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Die ersten Monate eines Jahres sind im Allgemeinen Ruhephasen für rasende Reporter. Du verbringst sie im Bett oder träge am Schreibtisch, bekümmert über den Verdienstausfall und bemüht, Themen aufzureissen, die ihre schiere Überflüssigkeit zwar auch weiterhin nicht leugnen können, im Rahmen eines akuten Notjournalismus als unverächtliches Zeilenvieh aber hoch geschätzt werden. 2000 Jahre Christentum, ein seit zirka 50 Jahren hochgeschätztes Sujet, zum Beispiel, oder "Ortsvorsteher des Landkreises", wenn einem wirklich gar nichts mehr einfällt.

"Die Richard-Meinhard-Stiftung" warf ich Meinsell den Brocken vor, "wär doch mal was. Okay?"

Der Redakteur nickte, denn auch er wusste um die Kümmerlichkeit der Tage, an denen kein Kaninchenzuchtverein Pressemitteilungen verschickt, keine Kuh doppelköpfigen Nachwuchs kalbt und kein Rowdie Zigarettenautomaten knackt, weil es einfach zu kalt ist, im Freien zu arbeiten.

"Mach da mal. Klasse Idee. Dir ist ja bekannt, daß unser Freund Dorsten dort den Stiftungsvorsitzenden mimt?"

"Selbstverständlich. Und Egbert führt die Geschäfte. Mann mit Zukunft, der."

"Genau."

Eigentlich war das Thema wirklich kein Lückenfüller. Es bot sich an, hatte Perspektive, würde, so Meinsell, "dem Dorsten Honig um den Bart schmieren und ihn für dich einnehmen. Du könntest das brauchen."

Tja, mein Lieber, exakt das galt es herauszufinden.

Anruf bei Dorsten. He was not amused. Eigentlich nichts dagegen einzuwenden - "aber, weisst du, wir wirken lieber aktiv, das heisst: Wir arbeiten mit den Universitäten zusammen und suchen gemeinsam förderungswürdige Kandidaten aus. Wenn nun in der Zeitung steht, oha, da gibt’s diese Stiftung, werden wir mit Bewerbungen nur so zugeworfen. Das ist nicht in unserem Sinne. Schade. Toller Einfall."

"Verstehe. Mach ich halt ein Portrait über euren Herrn Egbert und erwähne seinen Arbeitsplatz nur neutral am Rande. Plane überhaupt eine Reihe 'Entscheidungsträger von morgen'."

Dorsten wurde nervös. "Hm, hm. Sollte man sich genau überlegen. Wegen des Proporzes. Und wieso 'Entscheidungsträger von morgen'? Nimmt das nicht schon einen gewissermaßen demokratischen Prozess vorweg? Sind es nicht die Gremien der Parteien und letztendlich natürlich die Wähler, denen es zufällt zu bestimmen, welches die 'Entscheidungsträger von morgen' sein sollen? Pikant, K.O. Ich werde mal mit Egbert darüber reden. Tolle Idee, an sich. Zweifellos. Und du würdest das sicher ganz prima schreiben. Ich melde mich dann bei dir."

Den Hörer auflegen und vor Freude laut schreien.

März, der Matschmonat, März, als der Regen nicht aufhörte, uns den Tag zur halben Nacht zu machen. Ich besuchte Wollheim, verharrte wie ein treuer Hund neben den Zeitschriften, trank meinen Kaffee, beobachtete die Mittwochnachmittags-Gesellschaft der fremdzüngigen Mädchen, ich sah Dianas Auto und Dianas Kopf, hörte ihre Stimme "Wir telefonieren" flüstern.

An einem besonders verregneten Mittwoch folgte dem bekannten Wagen ein zweiter, nicht weniger bekannter. Ich verabschiedete mich früher als sonst von Wollheim, überquerte die Straße und ging durch das Tor auf den Schulhof. Mieses Gefühl. Regennass, und wenn du runterschaust spiegelt sich deine Visage vexiert in den Pfützen eines Ortes, der dir fünfundzwanzig Jahre lang sogar als Ort für einen Albtraum zu makaber war.

Die beiden Autos standen nebeneinander, ich wartete und hoffte, daß die Besitzerinnen nicht gleichzeitig aus dem Gebäude kommen würden. Es war, bei Petras effizienter Arbeitsweise, allerdings kaum anzunehmen.

Sie verließ den Bau nach einer knappen Dreiviertelstunde, das Tonbandgerät an einem Lederriemen über der linken Schulter, energischen Schritts. Stutzte, als sie mich sah, lachte dann und zeigte mir den Vogel.

"Spionierst du mir nach?" fragte sie eher amüsiert als ärgerlich, besann sich aber sofort ihrer Kenntnisse des kleinen Einmaleins der logischen Schlussfolgerungen und rief aus: "Ha! Heute ist Mittwoch, da hat der Herr seinen jour fixe bei Zeitschriftenhändlers!"

Wir stiegen in Petras Auto.

"Ganz nette Frau, deine Frau Weber." trällerte es aus der Fahrerin. "Ich mache ein Hörfunk-Feature über Aussiedlerkinder und brauche etwas O-Ton. Herrlich, wie die Mädels das R so slawisch-sinnlich rollen!"

"Mit anderen Worten" beendete ich mein Schweigen, "du horchst die jungen Damen aus. Ins Vertrauen einschleichen, die Zungen ölen, eifrig im Gedächtnis mitstenografieren. So was lernt man doch in euren Volontariaten."

Sie drehte mir ein schelmisches rechtes Auge zu, das wachsame linke blieb auf der Fahrbahn.

"Du bist mir ein Rätsel, K.O. Jemand findet heraus, daß in der Wohnung einer älteren, alleinstehenden Frau fünf Schlafzimmer mit Teddybären eingerichtet sind, in einer Wohnung, die sich schräg gegenüber vom Gymnasium befindet. Und dieser Jemand - ein Journalist, wohlgemerkt! - ist unfähig, den naheliegendsten aller Schlüsse zu ziehen. Woher kommen die Mädchen für die Schlafzimmer, wenn nicht von der Schule?"

"Und du - ebenfalls Journalistin, eine verdammt gute dazu - sitzt gleich zwei Irrtümern auf. Erster: Für die fünf Schlafzimmer gibt es eine nachvollziehbare psychologische Begründung, die du ja selbst durch deine Hamburger Recherchier-Episode abgesichert hast. Zweites: Wie hätte Frau Siebenlist, so sie tatsächlich eine Puffmutter gewesen wäre, die Mädchen dazu bringen können, sich zu prostituieren? Und sich unsichtbar unsichtbaren Freiern hingeben, ohne dass jemals ein Sterbenswörtchen an die Öffentlichkeit gelangt wäre. Mit jungen Frauen gefüllte Schulzimmer gelten gemeinhin nicht als die Örtlichkeiten, an denen sich ein Geheimnis länger als zwei Minuten hält. Und, Punkt b von 2: Warum ausgerechnet die Russenmädchen? Slawische Morallücken? Ein klitzekleines bisschen unbewusster Rassismus?"

Petra machte ein resignierendes "Ph" gegen die Windschutzsscheibe.

"Man muss irgendwo anfangen. Außerdem, selbst wenn alles Spekulation bleibt, hab ich immer noch das Feature. Wie kommst DU eigentlich über die Saure-Gurken-Zeit?"

Sie fuhr den Wagen vor ihre Wohnung, wir beiden stiegen die Stufen wie ein Ehepaar hinauf, das von seiner Arbeit kommt und sich auf die Tagesschau freut. Pizza wurde bestellt, Petra kramte in ihrem Plattenfundus nach etwas, das sie 'Fickmusik' zu nennen pflegt: dünnpfiffiger Soul aus den Siebzigern, ein gemischter Chor stöhnt den Takt.

"Wir haben übrigens von dir gesprochen." sagte die kauende Petra.

"Ach ja? Wer wir?"

"Frau Weber und ich. Es gäbe da einen Kollegen vom Maxmarkt, der auch an Aussiedlerkindern interessiert sei."

"Biest! Und was hat sie gesagt?"

"Das höre man gern. Aufmerksamkeit könne man nie genug bekommen. Woher kennst du sie eigentlich?"

"Klassenkameradin."

"Hattet ihr was miteinander?"

Ich räumte die leeren Teller ab und stellte den Boiler in der Küche an.

"Wenn du jetzt anfängst zu spülen, kastriere ich dich." Und wiederholte: "Hattet ihr was miteinander?"

"Ja."

"Hm. Muss ein sehr hübsches Mädchen gewesen sein."

Um acht hatte sie mich mit ihrem Plastiksoul so weit, das Spiel Deutschland - Brasilien zu vergessen. Es wurde um halb neun angepfiffen, als wir gerade die erste Halbzeit hinter uns hatten. Meine Zunge dribbelte über den Rasen und trug den Ball ins Tor. Jubel. Einundzwanzigfünfzehn: Auch Brasilien führte 1:0. Wir agierten in der Schlussminute, mir gelang der Ausgleich. Jubel. "Verlängerung" verlangte Petra. Golden Goal, Sudden Death. Zigarette.

"Und du liebst sie noch immer.": eine Feststellung.

Ich drehte das Radio an.

"Ehrt dich. Treue."

Ich schaute auf die Uhr.

"Bin mal gespannt, wie das mit uns aussieht in fünfundzwanzig Jahren."

1:2. Wir hatten verloren.

 

Fortsetzung folgt

Walter Dorsten Egbert Karl-Olaf Horst Petra Malter Meinsell Diana Weber
Walter Dorsten
Egbert
Karl-Olaf Horst
Petra Malter
Meinsell
Heidemarie Siebenlist
Diana Weber

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