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Das Frühjahr steckte alles in sein kitschiges Gewand. Bäume schlugen aus, und Vögel priesen die bunte wuchernde Natur; Jugendliche frönten nach Feierabend ungestört der rhythmischen Menschenverachtung, und die Damen des Jugendschutzvereins plädierten für Zweisprachigkeit in Kindergärten. Keine Rutschpartien mehr, keine Lawinen von überlasteten Dächern. Harmonie.

Immer häufiger erschien in der Zeitung Egberts Foto - nein, nicht DAS. Es zeigte einen entspannt lächelnden Mann, dem man zutraute, hinter solch buddhistischer Ruhe rotiere ein Gedankendynamo zum Wohle der Allgemeinheit. Sein Blick drehte sich scheinbar wie selbstverständlich über den Horizont der unmittelbaren Gegenwart hinaus und musterte dort wohlgefällig Visionen. In der Kunst, das Viele und das Nichts als die Seiten einer Münze zu polieren, hatte Egbert seine natürliche Begabung zum rhetorischen Werkzeug gefeilt. Er verschwieg nichts und ließ vieles offen.

Ich hatte Schievers Rat, den Streit zwischen Death-Metal-Fans und den Damen nicht mehr zu kommentieren, befolgt. Die Sache schlief ein. Diana tauchte nicht auf, die Polizei tappte in dem ihr wohlvertrauten Dunkeln. Anfang Mai, als so das Leben seinen normalen Gang ging, meldete ich mich mit einem Artikel über "Schuld und Sühne" zu Wort, dessen Inhalt von unglaublicher, aber gewollter Flachheit war, aber drei weit über diese Ebene hinausragende Gipfelsätze enthielt. Sie lauteten: "Wenn wir von Schuld reden, meinen wir ein kompliziertes Geflecht aus Ursachen und Wirkungen. Es ist, als habe uns das Schicksal mit einer Pfauenfeder am Hintern gekitzelt und plötzlich bäume sich der ganze Körper auf, liefe Amok und vernichte alles, was ihm entgegensteht. Wer ist schuld? - das Schicksal, die Feder, der Hintern, die Nerven, die Muskeln, die Unglücklichen, die den Weg des entfesselten Körpers kreuzen?"

Eine Woche darauf fand ich in meinem Briefkasten eine Einladung zur jährlichen Maiparty der Robert-Meinhardt-Stiftung. Der mit beneidenswert löchrigem Gedächtnis gesegnete Dorsten erkundigte sich höchstselbst, ob ich an der Lustbarkeit als "persönlicher Gast der Geschäftsführung" teilnehmen wolle, und seine joviale Telefonstimme ließ keinen Zweifel daran, daß eine blutige Lippe zu den Vergänglichkeiten des Lebens gehörte, denen kein Ehrenplatz im Panteon der Erinnerung gebührt.

Zu erfahren, es sei mir ein besonderes Vergnügen, endlich einmal den sagenhaften Herrn Egbert in einem Gespräch ausloten zu dürfen, stürzte Dorsten in Verlegenheit. "Ja." antwortete er. "Franz freut sich auch.", doch eine Stimme flüsterte ihm ein: Was meint er damit? Wieso freut er sich? Welche Fragen wird er ihm stellen?

"Nein, wirklich, kein Schmu. Ich freue mich wirklich." So tun, als zerreisse es mich vor Freude. "Ich weiss zwar noch sehr wenig über ihn, halte ihn aber nicht unbedingt für eines dieser Arschgesichter, die man sonst..."

"Okay, okay" haspelte Dorsten. "Dann wärs ja klar. Bis dann." und legte auf.

Manchmal schwitzt einer selbst wenn die Heizung ausgefallen ist. Die in den Räumen der Richard-Meinhardt-Stiftung bollerte tiefwinterlich. Ich setzte mich an die Peripherie des Gestühls, bezupfte die Hose meines Anzugs (Krawattenzwang!) und erging mich in flüchtigen Studien postmoderner Architektur und mittelständischer Physignomien. Von den anwesenden Zelebritäten kannte ich nur die wenigsten; ihnen allen eigen war das geneigte Desinteresse, mit dem sie die öde Abfolge von Grußworten und Referaten über sich ergehen ließen. Zu jedem Mann gab es die passende Frau, und keine, die nicht den Kopf leicht zur Schulter hin gelegt hätte, was - ich vermute mal - ein sicheres Zeichen für Konzentration sein muss, als lausche man verträumt und gebannt auf die letzten Frequenzen der verhallenden Worte.

Egbert, der die Eröffnungsrede gehalten hatte - eine seltsam farblose Eloge auf die Erneuerungskräfte des deutschen Unternehmertums -, saß zwischen Dorsten und einer zur japanischen Maske geschminkten Frau. Ihr streichelte er mehrmals zärtlich über die Hand, eine Geste, die in diesen Kreisen öffentlich nur der Ehefrau widerfahren darf. Frau Egberts Gesicht und Dekolleté machten den Eindruck, hier seien eine Unmenge Fünfmarkstücke zur Oberflächenkonservierung in Solarien verbraten worden. Aber - vergiss bitte nicht, wo du bist, Alter - wahrscheinlich hielt man sich im Egbertschen Domizil die Sonnenbank gleich neben der finnischen Sauna im Keller. Ich kam an diesem Abend auch ohne sie auf meine Kosten.

Endlich neigte sich die Tortur ihrem Abschluss und Höhepunkt zu. Fünf gescheitelte Musterknaben wurden auf die Bühne gebeten und nahmen Urkunden in Empfang, die mit großzügigen Stipendien verbunden waren. Meine Kleidung kratzte auf der Haut - daran bin ich gewöhnt, und es hat sicherlich etwas mit dem Säuregehalt der austretenden Körpersäfte zu tun, auch eine Menge mit engen, schlechtsitzenden Stoffen, aber mehr noch mit der Aussicht auf einige unendliche Stunden am kaltwarmen Büffet im Nebensaal (dort hantierten emsig die Mietsubalternen), dem unvermeidlichen Sektorange und den Leuten, die dich ansprechen, weil sie keinen anderen finden, mit dem sie reden könnten. Sie fragen dich alle nach "der Branche", und ich hatte mir eine Legende zurecht gelegt, der zu Folge ich in "High Tech Advertising" machen würde, meine Visitenkarte aber daheim vergessen hätte.

Der gesellige Teil der Veranstaltung. "Thüringische Wurstspezialitäten", Lachsbrötchen mit Zwiebelringen, Kartoffelsalat mit Petersilie, Gürkchen und Ei. Ich spießte ein Würstchen von meinem Teller und biss ihm die Enden ab, sollte das Fett nur aufs Parkett tropfen. Senf. Sie hatten nirgendwo Senf.

"Senf fehlt, gelt?" Er hätte auch "Der deutsche Unternehmer stellt sich den Herausforderungen der Globalisierung." sagen können. Und fuhr fort: "Aber perfekt ist nichts und niemand."

Wir suchten Deckung hinter Blumenkübeln und standen unter dem massiv gerahmten Porträt Richard Meinhardts, der so blauäugig die Szenerie überschaute, daß ich mir das Lachen verkneifen musste.

"Gefällt es Ihnen hier?" Egbert trank von seinem Sektorange und liess mich dabei nicht aus den Augen. Ich sah, wie seine Frau mit Dorsten sprach, ein-, zweimal in unsere Richtung schielte und bestrebt war, ihr Dauerlächeln davor zu bewahren, ein Muskelkrampf zu werden.

"Doch, doch. Ich verstehe zwar nichts von der Materie, aber ich nehme an, diese Veranstaltung wird dem deutschen Unternehmer die notwendigen Impulse verleihen."

Er lachte hell. "Sie sind tatsächlich so ein Ironiker, wie es Ihre Texte suggerieren. Ich mag Ironie, kann sie mir aber nicht leisten. Im übrigen sollte man die Verpackung nie mit dem Inhalt verwechseln. Und kein Buch nach seinem Schutzumschlag beurteilen."

"Und keine Situation nach ihrer Abbildung."

Er sah mich scharf an; ganz kurz nur. Lachte wieder. "Jetzt kommen wir ins Philosophische. Die Wirklichkeit und das Bild, das wir uns von ihr machen und dann Wirklichkeit nennen. Plato, Höhlengleichnis."

"Mögen Sie Philosophie?"

"Nein, ehrlich gesagt. Ich mache mir gerne Gedanken. Aber sie führen zu nichts. Das könnten ja, hoffe ich, die besten Gedanken sein."

"Sie reden wie ein Bekannter von mir. Ein Zeitschriftenhändler, der früher Lehrer war."

Er trank einen großen Schluck. "Ach ja? Nun, da wir uns kennengelernt haben, sollten wir den Kontakt nicht abreißen lassen. Auch habe ich gehört, Sie tragen sich mit dem Gedanken, eventuell einen Text über mich zu schreiben? Das schmeichelt meiner Eitelkeit."

Ich trank einen großen Schluck. "Muss es nicht. Mit dem Gedanken gehe ich wirklich schwanger, wie man so sagt. Leider gibt es Schwierigkeiten. Ich könnte mir sogar vorstellen - aber das bleibt unter uns -, daß ich ein ganzes Buch über Menschen schreibe, die von Berufswegen nicht sagen dürfen was sie denken."

"Menschen, die mir lieber sind als solche, die nur denken was sie sagen."

"Ich stimme Ihnen zu. Keine abgedroschenen Lebensläufe, sondern die Betonung der Diskrepanz zwischen dem Gesagten und dem Gedachten, dem Gelebten und dem nur Vorgelebten."

Wir redeten schon viel zu lange, und Dorsten machte Zeichen, deutete auf einen korpulenten Herrn, dessen Blick suchend durch den Saal schweifte.

"Wir sollten uns ausführlicher darüber unterhalten, Herr Horst. Es wäre mir - ein großes Bedürfnis. Dürfte ich mir erlauben, Sie zu einem kleinen privaten Abendessen einzuladen? Am Wochenende. Lauter interessante Leute, eine lose Gruppe unabhängiger Geister." (Der gemalte Meinhardt sollte bei dieser Formulierung eigentlich seine blauen Augen mit Tränenwasser füllen.)

"Sehr gerne."

"Das freut mich. Mein Sekretariat wird Ihnen den genauen Termin durchgeben. Es ist immer ein wahrer Akt, bis man solche Menschen zusammen bekommt."

Wir traten aus unserem Halbversteck und gaben uns die Hand.

Egbert hatte seine Rolle vollendet gespielt, mit der Routine eines Akteurs, der solche Posen nicht mehr vor dem Spiegel einstudieren muss. Ich fand ihn weder sympathisch noch unsympathisch. Er war ein Schauspieler und durfte nicht nach dem Part beurteilt werden, den er auf der Bühne deklamiert hatte. Über ihn selbst wusste ich wenig, und was für ihn sprach, sprach gleichzeitig gegen ihn: seine Frau.

Ihr nämlich gehorchten nur wenige Masken, und eine jede wollte umständlich ab- und aufgesetzt werden. Während des Maskenwechsels war das Gesicht nackt, die Schminke Schminke, nichts verbarg, daß etwas verborgen werden sollte. Ich mochte die Frau und hielt Egbert zugute, daß sie ihn mochte. Ich nahm ihm übel, daß sie leiden musste, um ihn zu mögen.

Früh aufgebrochen, keinem fiel es auf. Mein Freund, der Bibliothekar, blätterte in Verlagskatalogen und pfiff sich eins ob des feinen Zwirns, in dem ich sein Büro betrat.

"Oh, Empfang gehabt, was?"

Die Egbert? Lehn stellte den Computer beiseite und klopfte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe.

"HIER drin, mein Bester, die Dame. Birgit Egbert, geborene Wanz, Der Elektromarkt in der Arndtgasse. 'Kaufen bei Wanz bringt Kundendienst ganz'. Mir unerklärlich, wie man mit solchem Hirnriss reüssieren kann. Man tuts aber. Die Geschäfte führt der Bruder, sie hat wohl eine Abfindung eingestrichen oder ist am Gewinn beteiligt. Keinen Schimmer, wie reiche Leute das so halten. In diesen Familien ist das Geld über Generationen fruchtbar gewesen, da hat kein Krieg jemals was geändert. Die Birgit - und jetzt kommts - ist diplomierte Bibliothekarin und hat, als ich noch jung war und unerfahren, bei mir Praktikum gemacht. Is 37 oder so, hat ne neunjährige Tochter und ein Lyrikbändchen herausgegeben. Vergriffen - das ist das Positivste, was man über Bücher von Bibliothekaren sagen kann, wenn sie nicht gerade von den Lords handeln. Weisst du: Manchmal ist Geld ein Fluch. Die Birgit hätte gerne als Bibliothekarin gearbeitet, denk ich mal. Aber scheint sich in der Familie nicht zu gehören, daß man lohnabhängig ist. Frag mich nicht."

Zwei Tage später rief mich Egberts Sekretärin an und lud mich zum Abendessen ein. Nicht bei ihr, versteht sich.

 

Walter Dorsten Egbert Karl-Olaf Horst Lehn Wilfried Schiever Herr Wollheim
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Egbert
Karl-Olaf Horst
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Wilfried Schiever
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