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9 Endspiele

Die Zeit bis zum Sonntag flieht vor der Ungeduld. Seltsam, wie kalt das WM-Finale die Gemüter lässt. Deutschland gegen Nigeria! Eine historische Partie zweifellos, die Zeitungen - ich lese ja keine - werden voll sein vom Raunen über einen Wendepunkt im Verhältnis der Welten zueinander. Kommt es bald zu einer Umwertung aller Werte? Srilankesen gewinnen Skiwettbewerbe, Mongolen errichten ein High Tech - Monopol, und Europas Dekadenz flüchtet als boat people übers Meers ins paradiesisch reiche Mauretanien, wo man mit diesen faulen Farblosen wenig zu tun haben möchte. Sollte Nigeria Fußballweltmeister werden.

Schwester Benediktas indifferente Reaktion auf das Ereignis - "Wer spielt? Och, ich hab anderes zu tun!" - mag einen hierzulande weit verbreiteten Sportchauvinismus widerspiegeln, der in der Überzeugung gipfelt, a) sei niemals ein afrikanisches Land zum Gewinn des Fußballweltmeistertitels befähigt, wegen erwiesener Disziplinlosigkeit, trotz erkennbarer Ballgenialität, und b) schon gar nicht gegen Deutschland und seine effizienten Tugenden. Man sollte der Nonne unterjubeln, die Mehrheit der nigerianischen Bevölkerung huldige Herrn Allah und sei nicht - wie sie es in ihrer grenzenlosen christlichen Naivität glauben dürfte - den kreuzschwingenden Missionaren aufgesessen. Daumen drücken für Deutschland heisst Bestrafung des Heidentums.

Den für Gesine festzuhaltenden geringen Stellenwert des athletischen Kräftemessens verstehe ich hingegen gut. Meine Pläne mit Egbert bedenkend, schwankt sie beträchtlich zwischen empörter Ablehnung und zaghafter Zustimmung. In der Nacht zum Freitag versucht sie ein Resümmee des Falles, wägt Egberts Schuld gegen seine Strafe ab - und stockt.

"Sag mal: Die Mordversuche, gut und schön. Das rollende Auto - darüber liegt deinerseits noch der Mantel des Schweigens. Der Tod des armen Herrn Boskonz ein seltenes medizinisches Phänomen - die Untersuchungen sind übrigens abgeschlossen, die Leiche ist vergraben und die Witwe beruhigt - deine Blutabsaugerdummheit, naja: eben DEINE Blutabsaugerdummheit. Aber dein Sturz! Der Sturz der Frau Siebenlist! Herrn Webers Ermordung!" Sie klemmt meine Nase in die Zange aus Zeige- und Mittelfinger. "DUUU. Verschweig mir nicht immer die wichtigsten Geschichten!"

Ich vertröste sie auf Sonntagnacht. "Sonntagnacht ist alles vorbei. Das Finale dort - das Finale hier. Finito."

Sie hat ihren Oberkörper so dicht an meinem Mund, daß ich - "Lass das! Menschenwürde!, mein Guter. Wie hältst dus mit der Menschenwürde? Du zwingst den Mann dazu, sich zu erniedrigen, seine sozialen Kontakte abrupt zu beenden. Man wird ihn ausstoßen! Ist das gerecht?"

"Sei ganz ruhig." Ich wärme mich am Feuer ihrer Augen. Längst nicht mehr so schwül draussen, eine Schlechtwetterfront hat uns im Griff. Der Regen muss warm sein.

"Egbert erhält seine Menschenwürde erst durch die Erniedrigung zurück. Ich habe mir das genau überlegt. Es gibt Situationen, in denen kann man von seinen eigenen Talenten erniedrigt werden. Der größte Dichter, liebe Gesine, hieß vielleicht Kurt Meier - oder, wenn dir das lieber ist, Sophia Meier und war ne DichterIN - und hat nie eine Seite geschrieben, weil seine Begabung so überragend war, daß sie den Kurt Meier, wie er selbst sich gesehen hat, vernichtet hätte. Son genügsamer Bauer oder Beamter, könnte ich mir vorstellen. Er weiss: Ich muss nur zwei, drei Gedichte fabrizieren und schon sitze ich bei Goethes am Tisch und darf über die Farbenlehre quatschen. Will ich das? Käme ich mir nicht vor wie ein blödes Stück Kulturscheisse? Aber ja doch. Also lass ichs bleiben. - Egbert ist in die Falle seiner Talente getappt. Für ihn wird die Erniedrigung zu einem karthartischen Akt. Er reinigt sich vom Dreck und schaufelt ihn dorthin zurück, von wo er gekommen ist: auf die weissen Westen der Herren Prinz und Dorsten."

"Ah! Daher weht der Wind! DIE willst du vernichten!"

"Angenehmer Nebeneffekt, ich gestehs. Aber, im Vertrauen: Eigentlich reinige ich mich selbst."

"Du dich? Von was? Vom schlechten Gewissen! Weil du, wenn Egbert im Bordell nicht zusammengebrochen wäre, mit deiner - wie hiess sie noch? - Anastasia geschlafen hättest?"

"Nein, nein, werd nicht albern. Von einem bösen Schatten, Gesine, einem Gespenst. Egberts Aktion wird von stellvertretender Symbolik sein. Er vollzieht, was ein anderer nie hat vollziehen müssen, einer, der mir möglicherweise 25 Jahre meines Lebens gestohlen hat. Vielleicht war auch er betrunken. Vielleicht hatte er selbst eine vierzehnjährige Tochter, die er wie einen Augapfel gehütet hat und die vom besten Papi der Welt schwärmt, wenn sie ihn heute im Altersheim besucht."

"Sprich!" verlangt Gesine energisch und macht wieder die Nasenklemme (ein gewalttätiges Weib? Nun, Ärztin halt -).

Ich greife das Päckchen vom Nachttisch, reisse das Papier auf. Drei Briefe kommen zum Vorschein.

 

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