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Das Haus der Webers steht in einem Neubaugebiet am Stadtrand, wo die Straßen Blumen-, Dichter- und Musikernamen tragen. Propperes Eigenheim mit den Accessoires bürgerlichen Luxus hinter gestutzten Hecken, Kamine an den Aussenwänden für offenes Feuer im Wohnzimmer, demonstrativ hochgemauert und fein geplättelt, Miniaturhäuschen im Garten fürs Brennholz, Scheit auf Scheit geschichtet und gewiss so stabil wie die ägyptischen Pyramiden und die chinesische Mauer.

Ich hatte den Bus genommen und lief das letzte Stück, von wütenden Heckenhunden zornig bekläfft. Vor dem Haus parkte eine Flotte dienstlich dreinblickender Wagen und spätestens jetzt wurde mir klar, daß ich nichts weiter sein würde als einer der Gaffer, die vor dem Tor zusammen standen und verbissen diskutierten. Ich gesellte mich zu ihnen.

Die Gerüchte gingen von Mund zu Mund und wurden dabei immer abenteuerlicheren Metamorphosen unterzogen. Einbruchsvarianten wurden konstruiert und verworfen, das Wort "Familientragödie" subsummierte eine Reihe rasch erinnerter Details. Nett und unauffällig habe das wohlbestallte Paar gelebt. Zurückgezogen? Jedenfalls kinderlos und ohne die nervigen Grillparties im sommerlichen Garten. Er ein Liebhaber von Obstbäumen, Zwergobstbäumen, präzisierte eine Dame im lindgründen Freizeitanzug, ja, Äpfel zumeist, auch ein Birnbaum, der aber selten Früchte getragen habe. "Weil er ihn falsch geschnitten hat. Im März! Viel zu spät!"

Streit? Alles hoffte auf den direkten Nachbarn als Ohrenzeugen, der aber nichts bemerkt zu haben vorgab. "Das wäre aber wichtig! Das müsste man aussagen!" Nun ja, in letzter Zeit sporadisch. Sporadisch was? Wortwechsel. Wortwechsel? Der engagierten Art eben. Ein Intellektueller, kein Zweifel, dieser Nachbar. Gestritten? Könnte man das gestritten nennen? Dem Nachbarn wurde es zuviel, die Variante "Doppelmord" respektive "Mord plus Kidnapping" kam ins Gespräch. Oder sei Frau Weber ganz einfach verreist, und es habe nur noch keiner mitgekriegt? Verreist war ein prima Stichwort. Wohin denn? Verwandte, Freunde, zum Seitensprung. Also DAS doch keinesfalls. Oder, recht überlegt, gerade doch.

Ein Kamerateam postierte sich unweit der Gruppe, man verfluchte die Lichtverhältnisse, und eine Hilfskraft spannte zwei runde Reflektoren, die den letzten Rest Sonne bündeln, auf die Szenerie werfen sollten. Den Typen mit dem Mikro kannte ich nicht. Das hier war MORD, Schätzchen. Kapitalverbrechen, kein Backrezept. Kein Umgang für zarte Mädchen. Petra hatte Redaktionsdienst, und ich fragte mich, wie sie sich jetzt fühlen mochte. Ihr Kollege, den Kameramann im Kreuz, kam näher, die Nachbarn verstummten und beteten, irgend jemand zu Hause wäre geistesgegenwärtig genug, den Videorecorder beim Ansichtigwerden der vertrauten Visagen einzuschalten. "Mensch, wird doch erst am Montag gesendet! Is doch nicht live!" Ich entfernte mich zügig, keine Lust auf Interviews.

Wieder daheim. Petras Stimme auf dem Anrufbeantworter, erzählte, was ich schon wusste. Sie beschrieb ihre Verfassung als miserabel und bat um Rückruf. Ich wählte die Redaktionsnummer.

"Das darf doch nicht wahr sein." stöhnte sie. "Sie war lieb. Kommst du am Montag zur Pressekonferenz ins Polizeipräsidium?"

Die Wahrheit, liebe Gesine, die Wahrheit war unglaublich banal: Ich wusste alles. Es lief von Anfang an als ein Film in meinem Kopf, aber ich hatte nicht hingeschaut. Und falls ich doch hingeschaut haben sollte, war ich nicht bei der Sache. Jetzt starrte ich gebannt auf die Leinwand, auch das ein Resultat der psychischen Inversion.

Zurück zur Pressekonferenz. Ich wollte nicht hin. Ganz instinktiv: Da hältst du dich raus. Aber ich musste. Am Montagmorgen telefonierte ich mit Meinsell, teilte ihm mit, der Fall Weber sei mein Fall. Meinsell stotterte sich Onomatopoetisches zusammen, nahm einen beherzten Anlauf:

"Das geht nicht, K.O."

"Was geht nicht?"

"Du bist involviert."

Woher er das wisse.

"Dorsten hat mich gestern abend angerufen. Zu Hause, während der Tagesschau. Er will nicht, daß du dich um den Fall Weber kümmerst, und er hat verdammt recht. Sollte es denn stimmen, daß du die Frau kennst, und zwar besser als wir beide uns zum Beispiel kennen --- Und löchere mich nicht damit, woher Dorsten das weiss, ich hab keine Ahnung. Wenn also - oh, verflucht, K.O., dann geht es eben nicht."

Ich überlegte und blies den Rauch meiner Zigarette in die Sprechmuschel. Leider musste Meinsell nicht husten.

"Bist du noch dran, K.O.?"

"Ja. Und ich denke nach."

"Da gibt es nichts nachzudenken. Wir schicken eine Praktikantin. Die Eilerts hat Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt recht -."

"Wenn wir uns jetzt gegenüber säßen, würde ich dir in die Fresse hauen."

"Wir beenden das Gespräch wohl besser. Leg dich ins Bett und reg dich ab. Unter uns: Du überschätzt dich."

"Die Konferenz ist um halb elf, ja? Und jetzt haben wir neun? Schick deine Kommunikationswissenschaftlerin noch nicht los. In einer halben Stunde ruft dich Dorsten an und wird wünschen, daß ich berichte."

"Bist du sicher?"

"Ja."

"Na schön. Halb zehn."

Ich ließ die Körperpflege ausfallen. Dass ich aus dem Mund roch, würde mir von Vorteil sein, daß mein Bart nicht gestutzt, meine Augen nicht erfrischt, nicht vom Rotz befreit waren - desgleichen. Klamotten an und weg.

Zwanzig Minuten später hatte ich Dorstens Büro erreicht. Ein wunderbar restauriertes Geschäftshaus in der Fußgängerzone, drei Stockwerke mit großzügigen Räumlichkeiten, die ein fähiger Innenarchitekt zu "Job And Living Landscapes" gemodelt hatte, wofür man ihn an den Eiern aus dem Fenster hängen sollte. Von hier aus dirigiert Dorsten das provinzielle Imperium seiner karikativen und kulturmäzenatischen Aktivitäten, vermehrt die Zins- und Spekulationsgewinne aus Festgeldern und Aktienpaketen, dem Grundstock seines Lebenszwecks, den sein Alter flott mit Hilfe der sozialen Marktwirtschaft aus der Arbeitskraft seiner abhängig Beschäftigten gepresst hatte.

Im Vorzimmer saß eine hübsche Sekretärin, natürlich, trank aus einem "Mein Chef kann mich mal ... zum Diktat rufen"-Kaffeebecher, betrachtete den hübschen Bildschirmschoner im hübschen Monitor und grummelte, als ich an ihr vorbeigehen wollte: "Hübsch hiergeblieben." Ich ging weiter, öffnete die Tür zu Dorstens Büro. Er fläzte sich im Sessel, setzte sich erschrocken in die Arbeitgeberposition, wollte etwas sagen, aber kam nicht mehr dazu. Ich hatte ihn an der Unterlippe erwischt, er kippte samt Designerstuhl nach hinten und war vorerst auf dem Teppichboden mit der Rückgewinnung eines klaren Verstandes beschäftigt.

Die Sekretärin in der Tür schrie auf: so leise, als wolle sie sich selber nicht wecken.

"Schon in Ordnung, Gabi." stöhnte Dorsten, sich am Schreibtisch hochziehend. "Ich Dödel hab auf meinem Stuhl geschaukelt und bin umgekippt. Mach die Tür hinter dir zu."

Er blutete aus der angeschwollenen Lippe, richtete seinen Stuhl auf und setzte sich. Ich gab ihm ein Taschentuch.

"Und? Warum?"

"Wenn du das erst fragen musst, bist du noch dümmer als angenommen. Ich fang jetzt auch nicht das große Reden an. Ich muss zur Pressekonferenz, sag Meinsell bescheid."

Er hatte sich inzwischen an seinem Schreibtisch wie an normalen Tagen etabliert, das Papiertaschentuch auf die Lippe tupfend, gut sah er aus.

"Lass ihn in Ruhe." sagte er bedächtig. "Lauf nicht Amok. Er hat nichts Unrechtes getan."

"Interessiert mich nicht. Von wem redest du überhaupt?"

Das irritierte ihn. Seinem Gesicht war anzusehen, daß hinter der Stirn ein Häuflein Eventualitäten sortiert und auf seine Beschaffenheit abgeklopft wurde. Eine blieb schließlich übrig und wollte auf zivilisiertem Niveau ausgesprochen werden.

"Begabte Leute wie du werden gesucht. Internet. Die Technik ist da, auch Leute, die sie beherrschen. Was fehlt, sich die Inhalte. Textgestaltung. Nie Lust gehabt, da mal einzusteigen? Ich kenne einen Haufen Leute, die Webseiten planen, aber nicht schreiben können."

"Ich kenne einen Haufen Leute, die für ein bestimmtes Foto wunderbar Schecks ausschreiben könnten."

Dorsten biss sich vor Enttäuschung über soviel Tanz ums Goldene Kalb beinahe auf die geschundene Unterlippe.

"Ach so. Wieviel?"

"Einszwanzig Zeilengeld. Hundert Zeilen, macht hundertzwanzig. Sprich: Zwanzig Päckchen Zigaretten und ein hastiges Mittagessen im Karstadt."

"Nichts darüber hinaus?"

"Ruf an."

Er griff zum Hörer.

 

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