehn betrübt, "das mit den Lords geht einfach nicht voran." Er war dabei, Schildchen auf Bücherrücken zu kleben, in einer stillen Ecke seines Reiches. Einer lästigen Leseratte, welche die Zeichen nicht zu deuten vermocht und nach weiteren, eventuell über Fernleihe zu beschaffenden Charles-Dickens-Werke gefragt hatte, blies der Bibliothekar die schlechten Vibrationen entgegen:

"Jetzt gehst heim, Mädel, und liest den Oliver Twist. Wenn du den durch hast, bist in der Pubertät, und dann geht dir der Dickens sowieso am Arsch vorbei."

Lehn, man überhörte es nicht, war miserabler Laune.

"Diese Hundsköpfe" zischte es schließlich aus ihm, "nich ma einen winzigen Aufsatz über die Lords wollen sie drucken. 'Nicht von allgemeinem Interesse für eine Publikumszeitschrift'! Ja, wo leben wir denn! ICH behaupte, daß die Lords mehr für die deutsche Kultur getan haben als das verschissene Hochliteratentum da!" Er pfefferte das neueste Produkt eines gefeierten Romanciers auf das Resopal des Tisches. "There's one Lord for all your fucking Gruppe 47!"

Befindet sich der Bibliothekar, ansonsten eine Seele von Mensch, in solcher Stimmung, meidet man ihn besser. Seine Assistentinnen, die vorne am Tresen arbeiteten und ihren Vorgesetzten nur aus den Augenwinkeln zu beobachten wagten, wussten es und hatten die Ecke mit dem zürnenden Lehn vorübergehend zur Tabuzone erklärt, in die allenfalls ungenehme Kunden geschickt wurden. Überdies trug Schorsch heute seine hautenge schwarze Lederhose (die er nur anzog, wenn ihn Nostalgie und Weltenhass im Griff hatten) sowie ein weißes T-Shirt mit dem roten Schriftzug "I hate Pink Floyd". Also erzählte ich ihm, wie ich einmal bei einem Pink-Floyd-Konzert eingeschlafen war, und diese Nachricht heiterte ihn ein wenig auf.

"Könnte dir bei den Lords nicht passieren." behauptete er, "Das ist noch der urwüchsige Beat des Anfangs, das sind die Tage der Unschuld, bevor Bob Dylan partout den Intellektuellen rauskehren musste und al-les verdorben hat. Sogar die Beatles."

Ich nickte. Schorsch schob den Bücherstapel - "filigraner Bockmist!" - gewalttätig zur Seite.

"Und nun rede: Was willst du wissen? - Egbert, der Stadtrat und aufgehende Stern am politischen Himmel? Klar, hab ich genügend über den!"

In seinem Büro warf der Biograf den Laptop an, hieb auf der Tastatur den letzten Frust aus sich heraus und einige Codes in die Hardware hinein, schrie triumphierend: "Super Material!" Wandte sich zu mir, musterte mich von Kopf bis Fuß, meinte ironisch: "Komisch. Ich hab dich immer für einen brauchbaren Rechercheur gehalten, der weiss, wo die aussichtsreichsten Quellen sind. War wohl'n Irrtum."

Ich machte ein Rätselgesicht, und Lehn erläuterte.

"Weil es sich wie folgt verhält: Egbert ist bekanntlich Geschäftsführer der Richard-Meinhardt-Stiftung, nicht? Und wer war Richard Meinhardt?"

Ich hatte keinen Schimmer, sollte es aber erfahren.

"Richard Meinhardt, Unwissender, war der Kompagnon eines gewissen Arthur Dorsten, und beide bauten ein Imperium auf - na ja, son lüttes halt. Leider starb Meinhardt sehr jung. Um die Erinnerung an ihn wachzuhalten, hat Arthur Dorsten daraufhin die Stiftung gegründet, nach seinem betrauerten Ex-Kompagnon benannt und den Vorsitz im Stiftungsrat übernommen. Als nun die Löffelabgabe auch bei Dorsten fällig war, schrammte nicht nur die Knete in die Taschen des lachenden Erben, sondern auch der Posten im Rat der Stiftung. Besagter Filius heisst Walter Dorsten und ist, unter anderem, stiller Teilhaber des Wegwerfblättchens Maxmarkt, für welches du - entsinne dich - die Ehre hast, Arbeit vorzutäuschen. Was läge also näher, als direkt diesen Walter Dorsten anzugehen und ihm die wirklich interessanten Facts aus dem Kreuz zu leiern? Was ich habe, sollst du gerne getrost nach Hause tragen. S ist die übliche Lobhudelei, das nichtssagende biografische Gerüst. Hast du übrigens gewusst, daß in 'Poor Boy' ein arger Fehler steckt? Dort heisst es nämlich: 'My mother learned me to say' statt 'teached me to'. Ach, unschuldige Zeiten!"

An diesem Morgen stellte ich mir Egbert zum erstenmal mit entblößtem Hinterteil auf einem Bettlaken vor. Zu früh, gewiss. Ich wusste gar nichts, doch ein Bild gewann langsam an Kontur. Dorsten, der phlegmatische Idealist, hatte sich gegen seine Natur in eine Sache eingeschaltet, deren wahrer Kern nur drei Personen aufgehen konnte: mir, der Person, die die Fotos geschickt hatte - und dem Mann, dessen welke Pracht auf diesen Fotos abgebildet war. Es wurde Zeit, der unbekannten Person die Feder aus dem Allerwertesten zu ziehen und ihr damit die Fußsohlen zu kitzeln.

 

Walter Dorsten Egbert Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Lehn
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Egbert
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