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Ich lehnte eine Zigarette lang am Geländer vis-à-vis von Wollheims Haus, wo im zweiten Stock Licht brannte, ein unruhiges Flackern. Der Alte schaute fern, kurz nach zehn, die zweite Halbzeit Brasilien - Norwegen hatte begonnen. Guckte er überhaupt Fußball? Die Haustür war nicht abgeschlossen, man konnte nur schmunzeln über so viel Arglosigkeit.

"Sie? So spät? Ist was passiert?"

Drei Fragen, und schon bei der zweiten trat Wollheim einen Schritt zurück und einen zur Seite. Ich hatte seine Wohnung zuvor nie betreten. Sie war übermöbliert, was, wenn man Erinnerungen hortet und mit jedem unnütz gewordenen Gegenstand auch ein Stück Vergangenheit wegwerfen müsste, unvermeidlich ist. Altertümliche, mächtige, dunkle Schränke machten aus dem Wohnzimmer eine winzige Zelle, die kaum Platz für Tisch und Sessel und Fernseher bot. Unter dem Fenster stand eine kunstvoll gedrechselte Truhe, darauf lagen Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, die Tagespost. Und es lief tatsächlich Fußball, tonlos. Ich schenkte den geschmeidigen Jungs in ihren grün/gelben Kombinationen einen Blick, den Hünen in Blau - oder war es schwarz? - einen halben. Das Bild flimmerte, seine Ränder zuckten, das Gerät war alt wie alles hier.

"Setzen Sie sich doch."

Wollheim schlurfte zu einem der Schränke, hinter dessen Glasfront Flaschen aufgereiht waren. "Möchten Sie etwas trinken? Einen Cognac?"

Ich verneinte. Er nickte und setzte sich in den zweiten Sessel, mir gegenüber. Einige Sekunden schwiegen wir. Wollheim starrte auf die Fernbedienung vor sich und spielte mit dem Gedanken, den Ton anzustellen, damit wir uns einen gemütlichen Fernsehabend für den Rest der Begegnung machen konnten. Dann aber lehnte er sich in seinen Sessel zurück, schloss die Augen, atmete kräftig aus und sagte:

"Ich habs gewusst. Schon als sie jeden Mittwochnachmittag gekommen sind und still dasaßen. Wozu sitzt der da? Redet mit mir über Bleistifte?" Er beugte sich vor, öffnete die Augen und sah mich ruhig an. "Seit wann?"

"Von Anfang an. Ich war mir natürlich nicht sicher. Und, ganz ehrlich, es hat mich auch nicht sonderlich gekümmert. Kein Gerechtigkeitswahn. Es gab eine Wohnung mit fünf Schlafzimmern und Teddybären, später sah es so aus, als wäre das alles die Neurose einer einsamen und traumatisierten Frau."

"War es auch." sagte Wollheim leise. "Zunächst. Sie ist aus Hamburg gekommen, nach der Scheidung. Hier hat sie einen Mann kennengelernt, aber das wurde nichts. Dann kam sie zu mir. Meine Frau war gerade gestorben."

"Sie kannte Sie aus Hamburg?"

"Nicht persönlich, nein. Ich unterrichtete an einem Gymnasium, sie hatte eine Freundin, die meine Schülerin war. Von ihr hat sie..."

"...erfahren, warum sie damals den Schuldienst quittieren und die Stadt verlassen mussten." ergänzte ich.

Er bestätigte es. "Eine schlimme Geschichte, ja. Wieviel wissen Sie darüber?"

"Nichts." antwortete ich. "Keine Details. Aber wir beide sind uns sehr ähnlich in unserem Schicksal, Herr Wollheim, obwohl unsere Schicksale sich nicht ähnlich sind."

"Ich weiss. Sehr ähnlich."

"Sie hatten ein Verhältnis mit einer Schülerin, nehme ich an."

"Ja. Nicht gegen ihren Willen, wie ich betonen muss. Aber sie war 16, ich 33. Es waren die fünfziger Jahre. Ich besaß als berüchtigter Linker zudem nicht gerade viel Kredit. Man wollte keinen Skandal, sonst hätten sie mich mit Vergnügen eingesperrt."

Ich schlug ein Bein übers andere und machte es mir im Sessel gemütlich, wohl weil mir ungemütlich war. Wohin sollte ich schauen? Eine fatale Auswahl: wurmstichiges, düsteres Holz, zugestaubte Flaschen und Vasen, die blind gewordene Lackierung der Tischplatte, ein taktisches Fußballspiel, Wollheims Gesicht. Wollheims Gesicht.

"Sie hat Sie erpresst, nicht wahr? Womit wissen wir. Aber wozu?"

Wollheim räusperte sich und sprach die folgenden Worte an mir vorbei gegen das schmale Stückchen freie Wand zwischen zwei Schränken:

"Sie sagte: Ich habe den Hass, Herr Wollheim. Ich gönne keinem seine Kinder. - Was hätten Sie darauf geantwortet? Tut mir leid? Ich verstehe Sie? Das ist nicht gut? Sie hat nur abgewunken. Nichts tun Sie! Ich kenne Sie doch, Herr Wollheim: Sie sind pädophil. -" Er stockte, räusperte sich erneut. "Monate später - Sie müssen wissen, Herr Horst, Frau Siebenlist hatte Stil und Klasse. Damals jedenfalls. Eine Frau Ende vierzig, lebenslustig. Sie lernte Männer kennen, sie gehörte zu Cliquen, sie hatte ein gutes Auskommen und Geschmack, sie wusste sich zu benehmen, sie konnte reden, über Dinge reden, von denen sie nichts verstand, aber sie tat gebildet, und man nahm es ihr ab. - Was ich damit sagen will: Sie war eine Frau, die bekam, was sie wollte. Nicht die Männer, die waren ihr gleich. Sie suchte Männer, denen auch sie gleichgültig war. Ging mit Ihnen aus. Bevorzugt in Cafés, die von Schulmädchen besucht wurden. Sie beobachtete die Männer. Ihre Blicke. Wie sie die kleinen Mädchen, die vorübergingen, in Gedanken vergewaltigten. Und dann kam sie zu mir. Sie sagte: Ich habe die Kundschaft, Herr Wollheim, den Grundstock. - Die Kundschaft! Ich verstehe nicht, Frau Siebenlist. - Wieder diese wegwerfende Handbewegung. Sie verstehen! Ich habe die Männer, und Sie besorgen die Mädchen. Aber Frau Siebenlist! Wie soll ich Mädchen besorgen? Was heisst das überhaupt - 'besorgen'? - Sie können das, Herr Wollheim. Sie machen das schon."

Er kramte nach seinem Taschentuch und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Brasilien führte 1:0.

"Ich -" Er hustete. Kramte abermals nach seinem Taschentuch, hustete kräftig hinein, sagte: "Pardon." und fuhr fort:

"Ich war ratlos. Fügte ich mich nicht, würde sie mich denunzieren, mein Geschäft wäre verloren. Tat ich, was sie wollte - Sie hatte begonnen, die fünf Zimmer einzurichten. Bestellte Massenware bei verschiedenen Möbelhändlern, damit es nicht auffiel. Eines Tages kam sie strahlend in meinen Laden, eine große Tüte dabei. Schauen Sie nur, Herr Wollheim! Sie griff hinein und zog einen Teddybären heraus. - Fünf Stück, Herr Wollheim, fünf Stück! Sind sie nicht niedlich? Die Mädchen werden sich freuen. - Sie war krank, Herr Horst. Sie fühlte sich als Mutter und Verderberin zugleich."

"Und wie -?"

Er wurde lebhaft, gestikulierte mit den Händen, den Armen, seine Füße rieben unruhig auf dem Parkett.

"Ich hatte EINMAL -"

Ich schrie ihn an: "Sie lügen, Herr Wollheim!"

Er schreckte zurück, warf den Kopf zur Seite, als wollte er einem Hieb ausweichen.

"Sie lügen! Erzählen Sie mir von der kleinen Judith. Fünfundzwanzig Jahre ist das her, Ihre Frau hat noch gelebt, keine Frau Siebenlist weit und breit. Judith! Sie erinnern sich? Wie haben Sie sie in Erinnerung? Als unbeschwertes, hübsches Schulmädchen? Als schockiertes Stück Fleisch für Ihre Lust? Als lebloses Gewicht an einem Strick an einem Kellerfenster?"

Er schlug die Hände vors Gesicht und weinte, es war wie im Whirlpoolzimmer, aber Wollheim war nicht Egbert.

 

 

Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Herr Wollheim
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
Heidemarie Siebenlist
Herr Wollheim

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