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Egberts bewohnen ein altes, auf Authentizität getrimmtes Bauernhaus, dessen Einrichtung die ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts mit den letzten des zwanzigsten versöhnt. Aus hellen Hölzern ist das Mobiliar geschreinert worden, Antiquitäten neben perfekten Nachahmungen, dazwischen Tische und Regalelemente aus Leichtmetall / Glas als Inseln der Ernüchterung. An den Wänden hängt die Kunstgeschichte exemplarisch ab: Dürers Hase in Pop Art, ein großformatiges Delacroix-Poster (die stolze Siegesgöttin mit der einen entblößten Brust), ein George-Grosz-Triptychon (eigene Zusammenstellung), Picassos Gitarre im Briefmarkenformat, auf Din A3-Größe hochgerahmt, Marcs blaues Pferdchen und eine reichhaltige Auswahl an Nichtgegenständlichem. Sehr gelungen, wirklich; sehr schön.

Frau Egbert hatte mir die Tür geöffnet und mein Blumenpräsent mit einem Lächeln entgolten. Sie war heute nur dezent geschminkt, ihre Haut weniger verklebt und lebhafter. Die beim Stiftungsfest vorgeführte Bräunung entpuppte sich nun als kosmetischer Effekt und hatte einer natürlichen Rötung weichen müssen, die darauf hinwies, ihre Trägerin sei mit der Zubereitung des Mahles über dampfenden Töpfen eifrig beschäftigt.

"Nein, nein, alles ist vorbereitet. Außerdem habe ich eine Küchenhilfe. Unsere Tochter ist bei der Oma, nur umziehen muss ich mich noch. Franz?"

Der Gerufene eilte herbei. "Pünktlich!" stellte er fest, griff meine Hand und zog mich sachte ins Wohnzimmer. Hier saßen zwei frühe Gäste im Disput und bespuckten sich engagiert über die gläserne Tischplatte. Soweit ich es aufschnappen konnte, stritten sie über den Unterschied zwischen Kunst und Kunstanspruch. Ich kam mir jedenfalls vor wie Donnerstags nachts vor dem Fernseher.

Sie hiessen - nein, das ist unwichtig. Nennen wir sie "den Rechtsanwalt" und "den Maler", beschreiben den einen als etwa fünfzigjährigen, fast kahlköpfigen Brillenträger, den anderen mit den Worten eines großen Dichters: "Er braucht nur einen widerspenstigen Gedanken im Löwenhaupt aufzustöbern, schon schwillt ihm die Kollerader kindskopfdick." Hoher Blutdruck, runde 60, die Mähne ganz unanständig nahe beim Klischee.

"Ah, der Journalist!" tönte der Bass des Anwalts, nachdem mich Egbert dem Duo vorgestellt hatte. "Wir streiten uns gerade, ob der Anspruch, Kunst zu machen, zur Kunst gehört oder diese auch ohne Anspruch entstehen kann."

"Ich sage dass ja." brummte der Maler und fixierte mürrisch mein Kinn.

"Ich" antwortete ich und suchte verzweifelt nach Prädikat und Objekt, "ich halte es mehr mit der Kunst, Ansprüche zu stellen."

Der Anwalt nickte kichernd, nahm seine Brille ab und legte sie vor sich auf den Tisch. Der Maler winkte ab.

"Trinken wir etwas." schlug Egbert vor.

Es stellte sich heraus, daß der Anwalt ein Freund des französischen literarischen Existentialismus war, speziell des Albert Camus. Er plante die Herausgabe eines "Codex Camus", in dem, juristisch sauber paragraphiert, ein Grundgesetz, wie es dem Camus'schen Oeuvre extrahiert werden konnte, formuliert werden sollte.

"Das Gesetzmäßige als Abstraktion des Konkreten." brachte er es auf den Punkt und reizte den Maler zu einer unvermittelten Suada, die gegenständliche Kunst betreffend. Die Kunst - er trank rasch einen Schluck Whiskey - die Kunst sei nun einmal von Natur aus abstrakt. Worauf ich entgegnete, wenn dem so wäre, gehöre auch die gegenständliche zur abstrakten und alles liege beim Betrachter, der wissen müsse, daß alle Kunst inklusive der gegenständlichen abstrakt sei und dem gemäß behandelt werden wolle.

"Wortklauberei." schmetterte der Maler meinen Einwand ab und verdrängte für den Rest des Beisammenseins meine Anwesenheit.

Recht war mir das. Tut mir leid, daß ich nicht ernsthaft über Kunst diskutieren kann. Tut mir leid, daß mich dieser ganze bildungsbürgerliche Krempel einen Scheissdreck interessiert. Ich begann mich zu schelten und sehnte mich nach dem Müßiggang gewöhnlicher Sonntage, mit schlechten Filmen im Fernsehen, mittelmäßiger Musik im Radio, dem gockelnden Feingeistgewäsch der Wochenzeitungen.

Ein weiterer Gast erschien, der als "Pädagoge" vorgestellt wurde, die Güte eines Pensionisten ausstrahlte und sich sofort lautsprecherisch nach dem Essen erkundigte. Dieses, antwortete es aus der Küche, werde jetzt aufgetragen, man solle dem Personal noch fünf Minuten Zeit geben. "Prinz kommt später." bemerkte Egbert. "Wir fangen ohne ihn an."

Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern, was aufgetischt wurde. Die bedauerliche Wahrheit ist die, daß mich die einzige Frau, mit der ich es länger als drei Monate ausgehalten habe, verlassen hat, weil mir ihr gespickter Rehrücken vom Vorabend entfallen war. Jedenfalls lobten wir die Hausfrau unisono.

Die hockte im geschlossenen Frühjahrskleid und nur von großen Ohrringen geschmückt, mit offenen Haaren und Sinnen inmitten der gesprochenen Wörter. Wörter, die um alles gespannt wurden, was ein Gehirn, das über Fressen hinaus denkt, ausbrüten kann. Ein neues Rechtssystem, eine neue Kunst. Ein bildungspolitisches Revirement unter besonderer Berücksichtigung der spielerischen Kreativität, ein generell anderer Zugang zu den Problemen der Welt. Rentenreform und Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger respektive Entschädigung für Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ein Straßenfestival der Pantomime. Gott. Nichtgott. Fussball.

Birgit Egbert hielt ihre Ohren in die von verglühenden Hirnschnuppen durchraste Atmosphäre. Sie dachte nach, warf ein, wurde spontan und nachdenklich. Machte es sich auf ihrem Stuhl gemütlich, kniff ihrem Gatten in die Wange, als dieser lästerte, seine Frau rede langsam wie eine Grüne.

"Es tut gut" sprach Egbert schließlich, "sich über die Dinge unterhalten zu können, ohne gleich in politischer Taktik und diplomatischem Pragmatismus versinken zu müssen. Mir ist das wichtig. Parteidisziplin und Karriereplanung sind eine Sache, der freie Geist und das offene Wort eine andere, aber sie dürfen einander nicht ausschließen oder gar bekämpfen."

Er meinte es ernst, und seine Frau fügte seufzend hinzu, die Politik komme ihr manchmal vor wie Claudia Schiffer, nachdem sie in den Piranhateich gefallen ist. "Oh!" gierte der Anwalt, "Für DIESES Skelett hätte ich auch noch Verwendung!"

Am meisten fesselte ein Wortwechsel die Aufmerksamkeit der Frau Egbert, den ich mit dem Pädagogen hatte. Der schwadronierte von einem revidierten Bildungskanon, neuen Ideen.

"Pappalapapp!" warf ich ein. "Die Schule sollte sich endlich mal darauf besinnen, das Wie zu lehren, bevor sie ihre Wissenstöpfe ausschüttet."

"Machen wir doch!" behauptete dreist der Pädagoge, erhielt aber von der Gastgeberin postwendend den Rüffel, das müsse aber eine seltene Schule sein, an der die Methode über den Trichter gestellt werde.

"Es gibt" unterstützte ich sie "nichts Dümmeres, als vom Bestand einer Privatbibliothek auf die geistigen Kapazitäten ihres Besitzers zu schließen. WIE ein Mensch liest, ist das Entscheidende."

"Das ginge aber gegen meinen Berufsstand!" protestierte Frau Egbert mit gespielter Entrüstung. "Es werden viel mehr Bücher ausgeliehen als gelesen. Und wenn wir uns Sorge um die Qualität machen, schauen bald all die in die Röhre, die von der Quantität leben."

"Überhaupt" fügte der Pädagoge an "ist mir nicht klar, wie man das WIE ohne das WAS vermitteln sollte. Und vergessen Sie nicht: Auch Lehrer sind nur Menschen, denen man vor allem beigebracht hat, Lehrstoff zu verkaufen."

"Lehrer" antwortete ich "sind wirklich keine Heiligen. Manchmal schlagen sie sich sogar gegenseitig tot."

Es wurde still im Zimmer, man legte sich peinlich berührt ins Doppelkinn.

"Ja, ja." sagte endlich Egbert, "die Webers. Wir waren befreundet, sehr gut befreundet. Hanns-Lothar hat oft an Zusammenkünften wie der heutigen teilgenommen. Sie sind, verehrter Herr Horst, gewissermaßen sein Nachfolger."

Es läutete an der Tür, und Egbert, froh über die Ablenkung, schnellte von seinem Sitz. "Das muss Prinz sein. Schaust du bitte nach dem Kaffee, Birgit?"

 

Egbert Karl-Olaf Horst Prinz Diana Weber Herr Weber
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