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Axel Prinz, der - ein Protagonist der Vollbeschäftigung - nun zur Runde stieß, hatte einen hervorragenden Namen als Kulissenschieber. Er war der heimliche Herrscher in seiner Partei, besaß jedoch das Charisma einer Salzkartoffel und würde daher seine Macht niemals offiziell auskosten können. Man wusste nicht genau zu sagen, wie alt er war. Fünfundvierzig? Jünger? Älter? Er schnaufte so dynamisch wie einer, der die Ruhe fürchtet und den Schlaf für eine subtile Form des Totseins hält, begrüßte jeden Anwesenden mit Kopfnicken, mich Neuling handdrückend, fuhr sich durchs zerzauste Haar - vital schwarz - und öffnete das Jackett.

"Ich entschuldige mich in aller Form, liebe Freunde. Aber der Kärrner muss schuften, das ist sein Los."

Prinzens Erscheinen änderte alles. Es war, als seien Mahlzeit und Diskussion nur die unbändigen Streiche einer kindlichen Clique gewesen, die der Organisator des politischen Lebens nunmehr zielstrebig und effizient in ihre Adoleszenz zwang. Am offensichtlichsten vollzog sich der Wandel bei Birgit Egbert. Sie saß nicht mehr leger am Tisch, sondern aufrecht wie in der Rückenschule gelernt. Ihr nacktes Gesicht wünschte sich eine Maske, sie blickte Prinz nicht an, schwieg, bewegte sich nur noch, wenn es galt, Kaffee nachzuschenken. Ihrem Mann mag es ähnlich ergangen sein, doch ließ er es sich nicht anmerken. Seine Prinzenliebe aber trug er so innig zur Schau, daß sie gekünstelt sein musste.

Möglicherweise gibt es Menschen, die ihr Sexualleben in Gestalt eines Tortendiagramms im Gedächtnis mit sich herumtragen und meinetwegen 82% vollstreckten GV und 18 % gescheiterten grafisch-konditorisch gespeichert haben. Prinz jedenfalls hatte die Begabung kultiviert, sich Ideen als potentielle Wählerstimmen vorzustellen, und fanterte etwa der Pädagoge von "neuen Wegen der Wissensvermittlung, denken Sie bloß mal ans Internet!", dann ragte wohl vor Prinzens innerem Auge ein Berg von Stimmzetteln empor, nach dessen Volumen der Stratege entschied, was von einer Idee zu halten sei. "Das bringt uns ein paar Junge und kostet uns viele Alte.": der Daumen senkte sich.

Frau Egbert hatte uns, Küchenarbeit vorschiebend, verlassen, und das Männerquintett zog zu Rauchen / Trinken / Reden ins Wohnzimmer um. Aber was redeten wir noch? Prinz war es gelungen, die Gespräche auf das Maß von Stichworten zu reduzieren, die auf der Stelle bewertet wurden. Er suchte "neue, unkonventionelle Ideen, mit denen wir bestimmte Zielgruppen erreichen. Wir sind eine Volkspartei, und wie Sie wissen, gibt es zwei davon, und wir haben uns das Volk sozusagen gerecht geteilt." (allgemeines Gelächter) "Wer die nächsten Wahlen gewinnen will, braucht die Randgruppen: Künstler, Freigeister, Visionäre - und natürlich diejenigen, die sich dafür halten. DAS macht den Kohl fett!" (Prinz lachte solistisch.) "Für die Jugend werden wir einen Popsänger anheuern, uns eine Wahlkampfhymne zu singen. Für die Alten brauchen wir SIE. Das Ganze muss aber so inszeniert sein, daß wir unsere Stammwähler nicht verlieren."

Maler und Anwalt lamentierten, unter dem alten Vorsitzenden sei für Reformen noch nie ein Platz gewesen. "Ein Traditionalist" schimpfte der Maler mit seinem gröbsten Wort, "ein Antiästhet" titulierte ihn der Anwalt. Prinz nickte, betrachtete Egbert auffällig von der Seite und bestätigte: "Unter DEM nicht. Aber -." Egbert fiel ihm ins Wort. Dass ihm unbehaglich war, übersah keiner seiner Gäste.

"Reden wir nicht von Alltagspolitik an einem solchen gemütlichen Tag."

"Stimmt." sprang ihm der Anwalt bei. "Wo wir doch einen Journalisten bei uns haben, der alles aufschreiben wird."

"Ich achte sehr wohl eine gewisse Vertraulichkeit."

"Ja?" Der Anwalt gab sich kampflustig. "Sie würden also nicht - na, sagen wir, intime Details, die in der Hitze des rhetorischen Gefechts ans Tageslicht kommen könnten, für eine Schlagzeile missbrauchen?"

Ich ließ den Kopf wägend pendeln. "Führen Sie mich nicht in Versuchung!"

Prinz, der neben mir saß, schlug mir mit der Linken auf den Oberschenkel. "Wohlan! Er mag schreiben was er will, solange es uns nützt. Dafür haben wir ihn schließlich eingeladen!"

Ich spielte den Naiven. "Ach?"

"Unser lieber Franz braucht ein Image." sagte Prinz.

"Aber er ist nicht Parteivors... ah!": Im Malerkopf erglühte eine 10-Watt-Birne.

"Nicht doch, nicht doch." wehrte Egbert ab, und Prinz, der zu weit gegangen war und es merkte, stimmte zu.

"Es kann einer Partei nie schaden, sich der Welt jenseits ihrer Gremien und Ausschüsse, Seilschaften und Intrigenbündnissen zu öffnen. Wir spielen mit dem Gedanken, für die nächsten Wahlen ein Innovationsteam zu gründen, ein Ideenbüro, und die Herren sind herzlich eingeladen."

"Ich wollte eigentlich nur meine Bekanntschaft mit Herrn Egbert vertiefen." wandte ich ein. "Und, zugegeben, ihn überreden, sich von mir für den Maxmarkt porträtieren zu lassen."

"Maxmarkt, Maxmarkt!" johlte Prinz. "Mein lieber Herr! Hier geht es um die Zukunft eines Bundeslandes! Sie sind der geeignete Mann, ein Demagoge für die gute Sache. Nur keine falsche Bescheidenheit jetzt, ich erkenne einen Geistesverwandten, nachdem ich nur drei Wörter von ihm gelesen habe. Wir reden noch drüber, ja?"

Ich tat unschlüssig, stimmte dann aber zu. Die Aufgabe sei es wert, überschlafen zu werden.

Es war später Nachmittag, als wir uns trennten. Egberts machten einen müden Eindruck, sie senkte den Blick, sagte leise "Ich hoffe, es hat Ihnen alles in allem bei uns gefallen" und gab mir die Hand.

In Prinzens Limousine zurück in die Stadt.

"Nettes Paar, nicht wahr? Gescheit und -" Er linste kurz zu mir rüber - "sauber; keine Skandale. Was dagegen, wenn ich Ihnen ein Recherchehonorar überweise?"

"Wofür?"

"Analysieren Sie die Partei. Finden Sie Ihre publizistischen Schwachstellen. Machen Sie Vorschläge, wie das zu beheben wäre."

"Die Partei unter ihrem ALTEN Vorsitzenden?"

Er knatschte ein imaginäres Kaugummi. "Der Alte? Vergessen Sie ihn."

 

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