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Diadochenkämpfe. Der alte Vorsitzende war ein Fuchs, erfahren genug, die Schrotflinten zählen zu können, die auf ihn angelegt waren. Er wusste, daß wenigstens eine Breitseite ihn zur Strecke bringen würde, unausweichlich, und hatte aus diesem Grund einen Nachfolger lanciert, einen Paladin als Abklatsch seines Herrn und Meisters. Politische Seelenwanderung.

Vor dem großen Showdown am 12. Juli - offiziell eine turnusmäßige Sitzung des Vorstandes - klapperten jetzt Egbert und die Inkarnation des Alten sämtliche Ortsvereine der Partei ab und warben um Sympathien.

"Egbert kann gar nicht verlieren." war Prinz überzeugt. "Er ist besser, und er hat den fähigeren Mann für die Publicity." Sah mich an, kniff ein Auge zu.

Franz Egbert war sich der Macht seines Repertoires gewiss. Es basierte auf einer Maxime, die als durchgängiges rhythmisches Erkennungszeichen sämtliche Ausführungen des Mannes strukturierte: "organische Vernetzung". Mit dem Bekenntnis zum großen Zusammenhang kaschierte Egbert sein Bestreben, es allen recht machen zu wollen und sich dabei naturgemäß in Widersprüche zu verwickeln. In den Ortsvereinen saßen die jungen Wilden neben den alten Konservativen, die Wirtschaftsliberalen neben den Sozialromantikern. "Sie müssen" redete ich dem Politiker ein "diese auseinanderstrebenden Adressaten zunächst mit einem Netz fangen und dann mit verschiedenen Keulen erschlagen."

Das Netz war Egberts Charisma. Man glaubte ihm aufs Wort, wenn er für die Einbürgerung von Türken war und im gleichen Atemzuge die Gefahr der Überfremdung heraufbeschwor - er nannte sie natürlich "Verlust der Geborgenheit".

"Bringen Sie Ihren Zuhörern bei, sich das gesellschaftliche Leben als ein Nest zu imaginieren." riet ich. "Wenn ein Sperling ein Adlerjunges in sein Nest einlädt, mag das ja moralisch lobenswert sein. Aber es bringt beiden Seiten nichts als Nachteile."

Eine objektive kritische Instanz hätte wohl in Egberts Reden ein Bündel haarsträubender Assoziationen, Prämissen und Schlüsse ausmachen können. Nur: Sobald Egbert redete, gab es keine objekten kritischen Instanzen mehr. Man glaubte ihm einfach.

Dennoch war nicht zu übersehen, daß er litt. Wir fuhren in seinem Wagen aufs platte Land, Egbert lenkte schweigend, nicht nervös, doch unerklärlich traurig. Seine Auftritte gerieten stets glänzend. Nachher fiel er in sich zusammen. Trank mehr Alkohol als er vertrug und sammelte durch diesen plumpen Versuch, seiner Wirklichkeit zu entkommen, neue Pluspunkte in dieser Wirklichkeit. Er war kein arroganter Schnösel. Er war ein geselliger Sinnenmensch. Er trank Bier mit den Biertrinkern, er lachte über die schlechten Witze der Schlechte-Witze-Erzähler.

Ging es endlich zurück in die Stadt, steuerte ich den Wagen. Egbert saß auf dem Beifahrersitz, stierte durch die Scheibe und murmelte Unverständliches.

"Was meinen Sie?"

"Meinen? Was ich meine? Was soll ich denn meinen? Was darf ich denn meinen?"

Hatten wir das Egbertsche Anwesen erreicht, war der Hausherr für gewöhnlich eingeschlafen. Seine Frau und ich stützten den von Müdigkeit, Alkohol und Frustration Geschwächten, führten ihn ins Wohnzimmer, legten ihn auf die Couch. Ich wartete auf ein Taxi, bekam Kaffee serviert.

"Ich mache mir Sorgen." sagte Birgit Egbert. "Das ist nicht er."

Ich sagte nichts.

Auch am 5. Juni war bis weit in die Dunkelheit debattiert und getrunken worden. Ein äußerst unangenehmer Haufer rülpsender Lokalpolitik, ich drängte Egbert, wir sollten aufbrechen. Ich fuhr schweigend, mein Begleiter hing auf seinem Sitz, das Kinn war ihm auf die Brust gesunken, er murmelte, stöhnte, hustete. Wir befanden uns auf einer Straße durch den Wald. Nirgendwo die Lichter von Häusern, selten kam uns ein Fahrzeug entgegen. Ich steuerte den Wagen auf den Randstreifen.

"Is'n kaputt jetzt?" Egbert hob sein Kinn.

"Mist!" fluchte ich. "Irgendwas stimmt nicht mit der Kiste. Haben Sie nicht gehört? Klingt, als wäre irgendwo was locker. Ich schau mal nach."

Öffnen der Motorhaube, Egbert blieb im Wagen. Nach einer Weile kam ich zurück.

"Nichts gefunden." Drehte den Zündschlüssel, nichts tat sich.

"Scheiße."

Egbert lachte. "Stehn wir also mutterseelenallein auf weiter Flur! Ach wie treffend! Haben wir genügend Proviant dabei?"

Ich wies auf ein Licht rechts von uns, etwas abseits der Straße.

"Wir haben Glück. Da vorn ist ein Haus. Ich geh hin und frag, ob ich telefonieren darf. Bleiben Sie hier?"

"Nein!" wehrte er ab. "Wenn mich wer klaut!"

Wir stiegen aus und gingen auf das Licht zu. Ein schmaler Weg führte zu dem Haus, zwanzig Meter auf knirschendem Kies. Uns empfing eine aus mehreren Quellen gespeiste Beleuchtung: zwei Fenstervierecke, von rötlichem Glimmerlicht erhellt, eine Standlaterne auf dem kleinen, von drei Autos bestellten Parkplatz, ein rundes Schild an der Hausfront: "Amour Toujours".

"Das issn Puff!" stellte Egbert fest.

Ich nickte. "Wir wollen ja bloß telefonieren."

Wir traten in das spärliche Rotlicht und also mitten in die Bordellphantasien tadelloser Bürger, von denen drei männliche Exemplare an einem L-förmigen Tresen hockten und drei junge Damen zu etwas überredeten, zu dem diese nicht überredet zu werden brauchten. Niemand nahm von uns Notiz, niemand wollte, daß man von ihm Notiz nahm. Zwei alleinsitzende Mädchen und die obligatorische Alte hinter der Theke ausgenommen.

Ich fragte die Wirtin nach dem Telefon und erläuterte ihr knapp unser Malheur. Sie wies zu einer Tür, auf der "Toilette" stand. "Toilette is rechts, Telefon links."

Als ich zurückkam, saß Egbert vor einem Whiskey, die beiden vorhin noch alleinsitzenden Damen umgarnten ihn professionell. Von den drei anderen Paaren war nichts mehr zu sehen, sie hatten wohl schon die Treppe zu den oberen Stockwerken erklommen: gutsituierte Herren gehobenen Alters und aufgetakelte Mädchen mit mehr Kondomen im Handtäschchen als Jahren auf dem Buckel.

"Eine Stunde wirds dauern." informierte ich meinen Begleiter und bestellte mir ebenfalls einen Whiskey. Die Damen hatten Sektgläser vor sich stehen. Sie sprachen ein rauhes Deutsch, wie es sich in den Weiten Kasachstans erhalten hat, beide blondiert und süßlich duftend, knabenhaft Egberts Wahl, die meine - hatte ich überhaupt eine Wahl? - schlank mit soliden Hüften.

Es war gut geheizt, und es musste gut geheizt sein, trugen doch alle Damen nichts weiter als weisse Korsagen, weisse Strümpfe mit schwarzen Haltern, schwarze Stilettos.

Egbert und seine Partnerin kicherten mehr als sie redeten, mein Mädchen - Anastasia - missbilligte das mitteleuropäische Frühjahr, rekapitulierte mehrere Erkältungen und Verdienstausfälle wegen Glatteis, was ich alles lächelnd abnickte und dabei Egbert nicht aus den Augen ließ.

"Gehen wir hoch?" fragte Anastasia nach zehn Minuten und der Erschöpfung ihrer Wetterberichte. Die Lippen ihrer Kollegin formten dieselbe Frage. Egbert stieß mich an. "Wir sollten zahlen und gehen." lallte er, lachte plötzlich, richtete den Kopf zur Decke und blies resolut Luft aus der Lunge.

"Warum?" fragte ich naiv. "Wenn wir schon mal hier sind!"

 

Egbert Karl-Olaf Horst Prinz
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Karl-Olaf Horst
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