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"Was ICH tun werde? SIE werden etwas tun. Sehen Sie: Zuerst wollte ich Sie vernichten. Sie in aller Öffentlichkeit bloßstellen. Dann - Sie sind ein komischer Kerl, Egbert. Pack. Übles Pack sind Sie und Ihresgleichen. Andererseits tun Sie mir leid. Das ist nicht Ihr Leben. Eigentlich sind Sie sehr nett. Sehr ehrlich - und total unfähig, sich in der Welt zurechtzufinden, ohne sich selbst zu belügen. Sie sollten Ihre Frau und Ihr Kind nehmen und von hier abhauen. Geld müsste doch da sein. Suchen Sie sich was Abgelegenes. Schreiben Sie ein Buch oder schreiben Sie keins. Lassen Sie sich die Sonne auf den Pelz scheinen oder studieren Sie Theologie oder werden Sie Hausmann, während Ihre Frau als Bibliothekarin arbeitet. Mir egal."

"Ich hab Weber nicht umgebracht." beteuerte er plötzlich.

"Weiss ich. Aber das ist Nebensache. Ich verlange von Ihnen, daß Sie aussteigen. Und um sicher zu gehen, daß dieser Ausstieg endgültig sein wird, werden Sie am 12. Juli folgendes tun. Sie treten ans Rednerpult und halten eine Rede. Sagen Sie einmal nur, was Sie wirklich denken. Dann lassen Sie die Hosen runter."

"Wie bitte? Hosen runter?"

"Nicht im übertragenen Sinne. Das auch. Richtig die Hosen runter. Gürtel auf, Knopf auf, Hosen runter."

Er lachte panisch und schlug mit der Faust auf das Armaturenbrett.

"Wie bitte? Was?"

"Sich so aufstellen, daß es die Kamera mitkriegt - und Hosen runter." wiederholte ich langsam. "Tun Sie es nicht, wird man das Foto in Ihrer Brieftasche finden - die ich Ihnen leider habe entwenden müssen. Selbstverständlich erhalten Sie sie nach dem 12. schnellstens zurück."

Er sah mich an, lauernd, überlegend.

"Sie überlegen jetzt, welcher Abgang der elegantere wäre. Wahrscheinlich hegen Sie die Hoffnung, man könnte das Foto unterdrücken. Aber es werden so viele Leute davon wissen, daß, selbst wenn Sie jeden ruhigstellen könnten, Ihr Leben eine einzige Gefangenschaft wäre. Noch schlimmer als jetzt. Abhängigkeiten, Verpflichtungen und die ständige Angst, es würde doch publik."

"Ich habe nichts gemacht!" beharrte Egbert, kraftlos und sich die Stirn mit den Fingern reibend. "Eine Verfehlung: ja. Nicht zurechnungsfähig. Aber keinen Mord!"

Ich ließ den Wagen an.

"Aha, alles perfekt eingefädelt!"

"Das ist das wenigste. Hören Sie zu: Das mit Ihrer Verfehlung und Ihrer Unzurechnungsfähigkeit interessiert mich nicht. Ich habe Sie in diesen Puff gelockt, um mich zu vergewissern, welcher Sorte von Schweinen Sie angehören: den Dreckschweinen oder den armen Schweinen. Sie sind beides. An Ihrer Schuld ändert das wenig. Normalerweise hätte ich Sie laufenlassen. Aber - Sie haben das Pech, für etwas geradestehen zu müssen, das Sie nicht zu verantworten haben. Sorry."

Er fragte nicht, was ich damit meinte, und es war mir recht so. Ich drohte ihm mit dem Negativ des Bildes, auf dem Webers Fingerabdrücke seien. "Die Polizei lechzt nach so was." Er nahm es zur Kenntnis und fragte auch nicht, woher ich das Negativ hätte.

"Warum machen Sie das nur?"

"Suchen Sie sich was aus: Weil ich einmal im Leben Gott spielen möchte oder weil mich die Politik ankotzt. Weil mir Ihre Frau leid tut. Ja, das ist es wahrscheinlich. Bereiten Sie sie auf die Sache vor. Erzählen Sie Ihr, das ganze Sichverstellen, Lügen und Antichambrieren ginge Ihnen auf den Geist. Von mir wird Sie die Wahrheit nicht erfahren, ich verspreche es Ihnen. Sie wird vielleicht sogar stolz auf Sie sein, und das ist mehr als Sie verdient haben."

"Da könnten Sie sogar recht haben." Er lächelte jetzt sogar. "Mit beidem."

"Was wissen eigentlich Dorsten und Prinz?"

"Alles. Aber Sie werden schweigen."

"Ebenfalls Gäste in den Schlafzimmern der Frau Siebenlist, nehme ich an."

Egbert nickte.

"Schön. Nur der Vollständigkeit halber: Sagen Sie den beiden nichts davon. Ich traue Ihnen zu, mir das Lebenslicht ausblasen zu wollen. Auch das fiele auf Sie zurück. Ich habe Vorkehrungen getroffen. Das Foto ist an sicherem Ort und wird am 13. Juli seinen Weg in die Redaktionen von Zeitungen, Funk und Fernsehen nehmen. Eine Journalistin - Sie weiss nichts Konkretes - heftet sich im Falle meines Ablebens an Ihre Fersen. Sie ist ehrgeizig, fähig, gnadenlos. Sie wird etwas über Sie herausfinden - IRGENDetwas."

"Ich sage keinem auch nur ein Wort. Und mir trauen Sie einen Mordversuch hoffentlich nicht zu."

"Komischerweise nicht; nein."

Wir hatten die Stadtgrenze erreicht. Ich hielt an.

"Sind Sie nüchtern genug, um allein weiterzufahren?"

"Nüchtern? Oh ja."

"Prima. Dann fahren Sie. Ich komme zurecht."

Aussteigen. Er kletterte hinter den Lenker, der Wagen fuhr langsam an mir vorbei, verschwand.

*

Gesine sagt nichts. Eine Zigarette lang liest sie in meinem Gesicht.

"Du bist verrückt." Sie drückt die Zigarette im Aschenbecher aus. "Aber auch so was von verrückt! Er hat dreimal versucht, dich umzubringen! - Oder Dorsten? Prinz?"

Ich schüttele den Kopf. "Keiner von den dreien. Die Sache mit dem Auto–eine sehr komplizierte Geschichte, und ich bin weit davon entfernt, wirklich zu wissen, was da passiert ist. Warte ab, bis du alles weisst, dann dürftest du auch den Vorfall mit dem Auto verstehen.

Weiter: Boskonz - ein natürlicher Tod. Die Absaugmaschine - nun, ich muss gestehen, das war eine Schnapsidee von mir. Hätte ich gewusst, in welche Gefahr ich dadurch kommen würde, hätte ich nicht dran rumgefummelt. Aber ich musste den Eindruck erwecken, man trachte mir nach dem Leben. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Es gibt eine Fernsehjournalistin, die bezeugen wird, ich hätte Egbert im Verdacht gehabt, die Anschläge verübt zu haben."

"Aber dein Treppensturz!"

"Das ist eine andere Geschichte. Die gibt es nach dem Finale."

"Nach welchem Finale?"

"Dem am Sonntag."

"Und die Fotos? Hast du sie? Hast du sie nicht? Das Negativ?"

"Komm." sage ich. "Gib mir eine Zigarette. Und sei geduldig."

 

 

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