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Wollheim handelte nun doch mit Disketten, Farbkatuschen und sonstigem PC-Zubehör. Er hatte extra ein Eckchen in seinem Laden freigemacht und schraubte an einem schmalen Regal. "Wie Sie sehen, will ich es doch mit den neuen Technik auf meine alten Tage probieren." sagte er entschuldigend und deutete zur Theke. "Könnten Sie mir den grünen Kreuzschrauber geben? Nein, nein, danke, bin gleich fertig."

Ruhig wars, noch hell draußen, erste Wärme. Mit hübschen deutschrussischen Zeitschriftenkäuferinnen konnte nicht gerechnet werden, das Gymnasium beherbergte an diesem und künftigen Mittwochnachmittagen einen VHS-Kurs, aber keine Deutschklasse.

"Erwarten Sie von mir keine Erklärungen der menschlichen Psyche, lieber Herr Horst." sprach schweratmend der Händler / Handwerker und schüttete ein Döschen Portionsmilch in seinen Kaffee. "Je genauer Sie sie kennen, desto gewisser kommt es Ihnen vor, daß sie mit keinem Regelwerk zu konfektionieren ist. Ich bin nun jenseits der Siebzig. Mein Leben lang habe ich - früher mehr, später weniger - geglaubt, es ließe sich die Natur des Menschen mit Hilfe seines Verstandes zumindest erklären. Von 'bändigen' oder 'beherrschen' habe ich nicht lange geträumt. Mitte der Fünfziger war ich Lehrer. Heute würde man sagen: ein engagierter, damals schimpfte man so einen wie mich einen Idealisten, was gleichbedeutend war mit Kommunist. Der Grundfehler des Kommunismus ist es, daß er die Natur ignoriert. Macht er dann die Erfahrung, daß sie tatsächlich existiert, will er sie beherrschen. Beherrscht er sie, ist er ihr schon unterlegen. Anders verhält es sich mit dem Kapitalismus. Der Kapitalismus verkauft uns die Natur des Menschen als seinen Verstand. Sie wird nicht mehr beherrscht, sondern herrscht. Je rationaler wir aber handeln, desto radikaler befreit sich die Natur von den Regeln und kehrt zu ihren Ursprüngen zurück: fressen und überleben wollen, sich fortpflanzen."

"Und wie verhält es sich in Wahrheit?"

"Weiss nicht. Die Natur nennen wir Psyche, aber das ist falsch. Die Psyche ist die Handlangerin der Natur und das Feigenblatt des rationalen Denkens. Das heisst: Auch das rationale Denken ist Natur... Aber entschuldigen Sie: Ich plappere das so raus. Ich habe wirklich keine Ahnung, über was ich rede, und merke es immer dann, wenn alles unlogisch wird. Ich bin Pessimist, wissen Sie. Der Frau Weber, gebe Gott, daß sie noch lebt, wünsche ich alles Gute. Gerechtigkeit gibt es nicht, also mag sie sich irgendwo zu Tode leben, wie wir alle das tun. Noch Kaffee?"

Wollheim hatte sich ein Buch mit den Grundbegriffen der Computertechnologie gekauft, um auf die Wünsche seiner Kundschaft mit adäquatem Vokabular eingehen zu können. Der Vertreter, ein besonders gewiefter Zunftgenosse, wollte ihn auch zum Handel mit Software überreden, CD-Roms, die - ihm, Wollheim, sage man damit nichts Neues - in bälde das gedruckte Wort ablösen würden. Wollheim musste gestehen, weder Software noch CD-Rom selbst in den gröbsten Zügen definieren zu können, aber an das Ende des Buches glaube er keinesfalls.

"Das Buch wird bleiben. Vielleicht, eines Tages, bloß noch, weil das in ihm gespeicherte Wissen begrenzt und überholt ist. Was sehr tröstlich sein wird. Nur sagen Sie das mal einem Vertreter."

Unsere Gespräche segelten über leicht bewegten Meeren. Es war kein Land in Sicht, man müsste ertrinken und tief sinken, um festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Die Wohnung oben? Endlich von einer entfernten Verwandten, der letzten Trägerin Siebenlistschen Blutes, aufgelöst. Ich fragte mich, was die Gute mit fünf Schlafzimmern anfangen würde.

"Ach, ich bin ja auch hin und her gerissen, ob ich noch mal vermieten soll. Der Vertreter übrigens hat etwas von einem 'Internet Café' gefaselt und von Renditen in zweistelliger Höhe. Hab gar nicht mehr richtig zugehört. Alle halten sie mich für verrückt, daß ich mein Kapital quasi in Frührente geschickt hab und nicht mich in Spätrente." Er griente und wischte sich mit dem Taschentuch über den sabbernden Mund. "Aber muss man immer von etwas profitieren? Wenn Wohnungsnot wäre, ja dann."

Seine Frau habe Geld mit in die Ehe gebracht; erleichtert vieles. Immer gut vorgesorgt. "Als die Frau vor elf Jahren gestorben ist, habe ich dieses Haus vom Geld der Lebensversicherung gekauft. Verrückt, was? Über sechzig schon, keine Nachkommen. Aber ich schlafe, arbeite und lebe lieber in meinem Geld als es auf der Bank zu lassen."

Wir führten noch ein Gespräch über Füllfederhalter. Wollheim lamentierte über die Unzuverlässigkeit heutiger Modelle, die Achillesferse, so ausgedrückt, sei natürlich die Verbindung zwischen Tintenpatrone und Federspitze.

"Temperaturschwankungen etwa führen zu Verstopfungen. Tinte trocknet ein, klumpt. Ich werde narrisch, wenn Leute die selben Füllfederhalter mit sich führen, die sie auch daheim benutzen. Stellen Sie sich das vor: drinnen warme 20 Grad plus, draussen kalte 10 minus. Kein Wunder. Aber auch generell die Herstellung heutzutage. Der Preisdruck. Massenfertigung, und fragen Sie mich nicht, wieviel Kinderarbeit da drin steckt. Die teuren sind auch nicht besser. Vogelscheuchen in Ballkleidern."

 

Karl-Olaf Horst Herr Wollheim
Karl-Olaf Horst
Herr Wollheim

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