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Er zögerte, kämpfte mit sich. Ich nickte Anastasia zu, beugte mich an ihr Ohr. Sie lächelte und nickte.

"Kommen Sie, Egbert, wir gehen ins Whirlpoolzimmer und entspannen uns zu viert."

Er sah mich mit seltener Dämlichkeit an. "Zu viert?"

"Haben Sie sich nicht so. Falls es Sie überkommt, schnappen Sie sich Ihr Mädel und ziehen sich zurück."

Er zögerte noch immer. Ich stand auf, umarmte Anastasia. Egberts Dame zog ihren Kavalier vom Hocker, hängte sich bei ihm ein. "Avanti!" rief Anastasia seltsamerweise, machte eine Wegweiserhand zur Treppe hin.

Das Whirlpoolzimmer lag im ersten Stock und kostete 600 die Stunde.

"Zahlen Sie?" fragte ich Egbert, der sofort in die Brusttasche seines Jacketts griff und die Hand leer zurückzog.

"Ich muss meine Brieftasche im Wagen gelassen haben. Und soviel Bargeld habe ich auch nicht dabei. Wir gehen besser, ja?"

Ich nahm ein Bündel Hunderter aus dem Hosensack, zählte sechs davon auf Anastasias Handteller, flüsterte ihr etwas ins Ohr, sie nickte abermals und empfing Nummer sieben und acht.

Einem in den gefliesten Boden eingelassenen ovalen Becken gebührte als Namensgeber des Raumes dessen Mittelpunkt. Linkerhand hingen Bidets an der Wand und Regale für Handtücher darüber, rechts waren zwei Kabinen mit Vorhängen abgetrennt worden, dahinter warteten erfahrungsgemäß spartanische Massageliegen auf den Vollzug der im sprudelnden Wasser eingeleiteten Akte.

Schneller als erwartet hatten sich die beiden Damen ihrer Korsagen, Strümpfe und Schuhe entledigt. Anastasia fingerte am Mechanismus des Pools, ein Motor brummte sonor und beunruhigte das Wasser. Ihre Freundin - Tatjana - prüfte die Temperatur des Bidetwassers und wartete auf die Nacktheit der Freier.

Ich zog mich zügig aus und legte meine Kleider auf einen Stuhl, stellte die Aktentasche daneben. Egbert hatte den Oberkörper entblößt und nestelte am Gürtel, hielt mit einem Male inne, sah zu Tatjana, die sich am Bidet wusch, und ließ nun, als sei es unentrinnbares Schicksal, die Hose runter, welche zu fallen sich aus ersichtlichen Gründen weigerte.

Ich beobachtete ihn. Er befand sich im Zustand jener merkwürdigen Trunkenheit, in der du auf erschreckende Weise nüchtern bist, frei von allen Ablenkungen die Dinge so siehst, wie sie sind. Der Slip fiel, und der bislang nur in Hochglanz gekannte Hintern wölbte sich bleich über den Schenkeln. Die Socken behielt Egbert an.

Die gesäuberte Tatjana näherte sich ihrem Kunden. Winkte ihn zum Bidet, Egbert setzte sich zögerlich in Bewegung. Unterdessen hatte auch Anastasia ihre Arbeitsmittel gereinigt und machte sich an die meinigen. Ich legte einen Arm um ihre Hüfte, streichelte ihr mit dem anderen über den Rücken, sie bekam eine Gänsehaut.

Der Pool war für zwei Personen gemacht. Tatjana setzte sich an den Rand, Egbert ging in die Knie. Ich schlenderte zum Stuhl, auf dem meine Kleider lagen, und nahm die Polaroid aus meiner Aktentasche.

In dieser Sekunde geschah es. Nicht dass Egbert das Geräusch der Kamera gehört, sich umgedreht hätte. Das erreichte ihn nicht mehr. Er lag auf dem Bauch, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte. Durch seinen Körper flossen Wellen der Erschütterung. Die Mädchen jammerten.

"Schon gut, schon gut." beruhigte ich sie. Das Foto zwängte sich durch den Schlitz. Ich nahm, schüttelte es und verfolgte den chemischen Prozess.

War dieses Bild ein enorm kunst- und geschmackloses, hätte ein neutraler Fotograf jetzt Gelegenheit zu einem höchst bizarren Schnappschuss gehabt. Zwei nackte Männer am Rand einer übergroßen Badewanne, in der das Wasser tumultarisch arbeitete, um das Fleisch eines erschrockenen Mädchens herum wirbelte, das aus Stein zu sein schien, den einen, liegenden, weinenden Mann bestaunte, unentschieden war, ob ihm Verachtung, Ärger oder Mitleid zustanden, während der zweite Mann, immer noch das Foto schwenkend, sich zum Heulenden beugte, ihm die Hand auf den Hinterkopf legte.

"Gehts wieder?" fragte ich, und Egbert zog den Rotz in die Nasenlöcher zurück, das Gesicht eines greinenden Kindes.

"Lassen Sie uns von hier verschwinden." bat er.

Ich machte den Mädchen Zeichen. Sie rafften ihre Kleider zusammen und gingen hinaus. Die Maschine surrte weiter. Wir zogen uns schweigend an, Egbert wischte sich mit Tempotaschentüchern sorgfältig über das Gesicht, bis es trocken war und rot. Ernüchtert. Nicht die Nüchternheit vor lauter Trunkenheit, sondern die heillose, ausweglose, die alle Abgründe zeigt und alle Wege zu ihnen. Ich hielt ihm das Foto hin, vier, fünf Sekunden. Dann zerriss ich es.

"Was wollen Sie?" fragte er tonlos. Wir verließen den Raum, stiegen die Treppe runter, durchquerten die Bar, standen draußen in der Nacht, liefen zur Straße.

"Was ich will? Sie an ein anderes Foto erinnern."

"Ach ja." Die Emotionslosigkeit der Antwort machte mich wütend.

"Ach ja? Wissen Sie?"

"Ihre Andeutungen in der Zeitung waren grob genug. Woher haben Sie es? Von Weber?"

"Hat er es gemacht?"

Egbert blieb stehen, schüttelte den Kopf, ging weiter.

"Ich war so ein Idiot. Er hat mich gelockt. Nach irgendeiner von diesen furchtbaren Parteiveranstaltungen. Der Alkohol - Sie haben mich ja erlebt. 'Komm doch mit.' - und ich dachte: Weber? Ein Oberstudiendirektor? Da kannst du mitgehen. Das kann nichts Schlimmes sein. Keine Ahnung, wohin wir gegangen sind. Klar geworden bin ich erst, als es klick machte und ich den Blitz sah. Weber hatte ja immer eine Kamera dabei. Sein Steckenpferd. Alltägliche Situationen fotografieren, entwickeln. Alle paar Jahre eine Ausstellung in der Zweigstelle der Sparkasse. Ich hab nix gemacht. Filmriss. Ich träumte, neben einem Kind zu liegen. Einem nackten Mädchen. Selber nackt zu sein, einen unbekannten Gegenstand im - Arsch. Son beknackter Albtraum. Weber nach dem Foto zu fragen traute ich mich nicht. Wenn es doch nur ein Traum gewesen wäre? Ich denke - er hat es einfach gemacht. Ohne sich groß was dabei zu überlegen. Vielleicht brauchte er auch das Gefühl, bei Bedarf Macht zu haben über mich. Weiss nicht. Im Sommer schließlich, Juni, Juli, rief er mich an. Nervös war er. Ob ich das Foto gestohlen hätte. Da war die Albtraumtheorie dahin. Ich hatte es natürlich nicht gestohlen. Ja - und dann schreiben Sie in der Zeitung, und mir ist klar, daß Sie das Foto haben müssen."

Wir saßen im Wagen. Ich zündete zwei Zigaretten an, gab ihm eine.

"Das war also etwa zum Zeitpunkt des Todes von Frau Siebenlist."

"Ja." bestätigte Egbert. "Etwa. Womit ich auch nichts zu tun habe, ich schwörs. Weber und ich haben nicht mehr darüber geredet. Wir haben uns nur noch selten gesehen. Was werden Sie jetzt tun?"

 

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Egbert
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
Heidemarie Siebenlist
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