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Während ich mir überlegte, worüber mit Diana zu reden wäre, da doch die drei wichtigsten Stoffe ausgeklammert waren, werkelte Petra fleissig an ihrem Feature. Wir sahen uns regelmäßig an den Freitagen, unsere Beziehung hatte einen Punkt erreicht, an dem die Rituale Gewohnheiten werden und alles entweder ins Scheitern oder vor das Standesamt driftete. Das eine galt es aus hormonellen, das andere aus prinzipiellen Gründen zu verhindern.

Es war ihr tatsächlich gelungen, Kontakt zu ein paar Mädchen herzustellen, die unter Dianas Anleitung die Finessen der deutschen Sprache büffelten, um sie sich bei der Lektüre diverser Jugend- und Modeblätter abzugewöhnen.

"Hübsche, intelligente Mädchen" lobte Pera. Sie hatte ein Quartett zu Kaffee und Kuchen eingeladen, und obwohl ich nicht dabei war, konnte ich mir Petra doch im Kreise der Mädchen vorstellen, wie die anfängliche Professionalität der taffen Journalistin nach und nach zum Gluckenhaften mutierte, man am Ende mit Küsschen links / Küsschen rechts einen Weiberbund schmiedete, bereit, einander jeglichen geheimen Gedanken mitzuteilen. Womit sich der Kreis schloss: Aus dem Benehmen der Henne wird wieder die Nüchternheit des Beruflichen. Petra würde erfahren, was keine sonst, die nicht in Kasachstan oder am Wolgastrand geboren war, erfahren durfte.

"Das Problem" stellte Petra fest "ist oberflächlich betrachtet banal. Sie möchten konsumieren, aber sie haben kein Geld. Darunter liegt eine Ebene der sozialen Verwerfungen. Die Kinder, sie besonders, haben Heimweh. Andererseits haben sie das Schicksal unterdrückter Minderheiten erlitten. Sie sind also gerne ausgewandert - und mit Schmerzen. Hier bürgert man sie ein - und sie bleiben Fremde. Sie schließen sich zu Gangs zusammen, aus purer Ratlosigkeit. Sie sondern sich ab, weil sie nicht sein können wie die anderen. Das ist ein Scheisszustand, K.O."

Nach drei Wochen war die Journalistin überzeugt, keines IHRER Mädchen habe den Körper als Mittel zur Geldbeschaffung eingesetzt oder tendiere dazu, die bitterste Lektion des Kapitalismus zu lernen. Bei den Jungs, an die sie nicht herankam, sei eine gewisse Neigung zur schnellen Mark nicht auszuschließen. Man erzählte sich von Sonja, einer Achtzehnjährigen, die noch am Tage ihrer Volljährigkeit von ihrem ebenfalls russlanddeutschen Freund in ein Etablissement verbracht worden war, wo sie seither unter dem nom de guerre "Natasha" anschaffen geht.

"Eben" kommentierte ich. "Wen es wirklich trifft, der gerät nicht unter die Fittiche einer Frau Siebenlist, die einen Privatpuff unterhält. Minderjährige? Mein Gott, sei nicht naiv! Geh zum Bahnhof, guck dir an, wie das läuft."

Petra winkte ab. "Das interessiert mich sowieso nicht mehr. Ich habe mit Diana (Diana?) gesprochen und vielleicht ziehen wir eine Aktion durch, 'Lehrstellen für Russlanddeutsche'. Die finden nämlich so gut wie nie eine."

Ich nahm sie in den Arm. "Du bist einfach zu gut für diesen Job."

"Wäre wohl besser Sozialarbeiterin geworden, was?" fauchte sie.

Langsam und bedrohlich schlich sich Ordnung in mein Leben. Mittwoch war Wollheimtag, der Freitag gehörte Petra, und an den Donnerstagen würde ich Diana im Sonnberger treffen. Dachte ich wirklich so? Nicht auszuschließen. In den Tagen zwischen dem Anruf und unserer Begegnung im Café wurde ich ein Mann ohne Vergangenheit. Es hätte nicht viel gefehlt, es mir schmackhaft zu machen, eine geregelte Arbeit zu suchen, einen Wecker anzuschaffen, meine Wohnung aufzuräumen, einen Bausparvertrag abzuschließen. Übler Selbstbetrug, mein Lieber.

Mittwoch. Wollheim hatte sein Sortiment um Spezialpapier für Computerdrucker erweitert und erwog, auch ins Diskettengeschäft einzusteigen.

"Machen Sie das nicht." riet ich ihm. "Der ganze Firlefanz ist nur von kurzer Dauer. Spätestens in fünf Jahren kaufen sich die Leute wieder Schreibmaschinen, und in zehn macht der den großen Reibach, der sich das Monopol auf Füllfederhalter gesichert hat."

"Meinen Sie wirklich? Ich würds begrüßen - aber der Fortschritt..."

"Ha, der Fortschritt! Ich glaube an die Urknalltheorie, auch und vor allem in der Zivilisationsgeschichte. Das Universum der nützlichen Erfindungen dehnt sich aus, bis es zum Gleichgewicht von Expansions- und Widerstandsenergie kommt. Ab dann, bester Herr Wollheim, schnurrt das Universum des technischen Fortschritts zusammen. Das neueste geht als erstes zugrunde: der digitale Humbug. Dann die Transistoren, anschließend die komplexe Mechanik."

"Und am Ende?"

"Steintafel und Faustkeil. Hieroglyphen. Irgendwann schlagen sie einen tot, der sich drüber mokiert, daß die Räder viereckig sind."

"Hört sich schön an. Nur, was für eine Widerstandsenergie soll das sein, die, wenn ich Sie richtig verstanden habe, die Kräfte des Fortschritts überwindet?"

Ich klopfte mir mit der Faust aufs Herz: "Hier. Die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach uns selbst. Als der Mensch gelernt hatte, Feuer zu machen, verbrannte ein Stück seiner Identität."

So redete ich. So bescheuert war ich.

Karl-Olaf Horst Petra Malter Diana Weber Herr Wollheim
Karl-Olaf Horst
Petra Malter
Heidemarie Siebenlist
Diana Weber
Herr Wollheim

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