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Sollte ich, nebenbei, jemals das künstliche Koma zum Jungbrunnen hochgejubelt haben, so sei heute, nach zwei Tagen wacher Wiederteilnahme am Leben, ergänzt: Jungbrunnen durchaus - aber verflucht vorübergehend. Die, so der Dichter, bleierne Müdigkeit der Montagnacht hält sich über den Dienstag, an dem erst am Abend dank argentinisch-englischer Kickerei Vitalität aus der Entfernung grüßt. Mit Spannung erwartet, entpuppt sich das Spiel als beinharter Langeweiler. Joe rettet sich politisch-philosophisch schwadronierend über 120 trostlose Minuten, der Mann steckt in der Klemme. Er kann sich einfach nicht entscheiden, wer nun im Falklandkrieg die Guten und die Bösen waren. Militärdiktatur versus Thatcherismus: Joe wägt ab und befindet, hier sei eine Wahrheit ebenso wenig greifbar wie taktisch durchdachtes Spiel auf dem französischen Rasen. Der junge Owen, ein freches Bürschlein, gefällt ihm ausnehmend gut. Und er auch ist es, der das entscheidende Tor im fälligen Elfmeterschießen erzielt. In Anbetracht des bisherigen Pechs der Insulaner bei Elfmeterschießen ein Ergebnis, mit dem man leben könne, zumal der Thatcherismus seit längerem passé sei. Am 4. Juli kommt es folglich zum Klassiker England gegen Deutschland.

Gesine, die gegen halb zwölf erscheint, müde wirkt und auch durch einen erzählten Mord nicht munterer wird, mokiert sich über meine Gewalttätigkeit. Wie schwer denn Dorsten getroffen worden sei? Warum hat sie Mitleid mit dem Kerl? Gerade schwer genug, antworte ich, eine abgebremste Gerade auf die Lippe, sieht spektakulärer aus als es ist und macht keinen Zahnarzt froh.

"Sie schlagen den Esel und meinen den Reiter. Dem Egbert weichen sie aus."

So könne man das nicht sagen. Kipp zuerst den Bauern, die Türme, die Läufer vom Brett, dann attackiere den König."

"Sie vergessen die Dame."

Die Dame - ja. Auf der sehr unergiebigen Pressekonferenz - Meinsell hatte die Praktikantin sicherheitshalber doch geschickt - gab es nichts außer den bereits durchgesickerten Fakten. Der Aufenthaltsort von Diana Weber sei weiterhin unbekannt. Ihre Spur verliere sich am Abend des Mordvortages, eine Beziehungstat könne nicht ausgeschlossen werden.

In dieser Nacht schlafe ich schlecht. Die Ärztin hat mir zwei Tabletten dagelassen, und wahrscheinlich schlafe ich deshalb nicht ein, weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich die Pillen nehmen oder es mir verkneifen soll. Schließlich schlucke ich sie, schlafe aber trotzdem nicht ein. Zum erstenmal plagt mich die Schwüle, und am Morgen klebe ich in meinem Schweiss. Den Absauger hat man entfernt, doch merkwürdig: Mir fehlt etwas ohne das Ding. Ich glaube nicht, daß sie den Apparat weggenommen, den Schlauch aus dem Bein gezogen hätten, wäre der Zwischenfall nicht gewesen. Ergo: Die Gefahr, daß mein Blut vergiftet wird, besteht noch. Jedenfalls theoretisch. Solche depperten Gedanken im Morgengrauen. Depperte Angst.

Die Visite dauert nur drei Minuten und bringt ausser der Mitteilung, mein Gehirn gelte medizinischerseits nicht mehr als erschüttert, die zwischen Chefarzt und Oberschwester ausgetauschte Nachricht, Frau Krund habe angeregt, das nach Boskonzens Ableben verwaiste Bett neu zu belegen. Muss ihr das ausreden. Der Tross ist keine fünf Minuten aus dem Zimmer, als die Lernschwester mit frischem Bettzeug hereinschneit und mich ohne Vorwarnung zu einem "Herrn Dörfler" beglückwünscht, dem netten Herrn aus Zimmer 23, der dort mit einem siechen Ex-Landwirt nicht zurecht komme und um Verlegung gebeten habe. "Immer gesprächig, da geht die Zeit viel schneller vorbei." Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und schlafe ein.

Mittwochnacht. Am Nachmittag hat mich die "Geschichte des Folkrock" recht angenehm unterhalten, ein sperriges Buch in Din A4, das mir Petra besorgt hat. Sie kann nur auf einen Sprung - "Trabbel im Landtag. Alles okay? Da, hast du was zu lesen." -, ihr Gesicht glänzt rot, die Haare sind nass, Rock und Bluse zerknittert.

"Komm nicht zum Bügeln. Morgen is Redaktionskonferenz. Aber übermorgen bin ich da; versprochen. Gegen Abend. Wiedersehen."

Ich drücke ihre Oberarme: "Ja, gut, übermorgen. Und dann sag ich dir was."

Die Lernschwester hat das Bett ab- und ihre Glückwünsche zurückgezogen. Der Ex-Landwirt ist gestorben, und Dörfler, endlich stressfrei, bleibt in Zimmer 23. Hochsommer sei keine gute Zeit für Krankenhäuser, berichtet die Kleine, das habe sie festgestellt.

"Wir sind so was von unterbelegt. Wenn wirn Hotel wären, wärn wir glaub ich pleite."

Zu aggressiver Fernsehwerbung rät der Medienfachmann, Kranksein als Freizeitbedürfnis. Sie meint aber, für Innovationen sei das ganze System viel zu vertrottelt und hat wahrscheinlich recht.

"Oh, Mensch, bin ich müde!" Gesine gähnt und streckt sich. "Mehr als ne halbe Stunde hab ich nicht. Schade, daß das nicht geklappt hat. Ein Zimmergenosse ist zwar keine Sicherheitsgarantie, aber -."

"Tun Sie mir den Gefallen und setzen sich nicht mehr für so was ein?"

"Sie sind wohl lieber tot als gesprächig. Son netter Bettnachbar, vielleicht einer, der nicht viel redet."

"Gibts nicht. Menschen in Krankenhäusern wähnen sich in Talkshows ohne Sendeschluss. Wenn einer fünf Minuten das Maul hält, ist er entweder entlassen oder tot."

"Tot. Also ich hab Sie gestern richtig verstanden? Sie sind ein anderer geworden? Zielgerichtet. Geradlinig. Es reicht Ihnen. Sie klären den Fall zügig auf."

"Dem Dorsten eins in die Fresse zu hauen - es mag Sie berechtigterweise schockiert haben - war der Auftakt. Der Rächer betritt die Bühne. Zorro oder so was."

 

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