33/54

"Wird zur Angewohnheit, hä?"

Was ist los?

"Die Ärztin, die ihren Patienten zurück im Leben begrüßt."

Verstehe kein Wort.

"Einfach die Lider auseinander reissen. Nur Mut!"

Frau Doktor, mein Engel im weissen Kittel, kleine rosa Perlen an den Ohrläppchen.

"Muß eingeschlafen sein. Tschuldigung."

"Schön geträumt?"

"Beschissen."

"Logisch. Sie haben von Freitagabend an im künstlichen Koma gelegen. Intensivstation. Heute ist Montag."

"Sie sind eine verdammte Lügnerin."

"So, so." Sie stellt meinen Laptop an, am rechten Rand des Bildschirms blinken Datum und Uhrzeit.

"Lügt auch, ja? Hab ich umprogrammiert, was?"

Ich richte mich auf.

"Heute haben Sie, glaube ich, die spannendere Geschichte zu erzählen, Frau Doktor."

"Nur wenn Sie nicht mehr Frau Doktor zu mir sagen. Sachlich falsch. Gesine - und beim Siezen bleiben wir. Einverstanden?"

"Ge-sine, Ge-sine, Ge-sine." übe ich. "Sie haben mir also drei Tage gestohlen."

"Wird ja immer schöner."

"Erklären Sie mir, was passiert ist?"

Eben; der Knackpunkt. Eigentlich ist die Sache unerklärlich. Am frühen Freitagabend durchschneiden entsetzliche Schreie die blaue Stunde, und diese Schreie kommen aus meinem Zimmer.

"Ich hatte eben meinen Dienst angetreten, war nicht mal umgezogen. Sie lagen da und waren verrückt vor Schmerzen. Durch den Schlauch strömten Mengen von Blut in den Beutel. Hörte sich schrecklich an, wie Ausquetschen. Das hätte nicht sein dürfen. Als würden Sie die Limo nicht mit einem Strohhalm trinken, sondern hätten einen veritablen Feuerwehrschlauch parat."

Die Pumpleistung lässt sich regulieren, "bei Ihnen war Intervallaktivität auf unterstem Niveau geschaltet. Alle halbe Stunde wurde aus einer begrenzten Zone Blut abgesaugt, wobei uns ihr Blut herzlich wenig interessiert hat, vielmehr das Zeugs, das drin rum schwimmt. Von der ganzen Affaire dürften sich nichts bemerkt haben. Bis Freitagabend."

Der Apparat wird sofort abgestellt, Gesine fühlt meinen Puls, kommt aber mit dem Zählen nicht mehr nach.

"Sie hatten einen Schock. Ihr Organismus, Ihr Kreislauf insbesondere, hat vor lauter Schiss die Kurve nicht mehr gekriegt. Sozusagen. Ich hab Ihnen eine Beruhigungsspritze gesetzt, aber die Werte sind kritisch geblieben. Hinzu kam, daß wir befürchten mussten, durch Ihre unkontrollierten Bewegungen hätte die Fixierung der gebrochenen Knochen Schaden genommen, wenn nicht noch Schlimmeres. Ohne Umstände den Gips ab, geröntgt. Glücklicherweise hatte sich nichts zum Nachteil verändert. Der Blutverlust? Nebensächlich. Darüber lacht jeder Blutspender. Aber Ihr Schockzustand und die Schmerzen halt, und das schaukelt sich natürlich gegenseitig hoch. Ab nach Intensiv. Künstliches Koma, künstliche Ernährung. Heute morgen waren Ihre Werte wieder normal, Sie konnten zurück."

So normal, daß ich zum Fenster schiele und Gesine - wieso trägt sie heute eigentlich Ohrringe? - skeptisch den Kopf schüttelt.

"Damit warten wir noch ein Weilchen. Dass Sie mir bloß nicht denken, ich hätte nichts anderes zu tun als mit Ihnen zu rauchen! Überhaupt mutmaße ich, Sie wollen nur ablenken. Wie konnte die Pumpe so verrückt spielen? Haben Sie eine Erklärung?"

Ich? "Technischer Defekt? Darf ich auf ein vernünftiges Schmerzensgeld hoffen?"

Sie setzt sich auf die Bettkante, bleckt die Zähne.

"Tja. Das Gerät funktioniert einwandfrei. Die - sagen wir mal Fehlfunktion beruhte auf manueller Intervention."

Manueller Intervention! "Sie können aber Fremdwörter, Gesine!"

"Mir ist nicht zum Scherzen!" (Und genauso sieht sie jetzt auch aus: sehr bestimmt, ernst.) "Ich setz mal voraus, daß SIE nicht an der Apparatur herumgefummelt haben. Dazu besitzen Sie überdies wohl kaum die technischen Kenntnisse. Um die Pumpleistung zu verändern, bedarf es einer bestimmten, simultan einzugebenden Kombination von Schritten. Interessieren Sie die technischen Details?"

Technik hat mich noch nie interessiert. "Ich bin der vorbildliche User, Gesine. Sobald was Zicken macht, kreische ich laut um Hilfe."

"Wie laut Sie kreischen können, weiss man ja seit Freitag. Also? Any ideas?"

"Die Lernschwester?" tippe ich unsicher.

"Lassen Sie das arme Ding aus dem Spiel. Die wechselt kein Handtuch ohne schriftliche Anweisung in dreifacher Ausfertigung."

"Ein gelinde neben der Kappe angesiedelter Patient?"

"WIr sind hier nicht die Klapsmühle. Aber ich merk schon: Sie lenken ab."

Natürlich kann ich ihr jetzt nicht gestehen, daß ich sie gerne küssen würde. Nein, hängen wir den Kasus erosmäßig tiefer: Ihre Haut spüren, Ihr Haar auf meiner Stirn, meinen Wangen, das komplette Programm halt. Steht mir das nicht sogar zu? Hab ich nicht im Koma gelegen und ein Anrecht, behutsam zu den schönen Dingen des Lebens zurückgeleitet zu werden? - Nein, Sie würde behaupten, es sei nur ein besonders dreistes Ablenkungsmanöver.

"Das ist ja dreist! Für wen halten Sie sich eigentlich, HERR Horst? Und für wen halten Sie mich?"

"Es tut mir leid." (stark zerknirscht) "Ich wollte es nicht sagen. Kommen Sie später wieder her? Meine Geschichte geht weiter. Zigaretten müssen Sie allerdings mitbringen."

"Ich bin ein hartes Stück. Mir verheimlicht man auf Dauer nichts. Haben Sie Hunger? Soll ich Ihnen was bringen lassen?"

Siedendheiss überläuft es mich. "Montag haben wir? Acht Uhr? Sind wir weiter?"

Schon in der Tür sagt sie: "Verdammter Fußball. Aber damit Sie beruhigt sind: Ja. Viertelfinale."

Gesine öffnet das Fenster und verscheucht die Rauchwolken. Zweieinhalb Stunden habe ich geredet, sie hat zugehört.

"In dieser Nacht -." - winkt ab. "Das ist selbstverständlich Ihre Privatsache. Oder hat es etwas mit der Geschichte zu tun?"

"In dieser Nacht haben zwei Menschen Ihren Rausch ausgeschlafen. Nebeneinander in einem Bett. Wissen Sie, schon früher gab es Schwierigkeiten, wenn Diana ihre Likörchen getrunken hatte. Sie konnte ordinär werden - das totale Umdrehen der Persönlichkeit durch Alkoholgenuss, und dann fielen ihr auf einmal Witze ein, die sie überhaupt nicht kannte.

Es hat sich übrigens herausgestellt, daß wir an diesem Donnerstag keine zwanzig Meter Luftlinie voneinander entfernt uns den Verstand ausgewaschen haben. Ich kenne Diana: Der Wirt hat es sicherlich nicht leicht gehabt, sie aus seinem Lokal hinaus zu komplimentieren. Warum Sie nicht gleich nachhaus gefahren ist? Warum bin ich nicht gleich nachhaus gegangen? Ich hab ihr die Schuhe ausgezogen, sie hatte einen Weinkrampf. Ich hab Ihr alles andere ausgezogen, bis auf die Unterwäsche, versteht sich, und sie in einen meiner Pygamas gepackt. Wir waren beide müde. Lagen nebeneinander, und für fünf Minuten haben wir ehrlich geredet. Fünf Minuten lang uns nicht angelogen, uns nicht aus dem Weg gegangen."

"Das leere Stück? Ich meine - hat Sie Ihnen gesagt, was damals geschehn ist? Wer..."

"Warten Sies ab. Ich konnte mir meinen Teil zusammenreimen. Sie zog einen Zeitungsbericht aus Ihrer Handtasche, 14. Mai 1997. "Lobenswerte Aktion für Aussiedler" - das übliche Lokalberichtsgebabbel. Mit einem Foto, Diana und die Ihren vor einer Schultafel, auf der groß und unverkennbar in Dianas Handschrift 'fahre - fuhr - führe' stand. 'Hier' greint sie, 'schau dirs an. Eine fröhliche, zufriedene Frau. Was fällt dir auf?' Die Haare, Gesine, die Haare. Die waren schwarz, die glänzten so, wie ich es immer in Erinnerung hatte. 'Ein paar Wochen danach war ich grau. Über Nacht grau.'"

Ich schlucke und zünde mir die nächste Zigarette an.

"Und?" Sie tut es mir nach.

"Sie ist eingeschlafen. 'Wir hätten uns Briefe schreiben sollen' hat sie noch gesagt, und mein 'Ja' konnte sie schon nicht mehr hören. Am Morgen? Na, ich als Freiberufler... Langschläfer. Und sie ist fort. Ich hab sie nie mehr wieder gesehen."

 

Karl-Olaf Horst Gesine Krund Diana Weber
Karl-Olaf Horst
Gesine Krund
Diana Weber

Folge 32 Hauptseite Folge 34