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Fünfmal gibt es Donnerstagnacht Hektik auf dem Flur. Rennen, Türenschlagen, das Quietschen rollender Betten, Verbales zwischen Wispern und Schrei. So eine schöne, anheimelnde Nacht eigentlich. Eine Gewitterfront ist durchgezogen, ein polternder, in seiner Rage ehrlicher Berserker, dessen Furioso jetzt nur noch für gelegentliche Aufhellungen am Horizont taugt. Merklich abgekühlt, nicht mehr so schwül.

Zwischen Hektik Nummer zwei und drei kommt Gesine, schiebt mich schnell ans Fenster, wirft ein Päckchen Zigaretten auf die Bettdecke und verschwindet wieder. Nach Hektik Nummer drei stürzt sie ins Zimmer, nimmt mir die Zigarette aus dem Mund, zieht zweimal kräftig an, steckt die Kippe zurück und ist weg. Ganz in weiss heute, sehr hübsch.

Die Tage sind Alltag geworden. Schwester Benedikta scheucht mich frühmorgens aus dem ersten Schlaf, schiebt mir ein Thermometer ins Maul, das sie fünf Minuten später, wenn sie das Waschzeug bringt, mir zu öffnen befiehlt und den Stab herauszieht. Blick auf die Quecksilberlinie und Eintrag in den Temperaturspiegel. Habe ich das Waschen erledigt, bekomme ich Frühstück. Danach schlafen bis zum Mittagessen, zweimal die Woche vom fahrenden Volk der Ärzte, Studenten und Schwestern gestört, die mich visitieren und sich auf Latein unterhalten. Lesen, Musik hören nach dem Essen, auch Besuche im Internet. Norwegen hat Italien hinweg gefegt, Joe ist beeindruckt und unkt, das sei sein persönlicher Geheimtip fürs Finale, schon wegen des kriminellen Potentials in der Mannschaft. Nigeria? Knapp gegen die Dänen gewonnen. Naja, die Dänen. Nächstes Spiel gegen Brasilien, das dürfte das Ende sein für Afrikas Träume.

Meistens gönne ich mir nachmittags die zweite Hälfte Schlaf. Lasse den Kaffee ausfallen, verschiebe auch die Verrichtung der Geschäfte auf die Zeit nach dem Abendessen, das man hier kurz vor sechs serviert. Lesen, Musik hören und warten. Die Nikotinsucht habe ich tagsüber im Griff, um ihr abends und nachts hemmungslos zu verfallen. So vergehen die Tage - ach ja, Petras Besuche noch.

Und die Nächte? Ohne Gesines Anwesenheit bestehen sie aus Rauchen und Dösen, Sinnieren und Erinnern. Es ist schon nach drei, als sie endlich, entsetzlich blass, ihren Platz auf der Bettkante einnimmt und in Ruhe eine rauchen darf. Dunkel im Zimmer, wir begnügen uns mit der natürlichen Beleuchtung. Ich habe mir - auch solche Dinge müssen erwähnt werden, auch wenn sie einem nicht zur Ehre gereichen - ich habe mir vorhin überlegt, wie es rein technisch hinzukriegen wäre, mit Gesine zu schlafen. Sie müsste nach oben. Und die Beine mächtig spreizen, denn der Gips ist dick, meine Beine laufen wie die längeren Seiten eines spitzen Dreiecks auseinander. Es wäre aber machbar. Rein technisch. Wir wollen es aber vorläufig dabei bewenden lassen.

"Ich werde aus Ihnen nicht schlau." sagt sie unerwartet und matt. "Sie spielen ein Spiel mit hohem Risiko - und es scheint Sie nicht zu kümmern. Immerhin hat eine Zeitlang Mordverdacht gegen Sie bestanden, obwohl in der Presse darüber nie etwas verlautet ist."

"In der Presse? Woher wissen Sie das? Haben Sie etwa...?"

"türlich! Wie soll denn ein armes einsames Luder wie ich sonst seine Freizeit rumbringen!"

"Suchen Sie sich einen Mann."

"Ich spreche jetzt von sinnvollen Beschäftigungen. Und ausserdem habe ich einen - na, wenigstens aufgesucht."

"Ich ahne Schlimmes. Den stets auskunftsfreudigen Herrn Bibliothekar!"

"Wirklich ein seltsamer Mensch. Dass ich mich für Sechziger-Jahre-Beatmusik begeistern kann, hat er mir nicht abgekauft; sondern erstmal examiniert. Schande, oh Schande! Ich kannte nicht einmal die Small Faces!"

"Wer kennt die schon."

"Konnte aber einiges dadurch wettmachen, daß ich meine persönlichen Daten für sein biografisches Archiv komplettiert habe. Und dann hat er mich bereitwillig IHRE Bio einsehen lassen. Beeindruckend."

"Daran ist nichts beeindruckend, abgesehen vom paradigmatischen Lebenslauf eines Versagers, den sie wahrscheinlich nirgendwo sonst so nett präsentiert kriegen."

"Sie kokettieren. Viele wären froh, so leben zu können wie Sie."

"Sie auch?"

Antwortet nicht, gibt mir aber einen Stupps auf die Nasenspitze.

"Erzählen Sie lieber weiter. Sie ergreifen fortan die Initiative, ja? Die Nebel lichten sich, die Geschichte steuert ihrem dramatischen Höhepunkt zu."

*

Obwohl die Ermittlungen nie über den Stand des ersten Tages hinauskamen, veränderte der Fall Weber doch so mancherlei. Es blieb der Phantasie des Betrachters überlassen, Diana für ein Opfer oder die Täterin zu halten, eine dritte Möglichkeit gab es nicht. Sah man in ihr ein Opfer, dessen Leiche noch nicht aufgefunden war, lag "die Vermutung nahe, daß sie von der Gewalt vernichtet worden ist, die sie bekämpft hat" (um aus meinem großen Artikel zu zitieren). Brandmarkte man sie hingegen als Täterin, dann - ich zitiere mich ein zweitesmal - "wäre sie ein Beispiel für die beunruhigende These, daß Gewaltlosigkeit nur das Privileg derjenigen ist, die keine Gewalt auszuüben brauchen, solange sie sich anders zu helfen in der Lage sind".

Im Namen ihres Vereins schrieb Frau Fänz-Ullert einen begeisterten Leserbrief. Der Autor habe eindringlich geschildert, wo man bei der Suche nach Tatmotiv und Tätern fündig werden könne. Nein, sie rede nicht der Kollektivschuld das Wort. "Doch ein paar von der sie ständig berieselnden Musik irregeleitete arme Geister könnten zum Zwecke des Rachenehmens in das Anwesen der unglücklichen Familie Weber eingebrochen sein, den Hausherrn erschlagen und Frau Weber -" Hier raubte ihr reges Phantasieren sämtliche Worte.

Auch Conny Kuntze, Inhaber des für einschlägige Töne bekannten "CD-Shops" raffte sich zu einem Leserbrief auf, in dem er den vertrackt philosophischen Satz von der Gewaltlosigkeit als Konsequenz fehlender Notwendigkeit zur Gewaltausübung dahingehend auslegte, "dass diese 'Damen' mit ihrem Pazifismus doch nur ihre Aggressionen abreagieren wollen, indem sie andere der Aggression bezichtigen. Wir Death Metal Fans können keiner Fliege etwas zu leide tun, und warum nicht? Weil wir uns bei unserer Musik abreagieren! Ich frage mich jetzt aber, wobei reagieren sich die 'Damen' ab? Beim Männertotschlagen? Der Autor hat jedenfalls recht: Wenn sies mit Argumenten nicht mehr regeln können, greifen sie zu Steinen oder was weiss ich."

Dies optisch zu unterstreichen, wurden die Aussenwände des Gebäudes, in dem das Büro der Jugendschützerinnen untergebracht war, mit Hakenkreuzen und griffigen Slogans verunziert. Tags darauf ging spät nachts die Fensterscheibe von "Kuntze's CD-Shop" zu Bruch.

Sei es durch die Leserbriefe oder eine zweite, genauere Lektüre meines Artikels: Jedenfalls geschah es schließlich, daß diejenigen, die bisher nur den ersten Satz der Kernaussage zur Kenntnis genommen und als Hinweis auf die Schuld der Metaller ausgelegt hatten, auch den zweiten Satz rezipierten. Und wer aus der These des zweiten Satzes die Überzeugung abgeleitet hatte, wohltätige Damen neigten zur Gewalt, wenn kein anderes Mittel gegeben war, der las nun staunend den ersten Satz. Und beide schrieben erneut Leserbriefe.

"Der unverantwortliche Autor" - oh, Frau Fänz-Ullert wusste, wie man schon mit einer starken Einleitung vernichten konnte! - der unverantwortliche Autor sei in dem Bestreben, etwas Gescheit-Abstraktes zu verfassen, weit über das Ziel hinaus geschossen. "Sind denn Menschen, die sich zum Pazifismus, zur Kultur des Miteinanders bekennen, automatisch verkappte Totschläger? Was wird hier diskreditiert und, vor allem, von wem zu welchem Zweck?"

Weniger Frage- denn Ausrufezeichen verschwendete Conny Kuntze: "Wenn so ein Schreiberling behauptet, wir hätten mit dem Mord auch nur das Geringste zu tun, sollte er sich vorsorglich nach einer guten Krankenhaustagegeldversicherung umschauen. Bis dann, Bruder!"

Egbert, der unermüdliche Moderator zwischen den Fronten, schaltete sich ein und organisierte eine "Diskussionsrunde". Ich war nicht eingeladen, ja, man hatte mich gar zur "persona non grata" (Fänz-Ullert) respektive zum "Knieficker" (Kuntze) erklärt. Es gelang dem eloquenten Politiker schließlich, die Streitparteien zwar nicht zu versöhnen, jedoch einen Waffenstillstand auszuhandeln. Eine "Arbeitsgemeinschaft" wurde gegründet, mit Vertretern beider Gruppen paritätisch bestückt und von Egbert geschickt geleitet. Abbau von Vorurteilen durch gemeinsames Nachdenken - Toleranz als oberste Richtschnur gesellschaftsrelevanten Handelns - Abrücken von der Absolutierung eigener Positionen - schlicht: Es war zum Kotzen und hatte Erfolg.

Schievers freute sich: "Wir sind im Gespräch! Alles wartet auf deinen Kommentar, K.O.! Die überregionale Presse - der Spiegel! - hat den Fall aufgegriffen! Schreib! Gib ihnen Saures! Prügel Sie! Hau den Egbert in die Pfanne! Scheiss auf Dorsten! - Oder besser noch: Nimm alles positiv! Wie ein Artikel im Maxmarkt die Streithähne an einen Tisch gebracht hat! Die aggressionsabbauende Kraft des geschriebenen Worts! - Oder, am besten: Lass die Sache auf sich beruhen. Ich habe keinen Bock, mir die Bude überm Kopf anzünden zu lassen oder dass mir die Inserate abgezogen werden."

 

Egbert Karl-Olaf Horst Gesine Krund Lehn Petra Malter Wilfried Schiever Diana Weber Herr Weber
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